Leseproben

Gemeißeltes Glück

Kapitel 1

Wenn man in ein nicht allzu tiefes Erdloch tritt, verknackst man sich im günstigsten Fall den Fuß. Wenn dieses Erdloch allerdings unendlich tief ist, schlittert man in eine andere Welt.

Nein, die Heldin in dieser Geschichte heißt nicht Alice, sondern Isabelle. Und sie hätte bei ihrem Spaziergang durch den Park nie im Leben gedacht, dass sie die Hauptfigur in einem Abenteuer werden würde.

Sie, die sich am liebsten in ihren vier Wänden aufhielt, die ihre gemütliche Wohnung nur verließ, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu gehen. Oder, in ganz seltenen Fällen, sich mit einer Freundin auf ein Glas Prosecco zu treffen. Die Außenwelt empfand sie als unangenehm, stinkig, viel zu hektisch und manchmal sogar als bedrohlich.

Nun war es an diesem verhängnisvollen Samstag aber so, dass ihr erstmalig die Decke auf den Kopf fiel. Warum, wusste sie selber nicht. Ihr Zuhause war schön eingerichtet; teils Vintage, teils Modernes. Tolle Fotografien an den Wänden, viele Bücher, erstklassige Musik, massenweise DVDs. Was brauchte man mehr?

Isabelle hatte die Hausarbeit erledigt, geduscht, eine Kleinigkeit gegessen. Das Wetter war schön; sonnig, leicht windig. Sie verspürte plötzlich den Wunsch, die Sonne auf ihrer Haut zu fühlen, den Wind durch ihre Haare säuseln zu lassen.

Die nahegelegene Grünanlage erschien ihr dafür perfekt. Betreten hatte sie diese Oase voll altem Baumbestand zwar nie, doch auf dem Weg zur Bushaltestelle hatte sie immer wieder mal einen Blick zwischen die betagten Eichen geworfen.

Ein sandiger Weg führte in das Dickicht, und manchmal sah sie Paare hineinlaufen; vielleicht auf der Suche nach einem urigen und originellen Liebesnest.

Sie hatte leider keinen Freund. Sebastian hatte sich von ihr getrennt, sich nach vielen Jahren gemeinsamen Lebens in eine andere verliebt.

Jeder Versuch, die Partnerschaft zu retten, war zwecklos gewesen. Isabelle, anfangs am Boden zerstört und aller Hoffnung beraubt, hatte sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen und nach einer langwierigen Entwicklungsphase endlich zu sich selbst gefunden.

Sie hatte diesen ganzen Mist hinter sich gebracht, giftige Emotionen verarbeitet und ausgeschieden. Ausgeglichenheit und innerer Frieden waren an die Stelle von Drama und schlaflosen Nächten getreten.

Auf einmal klopfte ihr Herz als läge ein Versprechen in der Luft. Ja, sie würde in die Welt hinausgehen.

Isabelle fuhr sich durch die kurzen, rotbraunen Haare und überprüfte ihr Make-up. Die dunklen Augen waren sorgfältig geschminkt und rosa Lipgloss ließ ihren Mund glänzen. Sie hatte ein T-Shirt mit Rockband-Logo und ihre neuen Designer-Jeans angezogen, dazu italienische Schuhe aus butterweichem Leder. Wenn sie schon ausging, wollte sie ordentlich aussehen.

Kapitel 2

Der Busfahrer wartete auf Isabelle, als sie die Straße überquerte, doch sie signalisierte, dass sie nicht einsteigen würde. Stattdessen bog sie in den Weg ein und hörte, wie sich der Wagen entfernte.

Die leichte Brise legte sich schlagartig, und grünliches Licht umfing sie. Kein Wunder, dass Paare gern hierher schlenderten. Die Atmosphäre war magisch. Die Stille wie Balsam. Der Duft von Laub und Erde betörend. Und das nach nur ein paar Schritten.

Die Sonne hatte keine Möglichkeit, den Erdboden zu erreichen. Dicht belaubte Baumkronen hinderten die Strahlen am Durchkommen und schienen auch jedes Geräusch fernzuhalten. Doch es war nicht düster, was sie ziemlich irritierte, und nach einer Weile schien ihr, als ob ein kleiner Nager im Laub raschelte, so sensibel reagierte mit einem Mal ihr Gehör.

Der Pfad wand sich erst nach rechts, dann nach links. Nirgendwo war eine freie Rasenfläche auszumachen, wo Leute sich setzen, ein Buch lesen oder ein Picknick abhalten konnten. Wieso nannte sich das eigentlich Park? Sollte dies nicht zum Verweilen einladen? Anscheinend nicht.

Man lief durch ein Labyrinth, und ihr kam es wie eine Geh-Meditation vor, je tiefer sie in diesen Urwald gelangte.

Empfanden es andere Spaziergänger genauso? Gab es Verstecke? Eine kleine Hütte etwa, einen Pavillon, oder würde gar ein verzauberter Wasserfall sie überraschen?

Ein Laut schreckte Isabelle auf. Klang wie ein Vogel. Sie blickte hoch, ein paar Äste wippten, aber sie konnte nichts entdecken. Wohl gerade weggeflogen.

Und da geschah es: Ihr Fuß trat ins Leere.

Kapitel 3

Isabelle rutschte und schrie. Sie war in eine Art Schacht gefallen, verspürte jedoch keine Schmerzen. Weder Steinchen noch Wurzeln noch Erdbrocken, die man in so einem Loch erwarten würde, zerkratzten ihre nackten Arme oder scheuerten ihre Jeans auf.

Nein, im Grunde schmiegte sich im Fallen etwas Seidiges, scharf Riechendes um ihren Körper. Und dies war unerklärlich und beängstigend.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte die Rutschpartie jäh auf. Isabelle landete unsanft auf ihrem Allerwertesten; und diesmal tat es weh, denn der Untergrund war hart.

Sie rappelte sich hoch und rieb sich den Hosenboden. Ihr fiel auf, dass es angenehm warm war; und es roch nach jahrhundertealtem Staub. Sie hätte eigentlich klamme Kälte und Modergeruch vermutet. Weit gefehlt.

Dann blickte sie sich um. Viel konnte sie nicht erkennen, nur Schemen von Steinquadern, denn von einer Öffnung drang ein schwaches Leuchten in den Raum.

Es musste ein Raum sein, dachte sie. Wahrscheinlich ein Gebäude, das im letzten Krieg zerstört und von der Natur überwuchert worden war. Aber in dieser Tiefe? Eventuell handelte es sich sogar um eine archäologische Sensation. Und sie hatte diese Entdeckung gemacht!

Nicht schlecht, das gefiel ihr. Jetzt galt es, hier wieder rauszukommen und der Öffentlichkeit diesen Fund kundzutun.

Keine Panik, es ist alles gut. Isabelle sprach sich Mut zu, ändern konnte sie eh nichts. Unmöglich, den Schacht wieder hochzuklettern. Also durch dieses Tor und schauen, ob nicht noch ein Ausgang existierte.

Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis sie in einen größeren, helleren Raum trat, von dem aus breite Stufen in die Tiefe führten. Wie, noch weiter runter? Geht denn nichts aufwärts? Isabelle wurde ärgerlich, aber es nutzte nichts. Sie stieg die sich windende und nicht endende Treppe hinab.

Nach jeder Biegung wurde es heller. Und Geräusche drangen an ihr Ohr. Träumte sie? Wer war denn noch hier?

Sie sollte es gleich erfahren. Auf halbem Wege angekommen, eröffnete sich ihr ein außergewöhnlicher Anblick: eine Halle enormen Ausmaßes, nein, eine unterirdische Stadt.

Kapitel 4

Isabelles Atem stockte, das Herz setzte einen Schlag aus. Ihre Augen wanderten unruhig hin und her, als wüssten sie nicht, was sie als Erstes erfassen sollten; die aus den Höhlenwänden gemeißelten Bauten, die kleinen Häuschen und Buden …

Schließlich blieb ihr Blick am Naheliegenden hängen – zu ihren Füßen führte ein Weg aus Kopfsteinpflaster zu kleinen Ständen, an denen Waren angeboten wurden. Von ihrem Standort aus betrachtet konnten es Obst und Gemüse sein.

Menschen drängelten sich davor, packten die Produkte in Körbe und holten im Gegenzug Objekte aus Beuteln hervor, die sie den Verkäufern reichten.

Neugierig schritt sie die letzten Stufen hinab. Die Leute waren beschäftigt, niemand schien sie zu bemerken.

Sie näherte sich ihnen, mischte sich unter sie, schlängelte sich an ihnen vorbei. Der letzte Schrei war deren Kleidung nicht gerade; lange Röcke und Oberteile für die Frauen, weite Hosen und Hemden für die Männer. Größtenteils Leinen in gedeckten Tönen. Bei den Kindern das Gleiche. So etwas fiel Isabelle sofort auf. Fiel sie denn keinem auf?

Ob sie wohl jemanden ansprechen sollte, fragen, wo sie sich befand? Nein. Sie entschied sich dagegen, um den Zauber nicht zu zerstören. Es war, als wäre sie auf einem fremden Planeten gelandet. Wollte diesen Zauber mit allen Sinnen einfangen, ohne sich den Fragen ihres Verstandes zu stellen.

„Mama!“ Eine schrille Stimme riss Isabelle aus ihren Gedanken. Ein Kind zeigte mit dem Finger auf sie und klammerte sich ans Bein seiner Mutter. Diese schaute Isabelle unverwandt an und beruhigte den kleinen Jungen. „Scht … sie ist eine Neue. Du musst keine Angst haben.“

Sofort bildete sich eine Menschentraube um Isabelle. Männer und Frauen lächelten ihr zu. Und aus der Menge löste sich ein Mann.

„Willkommen“, sagte er und reichte ihr die Hand. Isabelle musterte ihn; dunkelhaarig, mit undurchdringlichen Augen. Gut aussehend.

Die Insel-Sitterin

Kapitel 1

Der Fischkutter mühte sich durch die hohen Wellen. Ich stand am Bug, hielt mich krampfhaft an der Reling fest und spürte, wie sich mein Frühstück mit dem Meer vereinen wollte.

Eine stolze Gallionsfigur sah anders aus. Aber die frostige Luft war besser, als auf der Brücke neben dem vierschrötigen Kapitän oder unter Deck in der miefigen Kombüse zu hocken; selbst wenn tiefgraue Wolkenberge bedrohlich über mich hinweg zogen.

Während ich die Nase in den eisigen Wind hielt, meinen Wollschal fester um mich wickelte und tapfer gegen die Übelkeit ankämpfte, erblickte ich in der Ferne das Ziel der Fahrt: Noreen´s Island, benannt nach der Besitzerin Noreen de Burgh, die ihr ererbtes Vermögen unter anderem in diese Insel investiert hatte.

Bis jetzt wirkte der langgestreckte Felsen mit der komischen Erhebung auf der rechten Seite nicht gerade einladend. Von Weitem war zumindest keine üppige Vegetation auszumachen, auch keine Gebäude. Das, was ich zu hüten hatte, musste wohl auf der anderen Seite liegen.

Ich machte mir Sorgen wegen dieses Auftrags. Worauf hatte ich mich da bloß eingelassen?

Umkehren?

Nein, ich bin kein Weichei. Ich werde das durchstehen, den Job mit Bravour erledigen, so wahr ich Zelda Sorvino heiße!

Anfangs war ich noch euphorisch gewesen, als ich die Stellenanzeige, Chiffre natürlich, nach langem, zermürbendem Suchen in der Zeitung gefunden hatte: Insel-Sitter gesucht. Ein gutsituiertes Ehepaar wollte sich eine Auszeit vom Inselleben gönnen und für einen Monat auf Shoppingtour gehen – Paris, Mailand, London. In dieser Zeit sollte sich eine vertrauenswürdige Person um das Anwesen und das Gewächshaus kümmern.

Ich stellte meine Mappe zusammen, legte ein vorteilhaftes Foto von mir hinein und schickte alles an die Zeitung, die meine Bewerbung weiterleiten würde. Große Hoffnungen machte ich mir dabei nicht; ich hatte bestimmt Konkurrenz, und mein Lebenslauf war durch die verschiedenen Arbeitsstellen bunt zusammengewürfelt.

Vielleicht eine Spur zu bunt für eine „vertrauenswürdige Person“: Bibliotheksaushilfe, Kellnerin, Empfangssekretärin, Hunde-Sitterin. Letzteres mochte Mrs de Burgh überzeugt haben, denn kurz darauf rief sie an. Sicher hatte eine Insel nicht viel mit einem Dackel gemeinsam, obwohl … wenn man die Form des Eilands betrachtete …

Na ja, Mrs de Burgh war jedenfalls freundlich. Sie erklärte, dass sie vom Apparat einer Freundin in Brest aus anriefe, weil auf der Insel kein Festnetz zur Verfügung stünde, Kommunikation ginge über Funk; ob diese Tatsache ein Problem für mich sei. Ich verneinte – alles kein Thema.

Sie fand meine Stimme sympathisch und teilte mir mit, dass sie bei mir ein gutes Bauchgefühl hätte. Ob ich denn am 1. November anfangen könnte? Selbstverständlich konnte ich. Saß sowieso frustriert im Gästezimmer meiner Freundin Carol herum, ohne Job, ohne Freund. Und ohne Wohnung! Das erzählte ich der Dame allerdings nicht.

Ich zeigte mich begeistert – was ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich war. Mrs de Burgh gab mir die Adresse des Familienanwalts in Brest durch; er würde mir bei meiner Ankunft einen Umschlag mit Anweisungen und Schlüsseln überreichen, und da könnte ich auch den Arbeitsvertrag unterschreiben.

Vorab wollte sie mir Geld für die Reise überweisen. Für ausreichend Essen und Trinken wäre bereits gesorgt, dadurch konnte man sich umständliche Transporte zum bretonischen Festland und extra Ausgaben sparen.

Natürlich würde ich zur Sicherheit eigenes Geld mitnehmen, beschloss ich für mich; ich durfte nur nicht vergessen, es vorher in Euros umzutauschen.

Wir unterhielten uns eine Weile angeregt über dies und das, bis ich mir eine Frage nicht verkneifen konnte: Warum Madame denn eine Insel-Sitterin engagierte, wenn doch bestimmt das Personal zugegen war?

Personal?, kam es amüsiert vom anderen Ende der Leitung. Nein, das gäbe es nicht. Ihr Mann und sie waren die Einzigen, die auf Noreen´s Island lebten und den Laden in Schuss hielten, wie sie lachend einwarf. Und sie seien für ihr Alter robust und naturverbunden, behauptete sie. Ich hielt mich nicht für übermäßig kräftig, könnte dies aber durch andere Talente ausgleichen, versicherte ich ihr. Geschicklichkeit war eines davon.

Nun denn. Nachdem alles geregelt war, machte ich mich von London aus auf den Weg. Suchte wie besprochen Monsieur Auguste in Brest auf, fuhr nach St. Malo und ging etwas später mit meinem Gepäck an Bord. Hatte ich erwähnt, dass der Kutter „Titania“ hieß?

Mittlerweile schlingerte die hölzerne Titania der steinigen Noreen entgegen. Ein für meinen Geschmack viel zu heftiges Lüftchen traf den Kahn von der Seite. Ich hoffte inständig, dass im letzten Moment keine Umbenennung in „Titanic“ nötig wurde.

Als hinter mir ein ohrenbetäubender Schrei von der Brücke gellte, der sogar den Wind übertönte, drehte ich mich um. Der Kapitän deutete nach vorn. Ich schaute zwischen ihm und unserer Destination hin und her und übersetzte im Geiste: Da ist der Steg, an dem wir entweder elegant anlegen oder zerschellen.

Kapitel 2

Kurioserweise lief alles glatt, denn der Wind legte sich schlagartig, als wir die Anlegestelle erreichten. Glücklich, überlebt zu haben, verabschiedete ich mich überschwänglich vom Kapitän.

Ich hob meine Sachen auf, die das alte Raubein auf den rustikalen Holzsteg geschleudert hatte und blickte dem sich entfernenden Boot hinterher.

Für das hübsche Sümmchen, das ich ihm dank Mrs de Burghs Geld gezahlt hatte, wäre mehr Service angebracht gewesen. Aber wie gesagt, ich war froh, wohlauf zu sein. Und von Seekrankheit keine Spur mehr.

Ich warf meinen Rucksack über die Schulter, schnappte meinen Koffer und folgte dem ausgetretenen Pfad nach oben. Flechten und niedrige Büsche schmiegten sich an runden Steinen; also doch ein wenig begrünt. Immerhin.

Nach der strammen Kletterei erreichte ich das Plateau, das vom Schiff aus wie der Rücken eines Dackels ausgesehen hatte, verschnaufte erstmal und sah mich um. Na, das machte schon einen passablen Eindruck. Knorrige, kleinwüchsige Bäume, ihres Laubes vom Herbst beraubt, und dazu ohne Ende Sträucher, denen ein herb-würziger Geruch entströmte.

Aus meinem Rucksack kramte ich die Wegbeschreibung hervor, orientierte mich und schlug den Weg zwischen den Bäumen ein. Ich kannte die Baumart nicht, stellte mir jedoch vor, in einem verzauberten Wald zu sein, so sonderbar wirkten die Äste und Stämme auf mich.

Nachdem ich den Hain durchquert hatte, und darüber war ich heilfroh, denn er hatte eine befremdende Atmosphäre ausgestrahlt, fand ich mich auf freiem Terrain wieder. Und vor mir erstreckte sich das Anwesen.

Mit einem Mal brach die Sonne durch die Wolkendecke und illuminierte die Szenerie. Der Anblick war unglaublich. Ich kannte mich mit Architektur nicht sonderlich aus. Doch hierbei handelte es sich offensichtlich um eine Burgruine, die restauriert und um einen hypermodernen Anbau erweitert worden war. Ein sehr ambitioniertes Projekt, das gelungen schien. Und bis zur seiner Fertigstellung Unsummen verschluckt haben musste.

Auf dem Dach des futuristischen Bauwerks zählte ich zig Sonnenkollektoren. Das halbrunde Gebilde nebenan, aus Glas und Stahl mit wabenartiger Konstruktion, musste das Gewächshaus sein.

Schnellen Schrittes eilte ich auf einem mit Kies ausgelegten Weg meinem neuen Heim auf Zeit entgegen. An der Haustür angekommen, oder sollte ich lieber Portal sagen?, holte ich den Schlüsselbund aus der Vordertasche meines Rucksacks. Ich probierte das größte Exemplar aus – und es passte.

Die massive Holztür schwang federleicht auf und das Domizil offenbarte sein Innenleben.

Kapitel 3

In der ersten Stunde meines Aufenthalts war ich mit der Erkundung der Räumlichkeiten beschäftigt. Der Übergang zur Ruine, die nach bautechnischen Aspekten vollkommen sicher zu begehen war, verlief nahtlos, doch der innenarchitektonische Dialog zwischen uralt und neu setzte überraschende Akzente.

Antiquitäten und moderne Möbel bildeten einen aparten Kontrast. Alte Meister hingen einträchtig neben abstrakten Gemälden, Flokati-Teppiche kuschelten sich an altehrwürdige Perser. In den oberen Räumen, erreichbar durch eine gewundene Marmortreppe, wurde dieser Stil konsequent fortgeführt.

Was mir dabei ins Auge stach, war, dass etwas fehlte: Familienfotos. Legte man in diesen noblen vier Wänden keinen Wert darauf? Oder hatten die Eigentümer ihre abgelichteten Erinnerungen ordentlich in Alben geklebt und in Schränke eingesperrt?

Meine Eltern hatten jeden Winkel ihrer Wohnung mit Fotos vollgestellt. Gut, ich besaß kaum Abzüge, dafür hortete ich meine Bilder auf dem Smartphone. Wie dem auch sei, mir sollte es egal sein; aber dennoch stieß es mir unangenehm auf.

Auf zur nächsten Etappe: dem Keller. Hier lagerten ausrangierte Möbel und Küchenutensilien neben einem alten Flipperautomaten und einer Schallplatten-Sammlung. Auch mehrere Paar Skier und ein Holzschlitten fristeten dort ein einsames Dasein.

In einem abgetrennten Raum befanden sich Müllcontainer sowie ein Aufgang, der nach draußen führte – wie praktisch. Keller gehörten nicht zu meinen Lieblingsorten, also verließ ich diesen unterirdischen Bereich.

Eins der drei Gästezimmer war für mich vorgesehen und auf dem Plan des Hauses extra markiert. Ich betrat es und fühlte mich sofort wohl. Ein Himmelbett, verkleidet mit hellen Vorhängen, stand prominent im Raum, rechts und links davon wurde es von zierlichen Beistelltischen flankiert.

Gegenüber ein Chintz-Sofa, ein alter Schrank mit Spiegelfront und eine offen stehende Tür, die ins Badezimmer führte. Im Gegensatz zu der antiken Einrichtung präsentierte sich das Bad zeitgemäß, war ganz in Weiß gehalten und luxuriös ausgestattet – eine Wellness-Oase.

Ich entschied mich, ein Bad in duftendem Schaum zu nehmen; diverse Fläschchen mit perlschimmerndem Inhalt waren dafür reichlich vorhanden. Zuvor holte ich mein Gepäck nach oben, packte meine Sachen aus und räumte sie in den Schrank und ins Bad.

Als ich mich endlich im behaglichen Nass ausstreckte und sich meine Muskeln von der rauen Überfahrt und dem Tragen von Koffer und Rucksack entspannten, dachte ich daran, dass ich es gut getroffen hatte und mich das Insel-Sitten hoffentlich von meinem Trübsal befreien könnte.

Die Trennung von Yvan war plötzlich gekommen. Ein Jahr waren wir zusammen gewesen, und, wie ich meinte, sehr glücklich.

Eines Abends kam er von der Arbeit nach Hause – er war Architekt – und verkündete mir, dass er eine Andere hätte. Die Liebe hatte ihn wie der Blitz getroffen, er konnte sich nicht dagegen wehren.

Ich war am Boden zerstört und zog am nächsten Tag, nach einer Nacht der bösen Worte, aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Meine Freundin Carol, eine erfolgreiche Autorin, nahm mich bei sich auf. In der Wohnung meiner Eltern war kein Platz und Geschwister, bei denen ich mich hätte einquartieren können, gab es nicht. Deswegen war es ein Glück, in Carols Haus im Londoner Stadtteil Hammersmith unterzukommen.

Ich verfügte zwar über Erspartes, aber für die teuren Londoner Mieten reichte mein Geld nicht. Ich brauchte einen Job.

Nach drei Wochen der Arbeitssuche entdeckte ich diese Stellenanzeige. Und jetzt war ich hier untergetaucht, buchstäblich, im mollig warmen Badewasser.

Bevor die Haut an meinen Fingerkuppen noch schrumpeliger wurde, entstieg ich den Fluten, trocknete mich ab und kleidete mich an.

Ich war allein, konnte rumlaufen wie der letzte Husten, also schlüpfte ich in eine ausgebeulte Jogginghose und einen überdimensionalen Pulli. Dazu selbst gestrickte Socken – das konnte ich übrigens auch! – und dicke Filzhausschuhe. Ich sah darin verboten aus. Nie im Leben hätte ich mich vor Yvan so gekleidet.

Trotz des akuten Anflugs von Uneitelkeit warf ich einen Kontrollblick in den Spiegel – Macht der Gewohnheit und kleine Bestandsaufnahme. Haare: kurz und dunkel, könnten wieder geschnitten und farblich aufgefrischt werden. Gesicht: eingefallene Wangen, dadurch wirkten meine braunen Augen riesig. Figur: hager durch Appetitlosigkeit.

Apropos Appetit … wie auf Kommando meldete sich mein Magen. Ein gutes Zeichen, musste an der Luftveränderung liegen.

Cottage Secrets

Jacinta´s Cottage

Kapitel 1

Magali hockte am Straßenrand und rieb sich den Knöchel. Sie war in ein Fuchsloch getreten und hatte sich den Fuß verstaucht. Ihre medizinischen Kenntnisse reichten jedoch nicht aus, um das mit Bestimmtheit zu diagnostizieren. Auch ihre Hand war in Mitleidenschaft gezogen. Sie hatte versucht, den Sturz abzumildern und nun schmerzte und blutete die Schramme auf ihrer Handinnenfläche.

Das Wetter war schlagartig umgeschlagen. Mit Sonnenschein und einer erträglich kühlen Witterung war sie zum Joggen durch den Birkenwald aufgebrochen, jetzt hatte sich der Himmel zugezogen, die Temperatur war rapide gesunken und erste Schneeflocken flogen ihr um die Nase. Ihre Sportkleidung hatte zum Laufen vollauf genügt, doch seitdem sie sich nicht bewegte, spürte sie die Kälte durch und durch. Sie zitterte.

Trotz des frühen Nachmittags dämmerte es und der Schneefall verstärkte sich. Wenn nicht bald ein Wagen vorbeifuhr, würde sie erfrieren. Es handelte sich um eine einsame Landstraße in der Grafschaft Berkshire, so viele Leute waren nicht unterwegs.

Wie lange saß sie dort bereits? Sie konnte es nur schätzen, da sie keine Uhr umhatte. Fünfzehn Minuten? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

Das Handy hatte sie dummerweise nicht mitgenommen. Nur ihre Schlüssel. Die nutzten ihr reichlich wenig. Sie hätte heulen können.

Wenn ihre Ohren sie nicht täuschten, war ein Motor zu hören. Das Geräusch kam näher. An der Biegung sah sie Scheinwerfer. Sie stemmte sich hoch und winkte.

Der Wagen verlangsamte die Fahrt und kam zum Stehen. Sie erkannte ihn; mit diesem Fahrzeug hatte sie am Morgen Bekanntschaft gemacht, als es sie beinahe überfahren hätte. Und auch der Fahrer war ihr nicht fremd, der soeben die Tür aufriss und sie mit einem genervten Ausdruck fixierte.

„Sie schon wieder!“

„Ja, ich. Aller guten Dinge sind drei!“

„Gut? Na, ich weiß nicht. Erst trödeln Sie im Zeitschriftenladen herum und halten den ganzen Betrieb auf, dann laufen Sie mir vors Auto, weil Sie in die falsche Richtung gucken und nun finde ich Sie wie einen ausgesetzten Hund im Graben.“

„Erlauben Sie mal! Heute Morgen war ich bereits am Bezahlen, da legen Sie Ihr Geld frech auf den Tresen, verlangen eine Packung Zigaretten und stürmen wie von der Tarantel gestochen davon. So was von unhöflich! Sie waren nicht an der Reihe. Kurz darauf nieten Sie mich fast um, nur weil ich an den Linksverkehr nicht gewöhnt bin. Und anstatt sich zu entschuldigen, motzen Sie mich an!“

„Was haben Sie erwartet? Dass ich Ihnen zu Ihrer Dusseligkeit gratuliere? In England fährt man anders, daran sollten Sie sich schnellstens gewöhnen, wenn Sie als Fußgängerin überleben möchten. Wo kommen Sie überhaupt her?“

„Aus den Vereinigten Staaten, wenn Sie es genau wissen wollen. Und da fährt man normal!“

„Ha! Wer sagt denn, was normal ist und was nicht, Sie Yankee! Kommen her und wissen alles besser!“

„Wollen Sie eine Unterhaltung über kulturelle Unterschiede führen oder helfen Sie mir endlich? Ich bin mit dem Fuß umgeknickt!“

Der Mann schaute an ihr herab. „Zwei linke Füße, was?“

Magali wollte gerade explodieren, aber bevor sie Kontra geben konnte, hatte er sie hochgehoben und verfrachtete sie auf den Beifahrersitz. „Anschnallen!“, bellte er, bevor er die Tür zuschlug.

Kapitel 2

Sie fuhren auf der sich windenden Landstraße. Mittlerweile war aus den tanzenden Flocken ein Schneegestöber geworden.

„Warum joggen Sie ausgerechnet bei diesem Mistwetter?“

„Als ich gestartet bin, war es blendend. Wo fahren wir hin?“

„Ein Krankenhaus halte ich für eine prima Idee.“

„Das ist nicht nötig. Ich will nach Hause. Kühlpack und Bein hochlegen, das reicht. Wenn es nicht besser wird, kann ich immer noch dahin.“

„Wenn Sie meinen, Yankee. Und wo wohnen Sie?“

„Jacinta´s Cottage in Little Wedges. Das liegt …”

„Ich weiß, wo es ist.“

„Woher wissen Sie es?“

„Ist bekannt.“

Magali wunderte sich, wollte jedoch nicht weiter nachhaken, da die Laune des Mannes nicht sonderlich gut war.

„Haben Sie keine Angst, in den Wagen eines Fremden zu steigen?“

„Hatte ich etwa eine Wahl? Außerdem … die Schmerzen sind stärker als die Angst.“

Zu ihrer Überraschung lachte er.

Bis er vor dem currygelben Cottage mit dunkelrotem Schindeldach anhielt, schwiegen sie. Der Mann half Magali auszusteigen und stützte sie, damit sie das Gartentor öffnen konnte. Dann packte er sie erneut und trug sie entlang der hohen, mit Schnee bepuderten Ziergräser zur Haustür.

„Ich denke, ich schaffe es allein. Danke. Sie sind zwar ein Ekel, aber Sie haben mir das Leben gerettet.“

Er nickte. „Das mit dem Ekel habe ich überhört. Doch das mit der Lebensrettung nehme ich gern an. Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe benötigen?“

Magali war überrascht über die Zuvorkommenheit dieses Flegels, und zum ersten Mal nahm sie ihn genauer in Augenschein. Er hatte braune, schulterlange Locken. Sein Blick war dunkel und durchdringend. Der Vollbart ließ ihn wie einen Musketier erscheinen. Und sein muskulöser Körper steckte in Jeans, Rollkragenpulli und Lederjacke.

„Sicher …“, entgegnete sie unsicher.

Sollte sie ihn auf einen Tee hereinbitten? Jemandem, der einem aus einer Notlage geholfen hatte, konnte man zumindest Gastfreundschaft erweisen, selbst wenn er keine Manieren an den Tag legte.

Der Typ bemerkte ihr Zögern und sein Ausdruck änderte sich. „Es tut mir leid, ich war nicht gerade freundlich zu Ihnen, aber ich habe einen miesen Tag hinter mir. Ich könnte Ihnen zur Hand gehen. Und ein echter Whiskey wäre nicht schlecht, wenn Sie einen hätten. Oder gibt´s bei Ihnen nur Bourbon?“

„Immer diese Vorurteile! Natürlich habe ich echten Whiskey, sehr guten sogar!“ Magali war irgendwie erleichtert, dass er sie aufzog. Das machte es ihr leichter, ihrer Verpflichtung ihm gegenüber nachzukommen.

Sie schloss die Tür auf.

Kapitel 3

Magali lag auf dem Chesterfield-Sofa, auf dem linken Knöchel ein mit einem Küchentuch umwickeltes Kühlpack, während der Unbekannte zwei Gläser mit Single Malt füllte.

Ein bisschen eigenartig war es schon, den riesigen Kerl zwischen dem alten, zierlichen Mobiliar hantieren zu sehen. Und natürlich war es seltsam, einen Fremden ins Haus zu lassen. Doch sie hatte kein schlechtes Gefühl dabei, und auf ihr Bauchgefühl hatte sie sich immer verlassen können.

Er reichte ihr einen der kristallenen Tumbler und prostete ihr zu, dann trank er den golden schimmernden Inhalt in einem Zug aus.

Sie nahm nur einen Schluck. Der Whiskey brannte sich durch ihre Kehle, und im Magen angekommen verbreitete er eine wohlige Wärme.

„Ah … das habe ich gebraucht!“

„Ich auch“, stimmte sie ihm zu.

„Um in Ihren Augen nicht noch ungehobelter zu erscheinen … ich bin Vincent Drowry.“

„Magali Hobson.“ Er bot ihr zwar eine Steilvorlage, aber sie verzichtete auf eine Spitze, sonst wäre die angenehme Stimmung dahin. Zudem benebelte sie der Alkohol.

„Freut mich, Magali.“ Er blickte sich im mit Chippendale-Möbeln ausgestatteten Raum um und setzte sich auf einen Chintz-Sessel. „Hübsch haben Sie´s. Die Einrichtung war nicht billig.“

„Danke, ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe das Cottage von meiner Großmutter geerbt und bis jetzt nichts umgestaltet. Sie erwähnten, dass Sie es kennen …“

„Ich kannte Ihre Großmutter, mein Beileid. Sie war eine nette Frau. Sah sie, wenn sie sich um die Rosen kümmerte. Hier drinnen war ich nie.“

„Und warum nicht?“

„Sie hatte ihren Spleen. Unterhaltung am Gartenzaun ja, mehr nicht.“

„Ich kannte sie leider nicht so gut. Meine Mutter zog in die Staaten und lernte meinen Vater kennen und lieben. Ich wurde in New York geboren und wuchs dort auf. Meine Großmutter besuchte ich manchmal in den Schulferien. Ich mochte sie sehr gern, nur meine Mutter ließ mich nicht oft hierher reisen. Sie hatte ein leicht gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter. Familiengeschichten …“

Vincent beobachtete sie aufmerksam. „Sie trinken gar nicht.“

„Doch, doch … nur nicht so schnell.“ Magali griff nach dem Glas, das sie zuvor auf dem Tisch abgestellt hatte. „Autsch!“

„Zeigen Sie mal …“ Er stand auf und ging vor ihr in die Hocke. Sie reichte ihm die Hand.

„Das sieht übel aus. Haben Sie Verbandszeug?“

„Im Bad. Im Flur gleich links.“

Vincent schritt nach hinten durch die Tür und kehrte mit Mullbinde, Pflaster, ein paar Heftchen mit steriler Gaze und einer Flasche zurück. Er setzte sich neben sie, träufelte Desinfektionsmittel auf ihre Handfläche und rieb die Wunde sanft mit einem Stück Gaze ab. Anschließend legte er weitere Gazequadrate darauf und verband Magalis Hand.

„Das hätten wir“, sagte er.

Magali war verdutzt. Am Morgen die kalte Dusche und nun der warme Schauer. Dieser Mann war ihr ein Rätsel.

„Ich kann auch nett sein.“ Er schaute ihr in die Augen, als ob er ihre Gedanken erraten hätte. Sie strahlten Ruhe und Wohlwollen aus.

Sie mochte nicht darauf eingehen. „Warum waren Sie eigentlich so mies drauf?“

„Probleme“, antwortete er knapp und stand abrupt auf. „Ich muss los.“

Das kam ihr zu plötzlich. Sie war noch verwirrter. „Okay … vielen Dank nochmal …“

„Gern geschehen. Und gute Besserung. Danke ebenfalls für den Drink.“

Er lächelte sie an und verließ das Haus. Magali trank ihren Whiskey. Sie fühlte eine Leere nachdem Vincent gegangen war, und goss sich das Glas erneut voll.

 

Der Mond über dem Weihnachtsbaum

Kapitel 1

Natalie Wiebendorf stapfte über den verschneiten Hof zur Hintertür und begann mit der täglichen Morgenroutine: Alarmanlage deaktivieren, aufschließen, Beleuchtung einschalten, Laden inspizieren.

War die Dekoration in Ordnung oder sollte etwas umgestellt werden? Hatte die Putzfrau gründlich gearbeitet? Wenn nicht, musste Natalie schnell Hand anlegen. Wenn ja, konnte sie Punkt zehn Uhr das Eingangsportal des „Moon River“ öffnen.

Das Einrichtungsgeschäft bot eine Vielfalt an Kleinmöbeln, Teppichen, Stoffen, Lampen, Porzellan, Wohnaccessoires und Interieur-Büchern. Eine Besonderheit waren Objekte, die die Inhaberin als Eye Catcher bezeichnete. Natalie fand diese Teile schlicht geschmacklos – Dioramen mit Szenen von Voodoo-Zeremonien und Freak-Shows sowie Miniaturen von Grabsteinen aus New Orleans.

Sich mit der Chefin über Ästhetik zu streiten, war sinnlos. Freya von Hackenstein meinte, ihre Eye Catcher verliehen dem Geschäft Einzigartigkeit und brächten mehr Kundschaft. Damit hatte sie zweifellos recht. Das „Moon River“ hatte sich einen Ruf über die Grenzen Berlins hinaus erworben, was Originalität betraf. Die Kunden schätzten das besondere Angebot und gaben sich die Klinke in die Hand, obwohl sie dafür bis nach Spandau fahren mussten.

Nun war es zehn, und der erste Kunde wartete auf Einlass. Natalie öffnete die eine Hälfte der Doppeltür und ließ ihn herein.

Der Mann, ein verwegen aussehender Blonder in schwarzer Lederjacke, schwarzem Shirt und Jeans, wünschte ihr einen guten Morgen.

„Ich suche ein Weihnachtsgeschenk.“

„Schauen Sie sich erst mal in Ruhe um. Wenn Sie Fragen haben, helfe ich Ihnen gern weiter.“ Wie oft hatte Natalie diese Sätze schon gesprochen. Einfacher wäre es, sie hinge sich ein Schild mit diesem Text um den Hals.

Sie lächelte ihn aufmunternd an, und er begann seinen Rundgang. Nach einer halben Stunde, Natalie war längst mit zwei anderen Kunden beschäftigt, stellte er sich neben sie.

„Die Lampe mit dem bellenden Hundekopf gefällt mir.“

Natalie blickte zu ihm hoch und bemerkte gleichzeitig, wie die jungen Männer unruhig wurden.

„Moment noch, bin gleich für Sie da, ich möchte diesen Herren hier nur …“

„Wir müssen sowieso los, die Arbeit ruft!“, erwiderte der eine, und beide rasten hinaus.

„Was ist denn mit denen los? Na ja, wer nicht will, der hat schon! So, die Hundelampe soll es sein?“

Der Rockertyp bejahte es. Zusammen gingen sie in den hinteren Bereich. „Eine gute Wahl, die ist sehr originell. Ich hole den Karton aus dem Lager.“

Kurze Zeit darauf kehrte sie mit der Verpackung zurück, schnappte das bellende Leuchtobjekt  und bedeutete dem Mann, ihr zum Verkaufstresen zu folgen. „Dann bekomme ich bitte 325 Euro. Bar oder EC-Karte?“

„Bar.“ Der Mann zog ein paar Scheine aus der Hosentasche und legte sie auf den Tisch. „Könnten Sie das als Geschenk einpacken?“

Natalie verstaute das Geld in der Kasse. „Sicher.“

Dunkelblaues Papier mit Monden und eine weiße Schleife kamen zum Einsatz – und der Mann zeigte endlich eine Regung: seine Miene erhellte sich, die blauen Augen blitzten.

„Schön, nicht wahr?“ Die Arbeit machte wesentlich mehr Spaß, wenn die Kunden sich freuten.

„Wunderschön.“ Sofort wurde er wieder ernst. Komischer Kerl, dachte sie. Ihre Blicke trafen sich, aber sie konnte seinen Ausdruck nicht deuten.

Sie packte das Ganze noch in eine Tüte und überreichte sie ihm. „Bitte sehr!“

Er verabschiedete sich und verließ das Geschäft. Natalie schüttelte den Kopf.

Bis zwei Uhr hatte sie reichlich Umsatz gemacht. Dann rückte Marisa an, eine plumpe, schwarz gewandete Studentin, die nachmittags aushalf, und auch bis zum Ladenschluss um zwanzig Uhr brummte der Laden. So kurz vor Weihnachten war noch mehr los als sonst.

Kapitel 2

Natalie war auf dem Weg nach Hause, als sie das unbestimmte Gefühl hatte, nicht alleine zu sein. Schritte hörte sie keine, der Schnee dämpfte ja jeden Tritt. Dennoch …

Sie bog in die Straße, die zu ihrem Haus führte. Haus war übertrieben, es handelte sich eher um ein Häuschen. Mein Knusperhäuschen, nannte es Natalie. Von der Großmutter geerbt, die sie aufgezogen hatte, da ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Unten ein behagliches Wohnzimmer mit offener Küche, oben Schlafzimmer, eine Kammer und das Bad. Beengt, doch sehr gemütlich.

Vorsorglich holte sie schon mal die Schlüssel hervor und beschleunigte das Tempo. Sie rannte förmlich zur Tür, sperrte auf und glitt schnell hinein, um sofort abzuschließen.

Geschafft! Kaum hatte sie den Lichtschalter betätigt, fühlte sie sich besser. Mantel und Tasche schmiss sie auf einen Hocker und eilte in die Küche. Ihr Abendbrot bestand aus einem Glas Rotwein und zwei Käsesandwich.

Nach dem Essen nickte sie auf dem Sofa ein. Es musste weit nach Mitternacht sein, als ein Geräusch sie weckte. Sie fuhr hoch und versuchte den Laut zu orten. Sie blickte sich um. Nichts.

Lief nach oben, auch dort Fehlanzeige. Keiner da, nicht mal eine Maus. Vielleicht draußen?

Natalie schob den Vorhang ein Stück zur Seite und spähte vorsichtig aus dem Schlafzimmerfenster in den Garten. War da ein Schatten zwischen den weiß bestäubten Tannen? Einbildung, sagte sie sich. Doch dann bewegten sich einige Sträucher. Ihr Herz hämmerte. Sollte sie die Polizei anrufen? Oder ihre Freundin Annette? Nein, ich bin kein Angsthase!

Was konnte sie tun? Die Nacht auf ihrem Beobachtungsposten ausharren! Wenn jemand ins Haus eindrang, würde sie sofort den Notruf wählen. Bei der Menge an Adrenalin, das nun ihren Körper durchflutete, war an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken.

Natalie griff sich eine Zeitschrift, blätterte ein paar Seiten durch und lugte alle paar Minuten aus dem Fenster. So ging es bis zum Morgengrauen.

 

Varieté Nocturne

Prolog

Es gibt eine verborgene Welt, die neben unserer existiert. Ungewöhnliche Kreaturen tummeln sich darin, gehen ihren Geschäften und Hobbys nach, lieben und bekämpfen sich, leben gesetzestreu oder machen sich strafbar, suchen nach dem richtigen Partner oder gründen eine Familie, wenn sie ihn bereits gefunden haben. Ganz wie die Menschen. Nur, dass diese Geschöpfe vollkommen anders sind. Und dass die Menschen nichts von ihnen ahnen.

Wer kennt schon das wahre Gesicht eines Mitbürgers, wenn perfekte Tarnung die Wahrheit verschleiert? Der Automechaniker könnte ein Werwolf sein, der Postbote ein Kobold, die Boutique-Besitzerin eine Fee, der Klempner ein Wassergeist, die Gärtnerin eine Hexe oder der Nachtklub-Inhaber ein Vampir.

Manchmal aber präsentieren sich diese Wesen der Öffentlichkeit ganz bewusst: in Varietés, die von Paranormalen gemanagt werden und deren Akteure Menschen und Nicht-Menschen gleichermaßen beeindrucken und unterhalten.

Das „Varieté Nocturne“ in Berlin gilt weltweit als führend unter diesen speziellen Nachtklubs. Die Show ist einzigartig und Tatjana, die Chefin, umgibt ein ganz besonderes Flair.

 Kapitel 1

Richard, gerade mit Aer Lingus in Berlin Schönefeld gelandet, konnte es nicht abwarten, sein Hotel aufzusuchen. Sich frisch machen, stylen und die Stadt erkunden – darauf freute er sich, seitdem er den Flieger in Dublin bestiegen hatte, denn der Hexenmeister benötigte dringend einen Tapetenwechsel.

Sein letzter Auftrag war anstrengend und unerfreulich gewesen, aber was tat man nicht alles, um seinen Lebensstandard zu erhalten. Gnome waren ohnehin nervig, aber dieser Kunde hatte ihn zur Weißglut gebracht. Es hatte nicht gereicht, die Dorfschönheit mit einem Liebeszauber zu belegen – nein, es mussten diesem Herrn auch noch deren elf Cousinen und fünf Freundinnen verfallen!

Aber das war nun, Gott sei Dank, erledigt. Richard schüttelte die Erinnerung ab, hob seinen Koffer vom Gepäckband und marschierte zum Taxistand.

Während der Fahrt ging er im Geiste die Sehenswürdigkeiten durch: Reichstag, Checkpoint Charlie, Gendarmenmarkt und die Hackeschen Höfe standen ganz oben auf seiner Besichtigungsliste.

Natürlich würde er auch shoppen gehen, im Quartier 206 und im KaDeWe. Dem berühmten „Varieté Nocturne“ in Schöneberg musste er unbedingt einen Besuch abstatten. Davon hatte ihm ein Zwerg vorgeschwärmt.

Im Hotel Steigenberger angekommen, checkte Richard ein, begab sich auf sein elegantes Superior-Zimmer und packte aus. Vor dem Duschen wollte er noch schnell die Matratze ausprobieren. Er legte sich hin, streckte sich wohlig – und weg war er.

Kapitel 2

Es war dunkel, als Richard aufwachte. Verärgert, weil er den Tag verschlafen hatte, schlurfte er ins Bad. Was er sich vorgenommen hatte, musste nun bis morgen warten. Jetzt blieb ihm nur, essen zu gehen und sich danach das Nocturne anzusehen, um wenigstens diesen Programmpunkt abzuhaken.

Drei Tage Aufenthalt in Berlin waren ein kurzer Zeitraum, und er wollte so viele Eindrücke von der Stadt in sich aufnehmen wie möglich.

Die bleierne Müdigkeit, die ihn vorhin befallen hatte, verwunderte ihn. Konnte er im zarten Alter von 150 Jahren schon unter Burn-out leiden? Der liebestolle Gnom und davor der griesgrämige Leprechaun … okay, die Jungs waren aufreibend gewesen, aber doch nicht in dem Maße, dass die Auswirkungen dieser Jobs ihn vollkommen schlapp machten?

Für einen Hexenmeister war er praktisch noch ein junger Mann. Sein Äußeres entsprach dem eines Menschen von Ende zwanzig. Eines überaus attraktiven Mannes. Er war groß und schlaksig, hatte rotbraune Haare und große, haselnussbraune Augen.

Weibliche Wesen flogen auf ihn. Doch er vermied es, sich länger als ein paar Wochen mit ihnen einzulassen. Den menschlichen Frauen seine wahre Natur zu verheimlichen, war auf Dauer schwierig. Mit den paranormalen Damen hatte er es in der Hinsicht leichter, aber ihre angeborenen Eigenarten vereitelten eine feste Beziehung.

Selbst ein Hexer konnte beim besten Willen nicht ständig unter Wasser, auf einer Lichtung oder im tiefen Wald leben; dafür war er zu sehr den Luxus und Komfort seiner chicen Loftwohnung gewohnt. Umgekehrt war keine zu überzeugen, bei ihm einzuziehen. Und mit den Ladys seiner eigenen Spezies hatte er schlechte Erfahrungen gemacht. Dabei steckte eine unerklärliche Sehnsucht in ihm …

Richard duschte ausgiebig und ließ das Wasser zum Spaß verschiedene Farbtöne annehmen; rosa, violett, türkis und grasgrün. Danach befahl er einem flauschigen Handtuch, ihn abzurubbeln. Aber anziehen wollte er sich selber.

Er wählte eine schmal geschnittene, schwarze Lederhose, ein weißes Hemd und feine italienische Slipper. Ein langer, dunkelgrauer Mantel komplettierte den Look.

Es war kühl, als er aus dem Foyer ins Freie trat. Die angestrahlten Buchsbaumsträucher glitzerten und Feuchtigkeit hing in der Luft; den Nachmittag über musste es stark geregnet haben. Vielleicht war es doch besser gewesen zu schlafen, anstatt mit Regenschirm und nassen Schuhen durch die Stadt zu hetzen.

Hungrig eilte er zu einem renommierten Italiener in der angrenzenden Seitenstraße und schlemmte sich durch drei Gänge. Anschließend machte er sich auf den Weg ins Varieté; auf dem Stadtplan hatte er sich vorher die Route markiert. Der Spaziergang würde ihm guttun. Und nach zwanzig Minuten stand er vor dem viel gepriesenen Lokal.

 

Paradiesisch für Anfänger

Kapitel 1

Erleben Sie einen unvergesslichen Aufenthalt auf St. Christine, der idyllischen Insel mitten in der Karibik. Weiße Strände, im Wind schwingende Palmen, spektakuläre Sonnenuntergänge und milde Tropennächte. Die quirlige Hauptstadt Sébastien – mit traditionellen Restaurants und Bars und bezaubernden Häusern in Bonbonfarben. Eine Insel, die die gute Laune erfunden hat …

Ich hasse diese Insel jetzt schon!, dachte Henry Esmond-Halloron. Mit dem Prospekt, der St. Christine in den schillerndsten Farben anpries, fächelte er sich Luft zu.

Vor dem Flughafengebäude, das eher den Begriff Baracke verdiente, wartete er darauf, von einem Mitarbeiter des Hotels abgeholt zu werden. Er hatte eine über 20-stündige Reise mit zwei Stopps hinter sich, eine ziemlich unangenehme obendrein.

Nach der ersten Zwischenlandung hatte Henry das Pech, dass der dämliche Vordermann die Sauerstoffdüse bis zum Anschlag aufgedreht und dazu noch die ganze Zeit über seinen Sitz nach hinten geklappt hielt. Die Flugbegleiterin konnte nicht viel ausrichten. Zuerst hatte sie den Kerl überreden können, mehr Rücksicht zu nehmen. Anfangs tat er es, dann nicht mehr, und Henry war es schließlich leid gewesen, die Stewardess zu bemühen oder sich mit diesem Sturkopf unentwegt auseinanderzusetzen.

Zu allem Überfluss hatte das Bordessen unterirdisch geschmeckt; dieses vegetarische Zeug, das er im Voraus bestellt hatte, um bloß keine Lebensmittelvergiftung durch Fleisch oder Fisch zu bekommen, war eine verkochte Pampe. Und der Tee erst – eine Zumutung! Es war unverzeihlich, so eine Brühe zu servieren.

Beim letzten Flugabschnitt hatte ein quengelndes Kleinkind, das mit seiner Mutter hinter ihm saß, Henrys Nervenkostüm arg strapaziert. Es trat mit seinen Füßen gegen den Sitz, brüllte und übergab sich. Die Mutter konnte als Entschuldigung nur ein mitleiderheischendes Lächeln erübrigen.

Sein Nacken schmerzte, sein Kopf dröhnte. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht und sein Hemd klebte am Körper, obwohl er sich in den Schatten gestellt hatte. Natürlich musste er in den Tropen während der Mittagshitze ankommen …

Die heiße, feuchte Luft hatte ihn wie ein Vorschlaghammer getroffen, als er aus dem kleinen Flieger gestiegen war. Die Kerosinwolke war wegen der Witterung nicht verflogen und waberte um Henry. Er versuchte durchzuatmen, doch seine Lungen brannten.

Die anderen Passagiere waren schon längst in Taxis oder den hoteleigenen Fahrzeugen auf dem Weg zu ihren klimatisierten Zimmern und kühlen Drinks. Das Flughafenpersonal machte irgendwo Pause. Einzig eine Blechkiste stand in der Parkbucht. Henry schien der einzige Mensch weit und breit zu sein.

Mühsam hielt er sich die Fliegen vom Leib. Wo blieb der Shuttle-Service des Hotels „Fantastique“? Man kannte seine Ankunftszeit und darüber hinaus gehörte es zu seinem Rundum-Wohlfühl-Paket.

Wo um Himmels willen war er nur gelandet? Auf einer karibischen Insel, beantwortete er sich seine gelinde gesagt dumme Frage. Weil er bei einem Preisrätsel gewonnen hatte.

Henry lief hin und her und stand kurz davor, zu explodieren.

Wenn nicht sofort jemand kommt, dann … Ja, was dann?

Kapitel 2

Adeline war früh aufgestanden, wie immer eigentlich, denn in einem Hotel gab es ständig etwas zu tun. Nach dem Frühstück im Stehen hatte sie mit ihrer Mutter Odette, der Inhaberin, den Tagesplan besprochen. Ein Ehrengast war angekündigt, Mr. Henry Esmond-Halloron, Ankunft 13 Uhr 15. Adeline sollte ihn vom Flughafen abholen. Gästebetreuung und Reservierungen fielen in ihren Aufgabenbereich, ebenso der Service beim Abendessen und gelegentlich die Buchhaltung.

Zum Briefing gehörte zudem, dass sich Adeline ausnahmsweise in Schale werfen sollte. Zieh doch dein gelbes Kleid an, hatte Odette vorgeschlagen, und schmink dich!

Adeline trug am liebsten Shorts und Shirts, dazu Flip-Flops, und natürlich ließ sie keine andere Farbe als Sonnenbräune an ihr Gesicht. Im „Fantastique“ herrschte schließlich karibisches Laissez-faire. Das zeigte sich in der komfortablen Kleidung der Mitarbeiter wie im entspannten Umgang mit den Gästen, die diese Lässigkeit schätzten. Deswegen kamen sie ja – um den Stress abfallen zu lassen, sich zu erholen, Sonne zu tanken und gut zu speisen.

Die Villa im Kolonialstil, umgeben von Kokos-, Königs- und Zwergpalmen, wildwuchernden Pflanzen und kultivierten Beeten, lag unweit des Sandstrandes. Sie war nur Kennern und Einheimischen bekannt, da sich Odette nie großartig um Werbung kümmerte. Trotzdem fanden Menschen aus aller Welt den Weg in dieses kleine Paradies.

Einer der vielen zufriedenen Gäste war ein gewisser Mr. Mortimer gewesen, Besitzer einer Keksfabrik außerhalb Londons. Er hatte Adeline und Odette in sein Vorhaben eingeweiht, ein Preisausschreiben zu veranstalten und als Hauptgewinn den Aufenthalt im „Fantastique“ anzubieten. Odette war hingerissen. Und nun würde der glückliche Gewinner bald hier sein.

Adeline wurmte es, sich extra für diesen Typen zurechtmachen zu müssen, aber um des lieben Friedens willen tat sie es dennoch. Die braune Mähne hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebändigt und als i-Tüpfelchen noch Kajal um ihre graublauen Augen aufgetragen. Wenn Maman es so wollte, bitte sehr. Sich mit ihr anzulegen kostete mehr Energie, als sich anzumalen.

Als sie fertig war, lief sie hinunter zur Rezeption, checkte E-Mails und kümmerte sich um Reservierungen.

Odette schwebte die Treppe herunter, gehüllt in ein langes Trägerkleid und umwölkt von französischem Parfum. Die hochgewachsene Mittfünfzigerin legte Wert auf ein elegantes Erscheinungsbild, das sie trotz des lockeren Savoir-vivre pflegte.

„Ich bin dann mal weg!“, verkündete sie.

„Wohin gehst du?“

Aber Madame war schon zur Tür hinaus. Seltsam, dachte Adeline und arbeitete weiter ihre Liste ab, bis lautstarkes Geschepper und Gebrüll sie hochfahren ließ. Sie atmete tief durch und eilte in die Küche.

„Du Vollidiot! Kannst du nicht aufpassen?“

„Chef … ich …“

„Geh mir aus den Augen, sonst …“

Adeline erfasste den Grund dieses Streits: Ein großer Topf lag auf dem Boden und die Tomatensoße hatte sich großflächig überallhin verteilt.

„Schluss jetzt!“ Adeline war wütend. Regis war drauf und dran, den dritten Küchenjungen in diesem Monat in die Flucht zu schlagen. „Pack das Hackebeil weg, Regis!“, befahl sie ungehalten.

Der füllige Koch mit der tätowierten Glatze war ein Zauberer auf seinem Gebiet, kombinierte begnadet kreolische Kochkunst mit französischer, aber mit seinen Küchengehilfen kam er nicht aus. Er schnaubte wie ein Stier, und fügte sich letztlich. Barnabas, viel zu zierlich für den Küchenkittel und ein bedauernswerter Kontrast zum dicken Regis, atmete auf und warf Adeline einen dankbaren Blick zu.

„Regis, das kann doch nicht wahr sein! Ich habe zu tun, Maman ist weiß Gott wo und du musst so ein Theater veranstalten. Was ist nur los mit dir?“

Regis öffnete wie ein verendender Karpfen den Mund und setzte zu einer Erklärung an.

„Ach, vergiss es! Ich muss zum Flughafen, unseren Ehrengast abholen.“

„Ehrengast?“, wagte Barnabas zu fragen, bevor er sich vor Regis duckte, der ein nasses Küchentuch durch die Luft wirbelte.

„Ein Typ aus London, er hat bei einem Preisausschreiben einen Urlaub bei uns gewonnen. Und nun wischt das weg!“, antwortete sie beim Rausgehen und überließ Koch und Küchenjungen eiskalt ihrem Schicksal.

Adeline hatte keine Lust mehr auf solches Theater. Einzig ihre Mutter konnte diesen Ochsen Regis zur Räson bringen. Aber die war buchstäblich verduftet. Wenn sie nicht bald käme, müsste Adeline das Zimmermädchen bitten, die Rezeption zu besetzen, während sie zum Flughafen fuhr.

Im Moment war es ruhig. Die Gäste hielten sich am Strand auf oder unternahmen Ausflüge ins Innere der Insel, am liebsten zum Wasserfall, dem heilende und sogar wundersame Kräfte nachgesagt wurden.

Wie aufs Stichwort erschien Lisette. Adeline hatte sich oft gefragt, ob das zierliche Mädchen nicht über einen sechsten Sinn verfügte.

„Ich muss weg, kannst du kurz hier aufpassen?“

„Natürlich, die Zimmer sind fertig. Darf ich ins Internet?“

Adeline seufzte. Lisette surfte für ihr Leben gern, nicht nur im Karibischen Meer, sondern auch im Web.

„Meinetwegen. Aber tu wenigstens so, als würdest du Büroangelegenheiten erledigen, falls ein Gast oder noch schlimmer, Maman, auftauchen sollte. Sie ist vorhin abgehauen …“

Lisette hatte sich an den kleinen Beistelltisch gesetzt und beachtete Adeline nicht mehr.

Komisches junges Ding. Sie schüttelte den Kopf, während sie das Mädchen musterte. Der wuselige, schwarze Haarschopf wippte hin und her beim Betrachten der Webseiten.

Eines Tages war sie im Hotel erschienen und hatte um einen Job gebeten. Eine fachliche Ausbildung konnte sie nicht vorweisen, aber sie trat bestimmt auf, und Odette sah in ihr Potenzial.

Adelines Mutter war selber wie die Jungfrau zum Kinde zu diesem Metier gekommen und meinte, dass man mit gutem Willen und Ehrgeiz alles lernen konnte. Odette hatte Talent fürs Management und Lisette offenbar ein Händchen dafür, die Zimmer nicht nur sauber und ordentlich, sondern auch mit dem gewissen Etwas herzurichten. Außerdem hatte sie einen günstigen Zeitpunkt erwischt, da ihre Vorgängerin mit dem damaligen Barmann Hals über Kopf die Insel verlassen hatte.

Madame stellte Lisette ein und behandelte sie vom ersten Tag an wie eine zweite Tochter, was Adeline hin und wieder einen Stich versetzte. Manchmal musste sie sich jedoch eingestehen, dass Lisette mehr Befähigung fürs Hotelbusiness aufwies, auch wenn Adeline seit Beendigung der Schule im Hotel mitarbeitete. Und Odette war sowieso der Meinung, dass ihre Tochter unter die Haube gehörte.

Oh Gott, ich muss jetzt wirklich los!, ermahnte sie sich.

Hastig überquerte sie die mit Kies bestreute Auffahrt und wollte in den Jeep einsteigen, als ihr Blick auf den rechten Vorderreifen fiel. Auch das noch! Die Luft war raus.

Mit einem der Mountainbikes, die den Gästen zur Verfügung standen, konnte sie den Mann schlecht abholen. Ebenso wenig tauglich war eins der Motorräder der Mitarbeiter.

Vielleicht konnte der Gärtner behilflich sein. Er war ein betagter, gutmütiger Mann, auf den sie sich stets verlassen konnte. Als sie noch ein Kind war, hatte er oft den Babysitter für sie gespielt.

Sie lief hinter das Haus, an Garage und Geräteschuppen entlang und rief nach ihm. Hinter einem großen Bougainvillea-Strauch fand sie ihn in seiner Hängematte schnarchend, verborgen vor den Blicken der Gäste und Madame Odette.

„Jules, wach auf!“ Sie schüttelte seine Schulter.

Erschrocken fuhr er hoch. „Was ist? Brennt’s?“

„Nein, du musst mir helfen! Bitte! Ich muss zum Flughafen und der Reifen ist hin!“

Jules erhob sich schwerfällig und strich sich die weißen Haarflusen aus der Stirn. „Keine Sorge, Kindchen, ich mach das schon.“

Zusammen marschierten sie zum Wagen. Jules holte den Ersatzreifen und das Werkzeug aus dem Kofferraum. Während er werkelte, trat Adeline ungeduldig von einem Fuß zum anderen, da es nicht schnell genug ging. Der Mann war nicht mehr der Jüngste, aber er gab sein Bestes, in seinem Tempo. Sie überlegte, ihm zur Hand zu gehen, aber dann würde ihr Kleid Flecken abbekommen.

Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Ausgerechnet in der heißesten Tageszeit ballte sich das Übel zusammen. Adieu Styling. Unterschiedlich lange Haarsträhnen hatten sich gelöst und klebten auf ihrem verschwitzten Gesicht und ihren blanken Schultern. Das Kleid hing wie ein welkes Salatblatt. Nun war es auch egal – Adeline packte kurzerhand mit an.

 

Golden Gerbil – Eine Berliner Liebesgeschichte

Aller Anfang stinkt

Der Zug aus Hamburg traf pünktlich in Berlin ein. Und mit ihm Florentine. Die Fahrt hatte elf Tempopackungen lang gedauert. In letzter Zeit waren Taschentücher für Florentine zu Messeinheiten geworden, die ihr die Tragweite ihres Unglücks aufzeigten. Tom oder nicht Tom – das war keine Frage mehr. Tom war Vergangenheit.

In Berlin kannst du ein neues Leben beginnen, hatte ihre Großmutter gesagt und ihr etwas Startkapital in die Hand gedrückt. Schön. Aber Florentine wäre gern unter anderen Voraussetzungen in die Hauptstadt gezogen.

Wie sollte man als heulendes Elend ein neues Leben beginnen? Mit so einer desolaten Ausstrahlung mieden einen doch alle! Genau wie die Mitreisenden im ICE es getan und sich weggesetzt hatten, weil sie von Florentines Anblick peinlich berührt gewesen waren.

Sie reihte sich in die Schlange der Fahrgäste ein, die zum Aussteigen bereit waren, und kletterte mit Koffer und Rucksack aus dem Zug.

Auf dem Bahnsteig sah sich Florentine mit einem weiteren Problem konfrontiert: Sie musste sich in diesem Ungetüm von Bahnhof zurechtfinden. Die Menschenmassen, bestehend aus Geschäftsleuten, Touristen und herumlungernden Jugendlichen, reichten schon, um die Nerven wegzuschmeißen, aber dass dieses Monster-Gebäude derart unübersichtlich war, machte Florentine komplett fertig.

Darüber hinaus roch es penetrant nach Desinfektionsmitteln und Gleisschotter; wahrscheinlich verstärkt durch das neblig-trübe, viel zu milde Wetter, das Gerüche auf Nasenhöhe drückte und nicht einwandfrei abziehen ließ. Der Februar war auch nicht mehr das, was er war.

Nach aufreibendem Durchfragen, das ihr so berlintypische Antworten wie „Weeß ick jetzt nich“ bescherte, fand sie endlich die Schließfächer und deponierte in einem davon ihren voluminösen Koffer. Bevor sie sich die Ferienwohnung in Charlottenburg nicht angesehen und für gut befunden hatte, würde sie das riesige Gepäckstück nicht durch die Gegend schleppen. Ihren Rucksack jedoch hängte sie sich über die Schulter und schaute sich um.

Nächste Etappe: Eine Informationstheke anpeilen. Schließlich musste Florentine herausfinden, wie man am besten zu diesem Bezirk fuhr. Oma Gertrude hatte dort etliche Jahre verbracht, in der Nähe des Schlosses Charlottenburg, aber die Fahrverbindung hatte sich seitdem bestimmt geändert. Das hätte sie vorher natürlich googlen können …

Eine Weile lief sie umher und stieß durch Zufall auf den gesuchten Schalter, wo sie nach der Strecke fragte. Die Frau mittleren Alters mit rosa Strähnen in der ansonsten blauschwarz gefärbten Kurzhaarfrisur schien leicht schwerhörig zu sein. Aufdringliche Duftwolken eines süßlichen, billigen Parfüms überforderten Florentines ohnehin überreizte Sinne.

„Wo woll’n Se hin?“

„Zum. Schloss. Charlottenburg“, wiederholte sie.

„S-Bahn bis Bahnhof Zoo, da fahren viele Linien hin, dann umsteigen in den Bus M45. Macht 2,70“, gab die Dame übellaunig von sich und schob ihr das Ticket hin.

„Und wie komme ich zur S-Bahn?“

„Na, da lang!“

„Danke, überaus freundlich.“ Florentine zahlte und lief in die genannte Richtung. Das fing ja gut an.

Von der Schroffheit der Berliner hatte ihr Gertrude bereits berichtet. Mach dir nichts draus, die haben eine große Klappe, sind ansonsten ganz lieb, nach einer Weile …

In der S-Bahn überlegte sie, was zu tun war, wenn ihr die Unterkunft nicht gefiel. Sich in ein Café setzen und das Tablet bemühen. Was sonst. Hätte sie erst ein Dach überm Kopf, wenn auch ein provisorisches, könnte sie den nächsten Schritt wagen: Einen Job finden. Und nachdem die Probezeit absolviert wäre, stünde es an, eine richtige Wohnung zu suchen.

Bahnhof Zoologischer Garten, berühmt-berüchtigt. Einfach schaurig, fand Florentine. Sie beeilte sich, nach draußen zu gelangen und fragte sich wieder einmal durch. Bis sie an die Bushaltestelle kam, wurde sie von einer Teenie-Gruppe angerempelt und zweimal aggressiv um ein paar Euro angebettelt.

Kaum war sie in den M45 eingestiegen, drückten sie die Nachkommenden rabiat zur Mitte des Busses. Was sich als doppelt unangenehm erwies, da sie an drei Kinderwagen samt Kampfmüttern schlecht vorbeikam.

Hanseatische Zurückhaltung war hier definitiv nicht angesagt, daher fuhr Florentine die Ellbogen aus, buchstäblich, und erkämpfte sich den Weg zur allerletzten Sitzbank, wo sie einen freien Platz ergattern konnte. Sie dampfte vor Wut. Am liebsten hätte sie laut „Ich hasse Berlin!“ geschrien. Aber so, wie die Leute um sie herum drauf waren, würde das niemanden jucken.

Einfach diese Fahrt überstehen, beschwichtigte sie sich. Versuchen, alles auszublenden, auch die Knoblauchausdünstungen des Sitznachbarn und den Schweißgeruch des Vordermannes.

Als eine Automaten-Stimme die Haltestelle des Schlosses ankündigte, hatte sich die Anzahl der Fahrgäste reduziert, und Florentine konnte dank eines abrupten Bremsmanövers des Fahrers locker zur Tür segeln.

„Nichts passiert“, erklärte sie, nachdem sie sich hochgerappelt hatte. Es interessierte allerdings keine Sau, und Florentine stieg irritiert aus.

Endlich fester Boden unter den Füssen, sie schnaufte erleichtert auf. Dem Schloss gönnte sie einen kurzen Blick, hatte jedoch keine Lust auf eine Besichtigung. Sie brauchte einen Kaffee, dringend.

Die ersten Läden, die dafür infrage kamen, gefielen ihr nicht. Doch am Klausenerplatz lachte ihr ein Café entgegen. Sie trat ein und setzte sich an einen der freien Tische. Trotz der gähnenden Leere machte die Bedienung einen hektischen Eindruck.

„Ich hätte gern einen Cappuccino!“, meldete sich Florentine zu Wort, als die Kellnerin an ihr vorbei nach draußen sauste.

„Bin gleich bei Ihnen!“

Florentine schaute ihr verdutzt hinterher, wie sie aus einem geparkten Wagen vor der Caféhaustür etwas holte. Seltsam, das Geschäft einer Wildfremden zu überlassen …

Die Frau schlenderte mit einem Smartphone in der Hand wieder herein. „Sorry, hatte das Ding in meiner Karre liegen lassen. Cappuccino? Kommt! Wir haben auch leckeren Kuchen. Wie wär’s mit Apfel?“

„Gern.“

Nun zückte auch Florentine ihr Handy und meldete ihrer Großmutter, dass sie wohlbehalten in Berlin angekommen war. Gertrude freute sich über den Anruf und wünschte ihr viel Glück.

Nach dem Auflegen stellte Florentine fest, dass sie seit zwei Stunden nicht mehr geweint hatte.

Pink ist das neue Schwarz oder: Püppis Palace

Die Gegend um den Klausenerplatz war idyllisch. Verwinkelte Seitenstraßen gingen von ihm ab, in denen alte Häuser einen maroden Charme verbreiteten.

Florentine flanierte vorbei an alternativ angehauchten Läden – von Esoterik über Bücher und Kunstbedarf bis hin zu Biowaren war alles vertreten. Die Passanten wirkten tiefenentspannt. Umso erstaunter war sie deshalb, als ein Geschäft vollkommen aus dem beschaulich-kreativen Rahmen fiel:

„Golden Gerbil“ stand auf dem Schild über dem Laden, dessen Auslage mit schrillem Pink umrandet war.

Von dieser Farbe magisch angezogen überquerte sie die Straße und betrachtete das Schaufenster. Vor ihr stand, auf hohen Stelzen, ein Taj Mahal-Nachbau in einer Art Gitterkonstruktion. Daneben eine Burg, wahrscheinlich Camelot nachempfunden, ebenfalls aus feinen Stäben gebaut.

Es waren Käfige, die nebeneinandergestellt das gesamte Fenster in Beschlag nahmen. Drinnen bestand die Dekoration aus verschiedenen Holz-Plateaus, die mit Strohhäuschen und Näpfen bestückt waren.

Und was beherbergten diese außergewöhnlichen Bauwerke? Florentine drückte ihre Nase an die Scheibe.

Ein pelziger Insasse sprang wie zur Antwort quer durch den Käfig. Eine Rennmaus! Und gleich eine zweite und dritte hinterher.

Eine Zoohandlung! Wo sie doch Tiere so liebte.

Tief im Innern konnte Florentine weitere originelle Käfige ausmachen, während sie durch das Glas linste. Spontan entschied sie sich, alles genauer unter die Lupe zu nehmen.

Sie drückte die Tür auf und erhielt als Willkommensgruß das helle Klingeln einer Glocke. Dann stand sie fasziniert vor Käfigen in verschiedenen Größen und Formen. Im „Schloss Charlottenburg“ schien man noch zu schlafen. Da lebten Goldhamster, wie sie dem Schild entnehmen konnte, und die waren nachtaktiv. In der „Feenburg“ hingegen ging es hoch her – Mini-Mäuse wuselten wild herum. Weiter hinten, in der Ecke, entdeckte Florentine ein Gehege, in dem Meerscheinchen residierten. Der Aufbau nannte sich „Runddorf“; so waren niedliche Hütten um einen „Dorfplatz“ mit Wasserloch und Futtertrog arrangiert.

„Allerliebst, nicht wahr?“

Florentine drehte sich erschrocken um und gaffte die Person mit großen Augen an.

„Sorry, Schnucki, ich wollte dir keine Angst einjagen. Du warst so versunken, dass du mich nicht gehört hast. Ich bin Wolfram, aber alle nennen mich Püppi.“

„Florentine“, stellte sie sich vor, während sie Püppi von Kopf bis Fuß musterte.

Er war so groß wie sie, was recht klein bedeutet. Das Alter konnte sie beim besten Willen nicht einschätzen. Blonde Locken umschmeichelten das zugegebenermaßen gut geschminkte Gesicht und eine farbenprächtige Tunika umspielte seine zierliche Figur. Florentines Blick folgte den wohlgeformten Beinen, die in rosa Strumpfhosen steckten und in High Heels endeten. Der Name Püppi passte eindeutig besser zum Erscheinungsbild als Wolfram.

„Wow …“

Püppi klimperte mit den Wimpern. „Verstehe, das Kompliment gilt eindeutig mir und nicht den Nagern, danke! Leider kann ich es nicht zurückgeben. Mädel, ich kenn dich zwar nicht, aber du siehst definitiv völlig fertig aus.“

Florentine war diese direkte Art nicht gewohnt. Doch als sie die Person in dem bodentiefen Spiegel an der Wand gegenüber bemerkte, musste sie Püppi recht geben.

Die Mascara hatte sich unter dem anhaltenden Tränenbeschuss am Gesichtsrand in Deckung gebracht und rot verquollenen Augen den Vortritt gelassen. Vom Lippenstift war nicht eine Spur mehr zu sehen, dafür jedoch bleiche und rissige Lippen. Ihre braunen Haare hatten den Schwung verloren, ebenso wie ihre Haltung die Spannung. Und in den alten Jeans und dem olivgrünen Parka machte sie eine extrem traurige Figur. Der Rucksack vollendete das Elend.

„Ich habe harte Zeiten hinter mir … ich will in Berlin neu starten.“

„Harte Zeiten, hmmm? Das kenn ich. Stecke praktisch mittendrin. Aber niemals, never ever, würde ich mich so gehen lassen!“ Püppi zupfte mit spitzen Fingern an Florentines Parka herum. „Seit wann bist du hier?“

„Seit heute Morgen. ICE aus Hamburg.“

„Da muss ich doch gleich an die tollen Transen denken … Und wo wohnst du?“

„Ich bin eigentlich auf dem Weg zu einer Ferienwohnung.“

„Das ist gar nicht gut. Weißt du nicht, dass sich die Nachbarn über solche Wohnungen aufregen? Und die Vermieter können Ärger bereiten. Ich glaube sogar, dass es verboten ist. Die Touris feiern nachts Partys und machen auch sonst viel Krach. Muss das sein?“

„Auf jeden Fall, denn ich brauche einen Job, um eine Wohnung zu finden, und den habe ich noch nicht.“

„Was für einen Job stellst du dir vor?“

„Ich war Sprechstundenhilfe in einer Tierarztpraxis. Etwas Entsprechendes wäre schon prima.“

Püppis Augen leuchteten. „Das ist ja interessant! Kindchen, ich habe eine Idee! Was hältst du davon, hier im Laden auszuhelfen. Tiere füttern, sauber machen, Käfige putzen, Verkauf … Ich kann dir zwar nicht viel zahlen, aber ich biete dir freie Kost und Logis an. Da hinten geht’s zu einem Raum, wo Bett, Schrank und ein paar Möbel drinstehen. Wenn ich Gäste habe, bringe ich sie dort unter, weil meine Wohnung oberhalb des Ladens nicht so groß ist. Ich lagere da ansonsten Futter, Streu und alles Mögliche. Wenn dich das nicht stört, kannst du sofort einziehen. Essen gibt’s oben bei mir, ich koche himmlisch und habe gern Gesellschaft. Was meinst du?“

Im Geist überschlug Florentine das Angebot. Es war besser als gar nichts. Sie hätte mit Tieren zu tun. Und mit Püppi, der ihr immer sympathischer wurde.

„Ich mach’s!“

„Gute Entscheidung! Aber sag mir nicht, dass das dein ganzes Gepäck ist …“

„Nein, ich habe einen Koffer in einem Schließfach untergebracht. Ich könnte zum Hauptbahnhof fahren und ihn holen.“

„Das sind deine ganzen Besitztümer?“

„Der Rest ist bei meiner Großmutter in Hamburg eingelagert.“

„Wie praktisch. Dann mach los, Schätzchen. Und wenn du wieder hier bist, müssen wir dich generalüberholen. Das geht gar nicht, wie du rumläufst!“ Püppi war ein netter Typ; unkonventionell, herzlich, witzig und gleich per du.

Florentine versprach, bald wieder zurück zu sein und lief zum Spandauer Damm, wo sie sich ein Taxi nahm. So war das Leben viel angenehmer und sie konnte sich weitere leidige Erfahrungen sparen. Kein überfüllter, stinkender Bus, nein – nur zurücklehnen und die vorbeiziehende Szenerie einsaugen.

Am Hauptbahnhof angekommen, musste sie sich nur erinnern, wo die Schließfächer lagen. Sie besah sich die Beschilderung und wurde fündig. Ihr Koffer befand sich noch im Fach. Das war ein gutes Zeichen, er hätte auch gestohlen worden sein können. Sie zog ihn heraus und hastete in Richtung Taxistand. Eine halbe Stunde später war sie im „Golden Gerbil“.

 

Köstlich schmeckt die Nacht

Kapitel 1

Die Ratten konnten ihr gestohlen bleiben, selbst wenn sie so groß und fett wie Biber waren. Heute Nacht waren raffinierte Köstlichkeiten angesagt. Geschmeidig überquerte sie den Hinterhof und sprang auf die Mauer. In der Ferne blinkten Lichterketten an den Fenstern; uninteressant für sie.

Es war frostig, doch sie fror nicht. Das dichte, weiße Fell schützte sie vor der Kälte, und die Vorfreude auf kulinarische Genüsse ließ ihr Herz höher schlagen. Sie spürte, wie sich Adrenalin im Körper aufbaute.

Nun konzentrierte sie sich auf die Tür. Bald würde sie aufgehen. Joe, der Küchenjunge, warf jede Nacht um die gleiche Zeit die Essensreste weg; manchmal begleitet von spöttischen Zurufen der Köche, die seinem Namen kränkende Adjektive beifügten.

Sie mochte Joe, weil er den Tonnendeckel nie zuklappte. Dadurch konnte sie, sobald er wieder in der Küche verschwunden war, kopfüber ins Schlemmerparadies hechten.

Beim Gedanken an Lachs, Hühnerbrustfilet und Steak lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Die Stückchen wurden im Abfall zu großen Klumpen; das machte den Reiz aus. Denn die Aromen hatten Gelegenheit, sich „anzufreunden“, und bildeten auf diese Weise eine neue, unvergleichliche Kreation.

Eine winzige, dunkle Gestalt huschte unter ihr an der Mauer entlang. Eine Maus vielleicht. Danke, kein Bedarf, lenk mich bloß nicht ab.

In der Sekunde schwang die Tür auf. Joe, aufgedunsen und kahl geschoren, watschelte schwerfällig zum Abfallbehälter, hob den Deckel an, den der Kollege von der Tagesschicht immer geschlossen hielt, und schüttete den Inhalt eines großen Plastikeimers in dessen Tiefen.

Die Feinschmeckerin auf dem erhöhten Beobachtungsposten presste sich auf den kalten Backstein, obwohl das nicht nötig war. Joe hatte einen Tunnelblick und verrichtete seine Arbeit wie ein Roboter.

Wie erwartet ließ er den Deckel hängen und marschierte dumpf ins Restaurant zurück. Die Tür fiel mit einem metallischen Klatschen ins Schloss – das Startsignal.

Sie maß die Distanz, trat von einem Hinterlauf auf den anderen und drückte sich von den Steinen ab. Mit einem Satz landete sie zielsicher auf einer weichen, lauwarmen Masse.

Mmh … Cordon bleu an Loup de mer, Lasagne und Kalbsbäckchen … Schon wühlte sie sich durch die herrlichen Speisen und ließ es sich schmecken. Salatblätter und Gemüse schob sie geschickt zur Seite.

Eigentlich war sie satt. Sie sollte sofort rausspringen und sich auf den Weg machen. Da! Filet Wellington … Nur noch diesen Bissen!

Dermaßen versunken in ihre Gaumenfreuden, bemerkte sie nicht, dass sich Joe näherte. Er schleuderte eine weitere Ladung in die Tonne. Hühnerkarkassen, Kotelettknochen, Muschelschalen und Fischgräten prasselten hart auf sie hernieder. Und zum ersten Mal schloss Joe den Deckel.

Panik und Wut befielen sie gleichermaßen. Sie unterdrückte jedoch den Impuls, diesen Gefühlen laut Ausdruck zu verleihen. Bleib ruhig, sammle dich, du kannst das …

Später, auf dem Weg nach Hause, machte sie sich Vorwürfe. Nicht auszudenken, wenn sie es nicht geschafft hätte, den schweren Deckel aufzustemmen. Nur ihrer Geschicklichkeit und der Kraft der Verzweiflung war es zu verdanken, dass sie sich befreien konnte.

Allerdings waren drei Krallen abgebrochen, und an den Stellen bluteten die Pfoten. An ihrem Fell klebten Gräten, und sie stank fürchterlich nach Fisch. In der Wohnung würde sie sich die Wunden lecken und einer gründlichen Katzenwäsche unterziehen. In Zukunft musste sie achtsamer sein.

Kapitel 2

Juliette war spät dran. Das dritte Mal in dieser Woche war sie unpünktlich zur Arbeit erschienen. Die Ausrede für heute war, dass sie sich verfahren hatte, als sie eine neue Busroute ausprobieren wollte. Tatsächlich hatte sie ihre Lieblingsjeans nicht gefunden. Kein Wunder bei dem Durcheinander im neuen Zuhause.

Das Zuspätkommen war an sich schlimm genug. Einen besonders schlechten Eindruck vermittelte es indes, weil sie diesen Job erst vor zwei Wochen angetreten hatte. Sinead, die am Empfang saß, zupfte an ihrer braunen Mähne herum, als Juliette „Guten Morgen“ flüsterte.

„Deine Statistik ist außergewöhnlich. Nie zuvor kam jemand in so kurzer Zeit so oft zu spät!“ Sinead betonte exaltiert das Wort „So“.

„Tut mir leid, ich check das in Dublin mit den Bussen einfach nicht!“

„Vor mir musst du nicht zu Kreuze kriechen … eher vor ihm da!“ Und sie deutete mit einem Nicken ins Großraumbüro.

Juliette entdeckte Christopher, der mit verschränkten Armen an ihren Schreibtisch lehnte. Er war ihr Vorgesetzter und der erfolgreichste Kundenberater der Werbeagentur, in der sie am 1. Dezember die begehrte Stelle ergattert hatte.

Schnell durchschritt sie den Raum, ohne auf die erwartungsvollen Blicke ihrer Kollegen zu achten, die oft miterlebten, wie Juliette von ihrem Boss rundgemacht wurde.

Bei Christopher angekommen, setzte sie eine betroffene Miene auf.

„Ich weiß, was du sagen willst. Und du hast vollkommen recht. Ich wollte früh eintreffen, habe mich dann aber mit dem Bus verfranst … Sorry!“

„Juliette, so geht das nicht! Ich verwarne dich. Das nächste Mal fliegst du, da kannst du noch so effizient arbeiten. Ich brauche eine Sekretärin, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann und die sich an die Bürozeiten hält.“

Einzig und allein das Surren der Computer war zu hören; die Kollegen grinsten lautlos, die Köpfe über ihre Papiere gesenkt.

Juliette schaute betreten in Christophers haselnussbraune Augen. Er war ein gut aussehender Mann von achtunddreißig Jahren. Mit schwarzen Haaren, die sich hinter den Ohren wellten, und der Figur eines Profi-Schwimmers.

Sein sportliches und rassiges Erscheinungsbild konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie es mit einem harten Brocken zu tun hatte, der sich weder von Juliettes mitleidheischendem Gesichtsausdruck noch durch die blonden Locken und grünen Augen beeindrucken ließ. Auch nicht von ihrem zarten Alter von vierundzwanzig.

Dafür, dass er sauer war, hatte er sich ausnahmsweise gut im Griff, überlegte Juliette. Innerlich dankte sie ihrem Schutzengel, dass er nicht losbrüllte.

„Entschuldige bitte. Ich verspreche, künftig pünktlich zu sein …“, druckste sie herum.

Christopher atmete tief durch. „Okay. Hast du die Powerpoint-Präsentation fertig?“

„Seit gestern Abend. Ich bin länger geblieben …“

Er musterte sie durchdringend. Juliette konnte nicht beschreiben, was er an sich hatte. Was immer es war, es beunruhigte sie. Und das lag nicht an seiner Position als Chef.

Mit flatternden Fingern fuhr sie den Mac hoch, verstaute die Handtasche in der Schublade und nahm Platz. Dann klickte sie das Dokument auf. Christopher stellte sich neben sie.

„Bitte sehr!“, sagte sie, während sie die Datei langsam herunterscrollte.

„Gut, das können wir so lassen“, bemerkte er trocken. Und ein paar Minuten später: „Was ist da passiert?“ Er zeigte auf ihre Hände.

„Ich habe Kartons ausgepackt. Dabei sind mir die Nägel eingerissen.“

„Noch nicht fertig? Das dauert lange bei dir. Als ich umgezogen bin, war ich innerhalb von zwei Tagen komplett eingerichtet!“

Angeber!, dachte Juliette. Und zu ihm gewandt: „Schnelligkeit ist nicht unbedingt von Vorteil …“

Ein paar Schreibtische weiter vernahm sie Gekicher.

Christopher ging wortlos in sein verglastes Abteil, und Juliette erledigte die E-Mails.

Kapitel 3

Die Nacht war kühl und sternenklar. Juliette stand vor ihrer Haustür und blickte sich um. Keine Menschenseele war zu sehen, und aus den Fenstern gegenüber schimmerte bläuliches Licht, welches verriet, dass die Leute ihre Fernseher eingeschaltet hatten.

Sie schloss die Augen und visualisierte ihr anderes Ich. Im Nu waberte Nebel um ihren Körper, der sie sanft in eine Katze verwandelte. Nachdem die Metamorphose vollendet war, verschwanden die magischen Schwaden.

Der Drang, ihre zweite Natur auszuleben, meldete sich nachts. Und da die Magie viel Energie verbrauchte, musste sie diese dem Körper wieder zuführen. Was sie am Tag zu sich nahm, reichte bei Weitem nicht. Es war höchste Zeit für eine Fresstour!

Unweit ihrer Wohnung lag der idyllische Merrion Park mit einem hervorragenden Angebot an kleinen Säugetieren. Nach rohem Fleisch stand ihr allerdings nicht der Sinn.

Sie würde einen Blick oder zwei in die Pubs rundum werfen, genauer gesagt, in deren Hinterhöfe. Pub-Essen war deftig und eine Abwechslung zur Haute Cuisine. Selbst Sterneköche aßen hin und wieder Leberwurstbrote. Und wie Joe nahm es das Personal nicht genau mit der ordentlichen Entsorgung der Reste.

Als sie in die schmale Gasse neben einem Pub einbog, aus dem irische Folkmusik dröhnte, witterte sie einen speziellen Geruch.

Kater.

Sie stoppte. Sollte sie es wagen, weiterzugehen? Womöglich hatte die Konkurrenz ältere Ansprüche.

Fliehen oder kämpfen? Hin- und hergerissen wartete sie mit zuckender Schwanzspitze ab.

Als hinter ihr auf der Straße plötzlich ein Autoalarm losschrillte, hüpfte sie verschreckt vor. Der Geruch nahm an Intensität zu, sie war dem Kater jetzt näher. Alles oder nichts, brummelte sie in die Barthaare und stapfte hochbeinig und erhobenen Hauptes in den Hof, bereit, Freund oder Feind zu begegnen.

„Wen haben wir denn da?“, säuselte eine wohlklingende Stimme.

„Hallo!“, antwortete sie und hockte sich auf die Hinterläufe, da sie keine Gefahr spürte.

Der Kater trat zwischen zwei Holzkisten hervor und beschnupperte sie. „Neu hier?“

„Ja.“

Im Lichtschein, der aus dem Küchenfenster auf den Steinboden fiel, erkannte sie sein rot getigertes Fell.

Der Kater umkreiste sie. „Woher kommst du?“

„Aus Cork.“ Ein verführerischer, moschusartiger Duft umspielte ihre Nase.

„Die Kater von Cork müssen Trauer tragen, weil sie eine Schönheit wie dich verloren haben …“ Er schnurrte.

Wenn sie erröten könnte, wäre dies der richtige Moment. So extrem hatte sie nie ein Exemplar ihrer Spezies angeflirtet.

Er machte es sich vor ihr bequem. „Was für zauberhafte Augen du hast … grün wie ein verwunschener Teich.“

„Deine sind auch nicht schlecht … golden, nicht wahr?“ Sie hätte ruhig charmanter sein können, stellte sie fest.

„Richtig, meine Göttin. Und diese Augen haben schon viel gesehen. Wenn du möchtest, kann ich dir die lauschigsten Plätzchen Dublins zeigen. Ich bin der King, musst du wissen. Ich …“

Weiter kam er nicht. Ein schwarzer Kater, fast so riesig wie ein Panther, raste heran und versetzte dem Roten heftige Prankenhiebe. Der Unterlegene fauchte.

„Mach, dass du wegkommst! Das ist mein Revier!“, knurrte der Angreifer.

„Du wieder! Denkst wohl, du bist was Besonderes, was? Ich wollte sowieso gerade gehen. Tut mir leid, meine Kleine …“ Er zwinkerte ihr zu. „Man sieht sich … irgendwann …“

Der Schwarze legte die Ohren an. „Wird’s bald?“

„Reg dich ab, bin schon weg …“, sprach der Verlierer und verschwand in die Dunkelheit.

„Dieser Warmduscher mischt sich überall ein!“ Er trat auf sie zu. „Wenn du nicht hübsch wärst, würde es auch für dich was setzen.“

„Was für eine rüde Begrüßung! Wirklich ein Jammer, dass der andere nicht das Sagen hat.“

„In fremden Revieren wird man eben so empfangen, wenn man nicht auf ein Techtelmechtel aus ist. Tu nicht wie die Unschuld vom Lande …“

„Er war trotzdem …“

„Ein Weichei! Ein Schleimer!“

Sie blickte in seine goldbraunen Augen, die etwas Flackerndes an sich hatten, und fragte sich, wo diese Begegnung hinführen sollte.

Er hielt ihrem Blick stand. „Du bist anders …“, raunte er.

Um dem Sog seiner Augen zu entgehen, blinzelte sie. Es wurde Zeit, das Weite zu suchen. Dieser Typ war ihr zu krass. Sie trabte zur Straße.

„Wo willst du hin?“, rief er ihr nach.

„In mein Revier!“, keifte sie zurück.

 

Ein loyaler Geist

Kapitel 1

Agatha saß auf der Eckbank in der Küche und starrte entsetzt auf ihren Laptop. 950 Pfund für ein winziges Apartment? Und das, weil die Gegend zu den besseren gehörte?

Doch das war noch nicht mal der Gipfel der Unverfrorenheit – es gab sogar in weniger guten Bezirken kostspielige Behausungen. Wohnungssuche in London hatte sie sich nicht so frustrierend vorgestellt.

Agathas Mutter hatte sie vorgewarnt. Und auch deren Freundin Liz, bei der sie seit zwei Wochen wohnte. Liz hatte ihr empfohlen, sich mehrere Monate vor Semesterbeginn in London einzufinden, um sich in Ruhe auf dem Wohnungsmarkt umsehen und natürlich rechtzeitig fündig werden zu können. Agatha wäre solange eingeladen.

Liz schlug vor, ein Zimmer im Studentenheim in Erwägung zu ziehen; jedoch ohne Erfolg. Agatha sah entscheidende Nachteile darin: den begrenzten Wohn-Zeitraum von vierzig Wochen und das Teilen der Küche mit bis zu zwölf Leuten. Und nichts an den Wänden befestigen zu dürfen – das war für sie mit das Schlimmste. Darüber hinaus in Gesellschaft von Wildfremden sein, Tag und Nacht. Na, gute Nacht!

Also am besten eine hübsche, kleine Wohnung. In einer gepflegten Gegend.

„Träumen ist gut für die Seele, Agatha, aber schlecht für die Wohnungssuche!“, meinte Liz dazu.

Sie hatte selbstverständlich recht. Doch Agatha träumte weiter.

Es musste möglich sein, etwas Passendes zu finden, selbst in dieser wahnsinnig teuren Stadt! Dass sie nicht ein ganzes Jahr bei Liz verbringen konnte, war ihr klar. Auch kein halbes Jahr. Ein paar Monate, mehr nicht!, hatte Liz betont.

Es war jetzt Mitte Juni. Bis zum Semesterbeginn im September musste Agatha sich in ihren eigenen vier Wänden eingerichtet haben.

Aber die Angebote waren ernüchternd. Wenn sie nicht bald eine Unterkunft fand, müsste sie höchstwahrscheinlich ins Studentenheim … Was für ein furchtbarer Gedanke! Doch nicht nur das: Wenn sie nicht schnell genug war, würde jemand anderes ihr das letzte Zimmer dort vor der Nase wegschnappen. Und dann könnte sie vielleicht nicht hier studieren, müsste mit eingeklemmtem Schwanz zurück nach New York. Eventuell auch noch ihrem Ex vor die Füße laufen, womöglich in Begleitung seiner Neuen …

Mit Schrecken dachte sie an die Zeit zurück, in der Harold, mit dem sie seit der Schulzeit zusammen gewesen war, sie belogen und betrogen hatte. Sie musste ihre Sachen packen, flüchtete aus der gemeinsamen Wohnung und zog zu ihrer Mutter, was einem Versagen gleichkam.

Das sollte sich jetzt bitte, zwar aus anderen Gründen, nicht wiederholen. Aber so musste es nicht kommen, nicht wahr? Der Faktor Glück war nicht zu unterschätzen. Hoffte sie jedenfalls inständig.

Agatha scrollte sich volle fünf Tage durch die Immobilien-Webseiten. Die Wohnungen waren größtenteils mickrig und dabei derart kostspielig, dass sie kaum ihren Augen traute.

Ihr Vater hatte sie in seinem Testament großzügig bedacht, und wenn sie das Geld vernünftig einteilte, könnte sie sich für die nächsten Jahre ein Studium in London leisten, inklusive Lebenshaltungskosten und Vergnügungen. Das funktionierte aber nur, wenn die Miete 700 Pfund monatlich nicht überstieg.

Und dann entdeckte sie das Angebot, das ihr Leben verändern sollte.

Kapitel 2

Es war Samstagvormittag. Wieder traute Agatha ihren Augen nicht, dieses Mal jedoch vor Freude.

500 Pfund für 60 Quadratmeter in der Nähe des Hyde Park, ab sofort beziehbar – und die Kirsche auf dem Sahnehäubchen: Es handelte sich um ein umgebautes Gartenhaus inmitten eines großen Anwesens. Der Makler verlangte einen Lebenslauf und Angaben der finanziellen Situation per E-Mail.

Agatha schickte ihm sofort die gewünschten Daten und stürzte ins Wohnzimmer, um Liz die atemberaubende Neuigkeit zu verkünden.

Liz, pensionierte Englischlehrerin und Büchernärrin, saß mit untergeschlagenen Beinen in ihrem Lieblingssessel, ein prächtiges Möbelstück aus tabakfarbenem, abgewetztem Leder, und blickte von ihrer Lektüre hoch.

Sie hörte sich Agathas Redeschwall an und meinte daraufhin trocken: „Das ist sicher ein Fake, ein Mädchenhändler-Ring oder ein Serienkiller. Solche Angebote sind nicht seriös!“

„Vielleicht trifft das gar nicht zu. Vielleicht ist es wirklich ein Glücksfall, wie sechs Richtige im Lotto oder eine steile Karriere in Hollywood. Man kann nie wissen, Liz! Ich hab ihm jedenfalls eine Mail geschickt!“

„Klar, du und Zehntausende andere Verzweifelte. Sein Postfach wird aus allen Nähten platzen. Bis er das durchgegangen ist, vergehen Wochen! Und wenn du wirklich Glück hast und dieser Typ kein Verbrecher auf Opferschau ist, sondern ein seriöser Makler, der für einen seriösen Kunden einen Mieter sucht, heißt das nicht, dass du in die engere Wahl kommst. Gewöhn dich lieber an den Gedanken, in ein Studentenheim zu ziehen. Oder such dir von mir aus ein Zimmer in einer WG.“

„Wir werden sehen. Ich warte einfach ab. Mehr als eine Absage kann nicht kommen. Und solange suche ich natürlich weiter. Meinetwegen nach einem WG-Zimmer. Aber Studentenheim … nein, danke!“

Liz seufzte. „Ich meine es doch gut! Du bist ziemlich verträumt für jemanden, der in New York aufgewachsen ist. Das Leben hier ist, genauso wie drüben, recht hart. Ich kann mich nicht so um dich kümmern, wie deine Mutter es immer getan hat. Ich kann dir nur den Ratschlag geben, deine Erwartungen runterzuschrauben und stets wachsam zu sein.“

„Ich bin nicht so naiv, wie du denkst. Apropos Mutter … ich schicke ihr eine Mail, mal sehen, was sie dazu sagt.“

Agatha verließ das Wohnzimmer, ohne eine Reaktion von Liz abzuwarten, nahm vor dem Laptop Platz und berichtete ihrer Mutter vom Gartenhaus. Wegen des Zeitunterschieds erwartete sie nicht, sofort eine Nachricht zu erhalten, und widmete sich erneut der Wohnungssuche.

Eine Stunde später zeigte ihr der Signalton eine eingegangene Nachricht an. Sie öffnete die Mail eines Mr. Miller und las erstaunt den Text:

‚Sehr geehrte Ms. Plaine, vielen Dank für Ihr Interesse an der von mir angebotenen Immobilie. Die ersten fünfzig Einsendungen, zu der auch Ihre gehört, habe ich ausgedruckt und werde sie dem Vermieter vorlegen. Er wird daraus eine Shortlist erstellen und mit mir die Terminvergabe besprechen. Sollten Sie unter denjenigen sein, die mein Kunde auswählt, werde ich Sie umgehend informieren. Ich bitte Sie um ein wenig Geduld. Mit den besten Grüßen, J. S. Miller‘

Ihr erster Impuls war, der Skeptikerin Liz triumphierend davon zu erzählen. Aber diese würde wieder ihren Pessimismus verbreiten, den sie Agatha stets als Realismus verkaufte. Nein. Sie würde Liz und ihrer Mutter erst dann etwas verraten, wenn man sie zu einem Besichtigungstermin einlud. Frühestens. Wenn überhaupt.

Der Effekt war größer, wenn sie nach der Vertragsunterzeichnung damit rausrückte. Agatha begann wieder zu träumen und sich auszumalen, wie sie das Häuschen einrichten könnte, obwohl sie es nicht gesehen hatte.

Stopp! Reiß dich zusammen!, ermahnte sie sich und versuchte sich abzulenken. Sie musste sich darauf konzentrieren, weitere Angebote durchzugehen, was ihr jedoch schwerfiel.

Immer wieder drifteten ihre Gedanken ab. Sie fragte sich, wie lange es wohl bis zur nächsten Mail von Mr. Miller dauern würde. Das hing natürlich davon ab, wie schnell sich dieser Vermieter entscheiden würde. Fünfzig Bewerber waren nicht übermäßig viel, oder?

Nach welchen Kriterien würde er einen Mieter aussuchen? Was, wenn sie nicht auf diese Shortlist kam, von der sie nicht wusste, ob sie zwanzig oder gar zehn Personen umfasste?

Dann fragte sie sich, ob Mr. Miller seinem Kunden stets Päckchen mit weiteren fünfzig Bewerbungen schickte, aus denen immer wieder Shortlists erstellt wurden, bis endlich der ideale Mieter feststand. Warum zerbrach sie sich jetzt darüber den Kopf?

Da sie keine Lust mehr verspürte, nach einer Alternative für das Gartenhaus zu suchen, zog sie sich um und machte sich zu einem Shopping-Bummel auf.

Kapitel 3

Berauscht von den Einkaufsmöglichkeiten in der Regent und der Oxford Street und beladen mit Tüten, gefüllt mit Jeans, T-Shirts, Sandalen und einem luftigen Kleid, kehrte Agatha am Nachmittag in die Wohnung zurück.

Sie begrüßte Liz, die immer noch am Lesen war, und begab sich in den Arbeitsraum, der ihr als Gästezimmer diente. Wie die anderen Räume war auch dieser mit einer bunt zusammengewürfelten Mischung von Vintage-Stücken eingerichtet. Von ihren Reisen hatte Liz Souvenirs mitgebracht, die an allen Ecken und Enden, auf Tischchen, Regalen und Schränken standen.

Auf dem Bettsofa, ein Modell neueren Datums, breitete Agatha ihre Schätze aus, nahm danach eine Dusche und zog sich das Baumwollkleid über.

Mitten im Juni war es für Londoner Verhältnisse ungewöhnlich warm, fast tropisch schwül. Das neue Kleid war locker geschnitten, hatte dünne Träger und ein dezentes Paisleymuster in Rot und Pink; Farben, die ihr standen. Zudem brachten sie ihre braunen Haare und bernsteinfarbenen Augen schön zur Geltung. Bevor sie nach London kam, hatte sie sich in New York einen Pagenkopf schneiden lassen, und in dem Kleidungsstück wirkte sie jetzt wie eine Frau aus den Zwanzigerjahren. Große Perlenohrstecker vollendeten ihr Erscheinungsbild.

Sie lief ins Wohnzimmer und führte ihre neueste Errungenschaft vor. Liz war beeindruckt.

„Sieht wie ein Flapper-Kleid aus den Zwanzigern aus. Steht dir! Passt zu deinem Typ. Was hältst du davon, wenn ich dich ins Pub einlade, ‚The Vomiting Seaman‘ zum Beispiel? Das neue Kleid muss doch ausgeführt werden und das Wetter ist einfach herrlich!“

„Sehr gerne, Liz, ich merke gerade, wie hungrig ich bin. Das Pub wäre super!“, sagte sie und lachte. „Also, wie kann man sein Lokal nur so nennen? Ich könnte mich kringeln, wenn ich das höre!“

„Ich weiß nicht, wie der Name entstanden ist, selbst die Besitzer wissen es nicht, ich habe sie mal gefragt. Aber das Pub steht ja nicht in so einer piekfeinen Gegend wie Mayfair, hier in Camden sind wir entspannter. Außerdem ist das ein witziger Pub-Name, finde ich. Das Essen schmeckt, und wenn man nicht zu viel trinkt, kann man sich auch nicht übergeben …“ Liz grinste vergnügt.

„Wie wahr!“

„Gut, ich mach mich schnell frisch und ziehe mir was Leichtes an, dann können wir losgehen!“ Liz erhob sich aus dem Sessel, mit dem sie an manchen Tagen geradezu verwachsen schien, legte ein Lesezeichen ins Buch und klappte es zu. Während sie aus dem Raum ging, blickte Agatha ihr nach. Man sah Liz ihr Alter, immerhin fünfundsechzig, überhaupt nicht an.

Sie war zierlich, hatte raspelkurze, hennarote Haare, grüne Augen und kleidete sich im Bohemian-Style, wahrscheinlich wirkte sie deshalb so jugendlich.

Kurze Zeit später erschien sie wieder; gehüllt in ein langes, buntes Kleid. Um den Hals trug sie mindestens zehn Perlenketten in verschiedenen Längen.

„The Vomiting Seaman“ lag um die Ecke und verfügte über einen kleinen Biergarten auf der Rückseite. Für die nächsten Stunden machten es sich die beiden dort gemütlich, tranken Lager, aßen Burger mit Pommes und unterhielten sich. Liz ist nicht ständig so furchtbar pessimistisch, Pardon: realistisch, stellte Agatha fest und genoss den Abend mit ihrer Gastgeberin, die von ihrer Jugend erzählte.

„Das muss eine heiße Zeit gewesen sein“, meinte Agatha.

„Oh ja! Ich hatte mich mit Leib und Seele dem Punk verschrieben! Aber nicht lange. Ich musste erkennen, dass diese Lebensart nicht gerade mit meinem Beruf harmonierte. Abgesehen davon machte mich das ziemlich aggressiv.“

„Ich kann mir dich mit Stachelfrisur, Sicherheitsnadel im Ohr und zerrissenen Klamotten gar nicht vorstellen …“

„Nachdem es mir die Hippie-Bewegung angetan hatte, konnte ich mir das auch nicht mehr vorstellen.“

„Und das war für eine Lehrerin besser?“

„Sagen wir mal so … es wurde eher akzeptiert.“

„Seitdem bist du deinem Stil treu geblieben!“

„Das bin eben ich!“, lachte Liz und stieß mit Agatha an.

Gegen zehn Uhr spazierten sie nach Hause. Liz wünschte Agatha eine gute Nacht, sie würde sich in ihr Zimmer zurückziehen und vor dem Schlafengehen noch lesen.

Agatha setzte sich, aufgekratzt wie sie war durch den schönen Abend, an den Küchentisch und fuhr ihren Laptop hoch.

Und … Überraschung!

Sie hatte Post!

Als sie angespannt die Mail las, hätte sie am liebsten laut aufgeschrien und presste spontan die Hand auf den Mund.

‚Sehr geehrte Ms. Plaine, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie in die Shortlist aufgenommen wurden. Würde es Ihnen passen, sich morgen um zehn Uhr mit mir zu treffen? Adresse siehe unten. Es ist zwar Sonntag, aber mein Kunde möchte zügig vorankommen. Bitte bestätigen Sie mir so schnell wie möglich diesen Termin, mit freundlichen Grüßen, J. S. Miller‘

Das war unglaublich!

Aber … oh je! Mr. Millers Mail war bereits am Nachmittag eingegangen. Hoffentlich hatte er es sich mittlerweile nicht anders überlegt, weil sie nicht sofort reagiert hatte. Agatha schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass er heute noch mal in sein Postfach schauen würde, und antwortete ihm in Windeseile.

Sie entschuldigte sich für die Verspätung und wartete ungeduldig vor dem Bildschirm. Zehn Minuten später erhielt sie die Nachricht, dass der Termin feststünde und er sich freue, ihr das Haus zu zeigen.

Sie war in der Shortlist! Nicht zu fassen! Morgen würde sie Mr. Miller fragen, wie viele es da überhaupt hineingeschafft hatten. Eventuell war das nur die erste Runde, falls sich dieser ominöse Vermieter nicht entscheiden konnte. Eventuell auch nicht, und er würde einen anderen Kandidaten wählen. Oder sie war doch die Glückliche …

Sie war so aufgeregt, dass an Schlaf nicht zu denken war, und lief ins Wohnzimmer. Im Fernsehen wurde eine Episode der Serie „The Best of all Futures“ gezeigt. Es ging um mehrere Liebespaare, ihre Freuden, Probleme, Schicksalsschläge und Verflechtungen untereinander.

Die Schauspieler sagten ihr nichts, obwohl der, der die Hauptrolle spielte, sehr attraktiv war, dabei war er nicht gerade der Jüngste. Und auch sein jüngerer Gegenspieler war nicht zu verachten.

Agatha war mit den amerikanischen Fernsehserien vertraut und kannte sich mit US-Stars aus. Aber hier auf der Insel sah sie etliche TV-Gesichter zum ersten Mal.

Nachdem die Folge zu Ende war, bereitete sie sich eine heiße Schokolade zu und ging in ihr Zimmer. Sie stellte die Weckfunktion ihres Handys auf sieben Uhr dreißig ein und schlüpfte ins Bett. Es vergingen einige Stunden, bis ihr die Augen zufielen.

 

Waldhotel

Kapitel 1

Der Aufstieg zum Waldhotel war schweißtreibend. Das hatte sich Victoria nicht so vorgestellt, als sie ihr Gepäck in den Kofferraum des hoteleigenen Geländewagens gehievt und leichtfertig zugestimmt hatte, zu Fuß nachzukommen und sich dabei gleich mal ein wenig die Gegend anzuschauen.

Giulio, der Besitzer des Hotels, hatte ihr die kleine Wanderung nicht nur vorgeschlagen, sondern sie förmlich gedrängt, sich nach dem Flug und der langen Zugfahrt die Beine zu vertreten. Dann hatte er Victoria gezeigt, welchen Weg sie hochlaufen sollte, sich in sein Fahrzeug gesetzt und war davongebraust, mit einer Hand lässig aus dem Fenster winkend.

Zuerst war sie über eine leicht ansteigende Wiese mit wilden Blumen in leuchtenden Farben gestapft. Die Pflanzen reichten ihr fast bis zu den Knien, und der Tau hinterließ nasse Spuren auf Victorias Jeans. Der Marsch ging recht zügig voran, obwohl sie auf dem feuchten Boden ein paar Mal ausrutschte, als sie Kaninchenlöcher umging und hektisch Bienen wegwedelte. Zum Glück hatte sie keine Sandalen an, sondern Turnschuhe; im Flieger bekam sie immer so kalte Füße.

Dann erreichte sie eine befestigte Fahrbahn und folgte der Beschilderung. Leise fluchend setzte sie einen Fuß vor den anderen. Mann, das war viel steiler, als es von unten ausgesehen hatte. War eine blöde Idee, hier den Reinhold Messner zu geben.

Aus der Straße wurde nach ein paar Metern ein breiter, sandiger Trampelpfad. Undefinierbare Krabbeltiere flogen ihr auf die Arme und blieben dort hilflos kleben. Victoria versuchte vorsichtig, sie abzuzupfen, was nicht jedes Mal gelang.

Besonders unangenehm empfand sie den Wechsel von schattigen zu sonnigen Stellen, weil ihre Augen davon flimmerten. Zudem war es im Hellen sengend heiß und im Dunkeln unangenehm kühl. Aber so ist das nun mal, wenn der Hang voll hoher Tannen und allem möglichen Gestrüpp ist, dachte sie.

Wäre sie doch nur mit Giulio hochgefahren, hätte sie sich doch bloß nicht von ihm bequatschen lassen. In dem Moment hatte sie eigentlich nur demonstrieren wollen, dass sie kein verweichlichter Stadtmensch war. Dummer Fehler!

Wenigstens hatte sie auch ihre schwere, voluminöse Handtasche in den Wagen gelegt, in die sie mal wieder viel zu viel hineingestopft hatte. Es war eine dieser riesigen Designer-Taschen; ehrlich gesagt vollkommen deplatziert, wenn man vorhatte, eine Woche in den Bergen auszuspannen. Ein Rucksack wäre sinnvoller gewesen.

Ihre schulterlangen, braunen Haare klebten im Nacken, ihre Bluse hatte sich am Rücken festgesaugt. Nun ja, es war Frühsommer, Juni; und dazu noch die ungewohnte körperliche Aktivität.

Ihr Gesicht glühte. Das Make-up zerrann auf ihren hochroten Wangen. Jedes Mal, wenn sie sich mit einem Taschentuch den Schweiß abwischte, verschmierte sie das Rouge. Vermutlich hatte auch die zerlaufene Wimperntusche bereits fette Spuren hinterlassen. Bis sie oben ankäme, würde sie wie ein Zombie aussehen.

Womit hatte sie das verdient? Sie, die stets einen guten Eindruck vermitteln wollte und sich immer sorgfältig zurechtmachte. Es kostete einige Mühe, einen frischen, natürlichen Look zu kreieren, der unprätentiös wirkte. Jetzt würde sie so natürlich aussehen, wie ein Mensch, der den Kampf gegen Naturgewalten verloren hatte und sich mit letzter Kraft vorwärtsbewegte.

Alles Lamentieren half nichts. Sie musste diesen Weg gehen, ohne lange über ihr Befinden nachzudenken. Schritt für Schritt, ganz mechanisch, das Gehirn dabei ausgeschaltet lassen. Komm, so schlimm ist es doch gar nicht, versuchte sie sich aufzumuntern.

Doch es wurde schlimmer, denn der Weg wurde steiler.

Giulio werde ich gehörig die Meinung geigen, schimpfte sie. Doch noch war es nicht soweit. Weitere zwanzig Minuten mühte sie sich ab, mürrisch und nach Luft japsend.

Dann kam eine Biegung, und ihre müden Augen erblickten endlich das alte Gebäude, das ihr auf der Homepage des Hotels so gut gefallen hatte und das für eine Woche ihr Zuhause sein würde.

Sie blieb auf dem kleinen, kiesbestreuten Vorplatz stehen, fuhr sich mit den Händen durchs Haar und atmete tief durch. Das Waldhotel war in den Zwanziger Jahren erbaut worden; eine Mischung aus Jugendstil und Chalet. Victoria hatte gelesen, dass es über zwei Etagen verfügte, in denen Gäste untergebracht werden konnten; die Hotelbesitzer Giulio und seine Frau Inga wohnten im umgebauten Dachgeschoss. Vor dem überdachten Eingang waren Blumenbeete angelegt und Geranientöpfe zierten die Fensterbänke. Der Anblick zauberte kurz ein Lächeln auf Victorias Gesicht.

Doch ihr Groll erwachte erneut, als sie Giulios Wagen ausmachte, der vor einem Nebengebäude geparkt war. Na warte, Bürschchen!

Festen Schrittes lief Victoria auf den Eingang zu. Mit gehörig Adrenalin im Blut stieß sie die schwere Tür auf, die unten aus Holz und oben aus Glas bestand, eingefasst mit schmiedeeisernen Blumenranken.

Sie trat energiegeladen in die geräumige Diele, sprang drei Stufen hoch und blieb schnaubend vor Giulio stehen, der sie angrinste.

Victoria machte den Mund auf und wollte ihm unverblümt mitteilen, was sie von seiner Wander-Empfehlung hielt, als ihr der Wind aus den Segeln genommen wurde.

Ein Mann, der vorher das Regal voller Touristenbroschüren studiert und ihr den Rücken zugewandt hatte, drehte sich auf einmal um. Als sich seine und Victorias Blicke trafen, war ihr, als friere das Geschehen um sie herum ein. Die Zeit stand still. Sie schaute in große, eisblaue Augen; in ein schmales Gesicht, umrahmt von kurzen, braunen Haaren, von Grau durchwirkt. Es war kein schönes Gesicht – es war ein beeindruckendes Gesicht. Sie schätzte ihn auf Ende vierzig, Anfang fünfzig, doch trotz einiger Fältchen wirkte er jungenhaft.

Vergessen waren der Aufstieg und Giulio, vergessen waren Erschöpfung und Streitsucht. Victorias Gesichtsausdruck wechselte von aufgebracht zu aufgeheitert, ohne dass sie sich dessen bewusst war.

„Die kleine Wanderung hat dir wirklich gutgetan, oder?“, begrüßte Giulio sie fröhlich und immer noch grinsend. In einer der E-Mails hatte er ihr das Du angeboten. Der lockere Umgang mit den Gästen sei bei ihm und seiner Frau im Hotel üblich. Man würde sich duzen und mit Vornamen ansprechen, um den Arbeitsalltag abzuschütteln und ganz auf Freizeit umzuschalten, hatte Giulio geschrieben.

„Aber sicher doch, Giulio!“ Victoria hätte ihn am liebsten in die Rippen geboxt, bremste sich jedoch, als sie plötzlich die ernste Miene des Mannes vor ihr bemerkte. War der etwa zu Stein erstarrt?, wunderte sich Victoria.

„Victoria, Roger. Roger, Victoria“, stellte Giulio die beiden einander vor. „Mehr verrate ich nicht, das müsst ihr schon selbst voneinander herausfinden.“

„Hallo!“, sagte Victoria und hielt Roger die Hand entgegen. Dadurch, dass Giulio sie mit diesem faszinierenden Mann bekannt machte, stieg der Hotelier in ihrem Ansehen wieder. Auch Giulios Bemühen, seinen Schweizer Dialekt im Zaum zu halten, um von seinen Gästen verstanden zu werden, versöhnte sie.

„Ja“, antwortete Roger, nahm ihre Hand und hielt sie lange gedrückt.

Giulio betrachtete die beiden. Dann sagte er:

„Ich hab dein Gepäck schon ins Zimmer hochgetragen, Victoria. Du sollst dich schließlich nicht gleich an deinem ersten Tag so anstrengen. Haha, nun guck nicht so!“

Victoria warf ihm einen bösen Blick zu. Der Typ verscherzte sich gerade seine Sympathiepunkte.

„Dein Zimmer liegt übrigens neben dem von Roger, witzig nicht? Wenn du dich frisch gemacht hast, kannst du ja auf einen Drink auf die Terrasse kommen, so gegen fünf. Das gilt natürlich auch für dich, Roger. Und auch für die anderen Gäste, die heute eingetroffen sind. Werde allen mal Bescheid sagen, von wegen Begrüßungs-Cocktail. Und nun kümmere ich mich um meinen Papierkram. In einem Hotel gibt es immer was zu tun, oder? Bis später dann!“, sagte er und steuerte auf eine Tür neben der Treppe zu. Dahinter vermutete Victoria das Büro. Eine Rezeption gab es in der Eingangshalle nicht, um den offenen Charakter des Entrées zu unterstreichen, wie es auf der Webseite stand.

Nachdem Giulio in seinem Büro verschwunden war, blieben Victoria und Roger noch einen Moment schweigend in der Halle stehen.

Kapitel 2

Victoria stand auf dem Holzbalkon und schaute glücklich und zufrieden ins grüne Tal hinunter, wo sie auf der Wiese eine Herde Schafe entdeckt hatte, die friedlich grasten.

Sie war frisch geduscht und umgezogen, und das war nach den Strapazen des Aufstiegs genau das Richtige gewesen, um sich wie ein neuer Mensch zu fühlen. Sie hatte auch ihre Sachen ordentlich in den hübschen Bauernschrank geräumt. Ihr Zimmer gefiel ihr – ein Eckzimmer, hell und gemütlich, mit viel Holz und einem großen, bequemen Bett. Dazu ein Tisch und zwei Korbstühle.

Als sie nach links schaute, bemerkte sie eine zweite Tür. Das musste das Nebenzimmer sein, Rogers Zimmer. Beide teilten sich also diesen Balkon. Der Gedanke gefiel ihr. Aber was, wenn er urplötzlich heraustrat?

Unten im Foyer war er nicht gerade gesprächig gewesen. Sie hatten kurz dumm rumgestanden, dann war er ohne ein Wort nach draußen gegangen und Victoria auf ihr Zimmer.

Der Mann umhüllte sich mit einer intensiven Stille. Oder war das zu dramatisch gedacht? Sie musste aufhören, sich über solchen Unsinn den Kopf zu zerbrechen. Der Mann war eben ein ruhiger Typ. Fertig. Doch wenn sie ihm auf dem Balkon begegnete, würde bestimmt ein peinliches Schweigen entstehen. Schnell schlüpfte sie wieder ins Zimmer und schloss die Balkontür ab.

Bis zum Willkommenstrunk war noch eine halbe Stunde Zeit, also streckte sie sich auf dem Bett aus. Um nicht einzuschlafen, ließ sie die letzten Wochen Revue passieren. Sie konnte sie mit drei Worten beschreiben: stressig, stressig, stressig! Es wurde nun mal nicht leichter, je älter man wurde. Sie war jetzt siebenunddreißig, an sich nicht alt, aber in Werbeagenturen wurde man eben schneller verschlissen.

Immer dieser Termindruck! Bis zur letzten Minute hatte sie die Werbetexte für diesen penetranten Neukunden ändern müssen. Die Grafiker hatten gestöhnt, weil sie der Meinung waren, dass die längeren Texte die Optik verschandelten. Aber die meckerten sowieso ständig. Wie durch ein Wunder war die Präsentation gut gelaufen und man konnte in Produktion gehen. Und Victoria in ihren wohlverdienten Urlaub.

Berge!, hatte sich Victoria gedacht. Die Ruhe und Beschaulichkeit eines Schweizer Dorfes, perfekt für ihren ausgepowerten Geist. Nun war sie hier. Sie würde die Seele baumeln lassen. Essen, schlafen, spazieren gehen und an nichts weiter denken. Naja, vielleicht doch an etwas. Oder jemanden. An diesen Roger.

Würde er solchen Eindruck auf sie machen, wenn sie noch mit Georg zusammen wäre?

Victoria hatte sich vor drei Monaten von ihrem langjährigen Freund getrennt, nachdem sie ihn mit einer anderen im Bett erwischt hatte. In ihrem Bett!

Weil sie an diesem Tag Kopfschmerzen plagten, war sie früher nach Hause gegangen und hatte Georg und diese Schlampe überrascht. Nach einer Schrecksekunde hatte sie die beiden in Grund und Boden geschrien, worauf dieses, wahrscheinlich minderjährige, Flittchen panisch die Klamotten aufgesammelt hatte und aus der Wohnung geflüchtet war, während Georg wie erstarrt auf der Matratze hockte und Entschuldigungen stammelte.

Es sei ja nicht so, wie es aussehe, hatte er gemeint. Er liebte doch nur sein Schnuckelchen, seine Victoria. Aber Mandy war ja so jung und süß und sie hatte ihn immer so angesehen im Büro. Er hatte seiner Praktikantin eben einfach nicht widerstehen können und gedacht, wenn er mit ihr schlief, würde dies das Feuer des Begehrens löschen und man könnte sich in Zukunft neutral begegnen.

Victoria hatte noch nie so einen hirnverbrannten Schwachsinn gehört. Für wie dämlich hielt er sie? War er wirklich der Meinung, nach all den Jahren, dass er ihr so eine bescheuerte Ausrede auftischen und damit durchkommen könnte?

Beleidigt, enttäuscht und angewidert, hatte sie ihn daraufhin aus der Wohnung geschmissen. Danach durfte sich Georg, der erfolgreiche Makler, aus seinem Bestand an Luxusimmobilien selber eine neue Unterkunft suchen. Provisionsfrei.

In den ersten Wochen war sie noch wie benommen gewesen, aber das änderte sich, als dieser neue Kunde an die Werbeagentur herangetreten war, Victoria sich in die Arbeit stürzte und ihr Liebeskummer nach und nach verblasste. Dann allerdings hatte die Arbeit, die bis in die Nachtstunden dauerte, überhand gewonnen. Sie hatte sich geschworen, diesmal ihren Urlaub durchzusetzen, notfalls mit der Androhung einer Kündigung. Der Kreativdirektor, derartig in die Enge getrieben, hatte eine ganze Woche bewilligt, aber erst nach der Präsentation.

Und so lag sie hier, auf diesem Bett und ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen. Auch auf ihren Reisewecker. Und, oh, es war schon nach fünf!

Sie stand auf, strich ihre bunt bestickte Tunika zurecht, bürstete sich das Haar und trug etwas rosa schimmernden Lidschatten, der das Braun ihrer Augen betonte, auf. Noch etwas Mascara, einen Hauch Lipgloss, fertig!

Victoria verließ, mit einer kleinen Handtasche unterm Arm, ihr Zimmer, und lief beschwingt die Treppe hinunter, die, wie fast alles in diesem Haus, aus Holz war. Einen Fahrstuhl gab es nicht, das hätte nicht zum Charme des alten Gemäuers gepasst. Unten in der Halle traf sie auf Giulio und eine aparte Frau.

„Na, ausgeruht? Ich möchte dir meine Frau vorstellen, Inga, gebürtige Schwedin, aber sie wird immer mehr zur Schweizerin! Sie kümmert sich um Küche und Keller.“

Victoria und Inga begrüßten sich und Victoria fand, dass das Ehepaar nicht kontrastreicher hätte sein können. Giulio, schwarzhaarig, schwarzäugig, mit sonnengegerbter Haut und athletisch gebaut und Inga, hellblond, blauäugig, rotwangig und zierlich.

„Ich freu mich schon aufs Essen. Ich finde es toll, dass ihr hier Vollpension anbietet, da muss man nicht ständig ein Lokal aufsuchen. Und den Berg rauf und runter klettern“, erwiderte Victoria.

„Du weißt aber schon, dass die Küche hier rein vegetarisch ist, oder?“, fragte Inga.

„Ja, ja, das finde ich super. Ich möchte vom Fleischessen wegkommen und das hier ist ein guter Einstieg.“

„Und ein köstlicher obendrein, du wirst schon sehen! Komm, lass uns auf die Terrasse gehen, mit dir sind nun alle Gäste vollzählig. Du glaubst nicht, was heute früh für ein Kommen und Gehen war. Wie in einem Grand Hotel sind die alle im Taxi vorgefahren!“, sagte Inga und führte sie mit Giulio zusammen hinaus.

Die Hitze hatte schon nachgelassen und eine leichte Brise wehte über das Tal. Auf der Terrasse tummelten sich die Gäste, tranken und unterhielten sich angeregt. Ein langer Tisch war an der Hauswand aufgebaut. Victoria entdeckte neben den Gläsern Weißwein, Rotwein, Bier, Tonic, Gin, Whiskey und noch etliche Spirituosen mehr. Sie entschied sich für einen Pinot Noir aus der Schweiz, der hervorragend schmeckte.

Giulio und Inga hatten sich unter ihre Gäste gemischt. Wie Victoria verstanden hatte, waren alle am heutigen Tag angekommen. Schon komisch – alle checkten am gleichen Tag ein? Was soll´s! Aber eine Reisegruppe war es wohl nicht, wenn jeder mit dem Taxi hochgefahren ist, die hätte einen Bus genommen.

Victoria schnappte Sprachfetzen in Englisch, Französisch und Deutsch auf, während sie sich zur Balustrade durchschlängelte. Sie nahm einen tiefen Zug von der würzigen Luft und spürte plötzlich, dass sich jemand neben sie gestellt hatte.

„Es ist schön hier, nicht wahr?“, begann Roger.

Victoria drehte sich zu ihm hin, erstaunt, so viele Worte auf einmal aus seinem Mund zu hören. „Ja, es ist ein Traum!“

Sie sah ihn an und bemerkte, wie ein feines Lächeln seine Lippen umspielte. Das ermunterte sie. „Du sprichst sehr gut Deutsch, aber mit einem leichten Akzent.“

„Ich bin Schotte, aus Edinburgh. Aber ich habe fast ein Jahr in Hamburg gelebt.“

„In Hamburg? Was hast du denn da gemacht?“

Roger lachte. „Ist das so ungewöhnlich? Ich wollte einfach mal raus aus Schottland, obwohl ich es sehr liebe. Manchmal muss man auch mal was Neues kennenlernen.“

„Womit hast du dich in Hamburg beschäftigt? Und in Edinburgh?“

„In Edinburgh habe ich englische Literatur studiert. Nach dem Studium wollte ich reisen und bin in Hamburg hängen geblieben, habe gekellnert und so. Dann bin ich wieder zurück und habe eine Stelle im Writer´s Museum gefunden. Nebenbei schreibe ich.“

„Das hört sich gut an. Im Writer´s Museum war ich auch mal, vor zwei Jahren. Es ist irgendwie putzig, so klein und windschief. Edinburgh finde ich fantastisch. Und die Highlands …“

„Und was machst du so?“, unterbrach Roger ihren Redeschwall.

„Ich komme aus Berlin und bin Werbetexterin. Eine völlig überarbeitete Werbetexterin. Ich konnte mit Müh und Not meinem Chef einen einwöchigen Urlaub aus den Rippen leiern. Und hier bin ich!“

„Ich kann mir vorstellen, dass du keinen überaus gemütlichen Beruf hast“, meinte er.

„Bestimmt nicht so wie du“, gab Victoria zurück.

„Ich muss zugeben, dass ich mich nicht gerade überarbeite. Ich will keinen Stress, habe aber trotzdem genügend zu tun.“

„Mit deinem Roman? Oder was schreibst du?“

„Roman stimmt. Bin mittendrin.“

„Worum geht´s da?“

„Ich spreche erst drüber, wenn er fertig ist. Ich hol mir mal was zu trinken“, lenkte er ab und ging.

Zuerst stand Victoria wie verdattert da, dann trank sie ihr Glas leer und begab sich an den Getränketisch. Roger war jedoch nicht zu sehen. Sie goss sich frustriert ein weiteres Glas voll und fragte sich, womit sie ihn vertrieben haben könnte. Ihr fiel nichts ein. Oder fand er sie zu geschwätzig? Aber es war doch nur ein wenig Small Talk, wie bei allen hier. Sie blickte sich um. Die Leute schienen sich zu amüsieren.

Ein Gong ertönte. Giulio und Inga riefen ihren Gästen zu, dass das Buffet eröffnet sei, und alles strömte in den Saal, in dem Holztische und Stühle aneinandergereiht waren und sich eine hübsch dekorierte Anrichte unter der Last von Schalen und Platten bog.

Alle stellten sich brav an. Am Buffet angekommen, wählte Victoria Blumenkohl-Curry, überbackene Auberginen, frisches Brot und Salat. Auf ihrem Tablett Essen und Wein balancierend, hielt sie Ausschau nach Roger, um sich neben ihn zu setzen. Er hatte am hintersten Tisch Platz genommen und war in ein Gespräch mit einem Pärchen vertieft, das schwarzgekleidet, kettenbehangen und blass war.

Victoria setzte sich Roger schräg gegenüber, in der Hoffnung, Blickkontakt aufnehmen zu können; sie wollte die Unterhaltung nicht unterbrechen. Aber Roger schaute nur einmal kurz zu ihr rüber, und dann schnell wieder weg.

Wie kindisch, dachte Victoria und versuchte Konversation mit ihrer Nachbarin zu betreiben. Wie sich herausstellte, hieß sie Gladys und stammte irgendwo aus Nevada. Sie war das Paradebeispiel dafür, wie sich klein Fritzchen eine Amerikanerin vorstellte: blond gefärbte Betonfrisur und grellbunte Kleidung. Gladys´ Gatte Ben war ebenso farbenfroh gekleidet. Beide spätes Mittelalter.

Victoria holte sich noch Dessert, eine schaumige Cremespeise. Als sie an ihren Platz zurückging, fiel ihr auf, dass Gladys und Ben woanders saßen. Einige der Gäste hatten den Saal verlassen. Auch Roger.

Auf einmal fühlte sie sich von allen im Stich gelassen. Sie verstand nicht, warum man sie mied. Oder war das nur Zufall und hatte nichts mit ihr zu tun? Warum kam sie dann überhaupt auf diesen Gedanken?

Sie löffelte ihr Schälchen leer und bemerkte, dass der Himmel sich verdüstert hatte. Kurz darauf schüttete es wie aus Kübeln. Nichts mit einem kleinen Verdauungsspaziergang, sagte sich Victoria.

Giulio und Inga waren auch nicht mehr zu sehen, und so beschloss Victoria, auf ihrem Zimmer zu lesen. Fernseher gab es nicht, weder auf den Zimmern, noch im Kaminzimmer, das in der kalten Jahreszeit als Gemeinschaftsraum genutzt wurde. Um den Elektrosmog zu reduzieren, hatte es auf der Webseite geheißen. Aber das war Victoria nur recht gewesen. Sie hatte ihren Kindle-Reader mit zehn Romanen gefüttert, für den Fall, dass das Wetter sie im Haus festhielt oder ihr langweilig wäre.

Sie hatte gerade das erste Kapitel begonnen, als sie im Nachbarraum Schritte hörte. Roger ist da, dachte sie. Ob sie mal bei ihm anklopfte? Nein, keine gute Idee. Vielleicht meldete er sich ja auch bei ihr. Sie wartete und las. Aber nichts geschah. Nach acht Kapiteln lief sie ins Bad und machte sich bettfertig. Noch ein Kapitel, dann knipste sie das Licht aus.

 

Violets Garten

Kapitel 1

Als Lucas Noone am frühen Morgen das Haus verließ, wusste er nicht, dass sein Leben schon sehr bald eine unverhoffte Wendung nehmen würde.

Aber der Tag begann ohnehin außergewöhnlich. Um sieben Uhr das warme Bett zu verlassen, war für Lucas geradezu beispiellos. Wenn man so war wie er: ein Langschläfer, der den Tag gemütlich anging. Der gern seine Zeit im Pub verbrachte, ein paar Pints trank und sich mit Leuten unterhielt. Er nahm die Menschen, speziell die Frauen, durch seinen jungenhaften Charme und sein attraktives Äußeres für sich ein.

Lucas war freischaffender Maler. Seine Bilder verkaufte er in Pubs, vorwiegend in seinem Lieblingspub, und durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Was für ihn sprach, waren seine erschwinglichen Preise und die dunklen Farben, wie braun, blau und schwarz, die er mit Vorliebe in seinen abstrakten Kompositionen verwendete und die eine besondere Ausstrahlung hatten.

Was allerdings keiner seiner Käufer wusste, war, dass er in einer Souterrainwohnung lebte, in die nicht genügend Licht drang. Diese Stimmung beeinflusste seine Farbwahl und machte seine Kunst so unverwechselbar.

Schon oft hatte sich Lucas überlegt, ob er mehr für seine Bilder verlangen könnte. Aber er wollte nicht maßlos erscheinen, nicht wie andere Künstler sein, die mit voller Wucht die Preise hochtrieben, wenn sich Erfolg abzeichnete.

Nein, das passte nicht zu ihm und das würde den kleinen Kundenstamm eventuell verprellen. Unter seinen Käufern waren Studenten, die nur wenig Geld hatten, sich aber trotzdem eine Sammlung zulegen wollten. Dafür hatte er vollstes Verständnis. Das wäre auch sein Traum – in eine Galerie gehen und das auswählen zu können, was ihm gefiel, ohne aufs Geld zu achten.

Sein anderer Traum war, ein riesiges Straßenfest zu veranstalten und seiner Nachbarschaft im Norden Dublins eine Freude zu bereiten. Er mochte die Leute und fand, dass eine große Party Schwung in ihren ansonsten grauen Alltag bringen würde.

Und dann war da noch eine weitere Sache … eine wirklich herausragende Frau zu finden. Eine schwierige Angelegenheit, obwohl er eigentlich nur zugreifen musste.

Frauen jeglichen Alters standen auf ihn. Grüne Augen, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern, fein geschwungene Lippen und dunkle Locken ließen Frauenherzen höher schlagen. Sein schlanker Körper mit definierten Muskeln, verteilt auf ein Meter neunzig, zog weibliche und manchmal auch männliche Blicke an. Darüber hinaus war er witzig und, sobald er ein paar Euros mehr in der Tasche hatte, auch großzügig.

Er suchte etwas ganz Besonderes. Er konnte nicht erklären, was, doch er würde es wissen, wenn die Eine vor ihm stand. Bis jetzt hatte er sie nicht gefunden. Was nicht hieß, dass er keine Beziehungen eingegangen war. Nur … sie hatten ihn nicht glücklich gemacht, seine Sehnsucht nach der perfekten Frau war nie erfüllt worden. Und so hatte er es aufgegeben, Affären zu beginnen, nur um nicht alleine zu sein. Das brachte nur unnötigen Stress und endete für beide Seiten enttäuschend.

Lucas wunderte sich, dass es ihn so früh aus dem Haus trieb, nahm es aber so hin. Nachdem er praktisch mitten in der Nacht aufgewacht war, hatte er sich einen starken Earl Grey aufgebrüht, sich gewaschen und angezogen und wie ferngesteuert auf den Weg nach irgendwo gemacht.

Die Luft roch frisch und würzig wie Pfefferminz an diesem Juni-Morgen, und als er den Fluss Liffey überquerte, prickelte sie auf seinem Gesicht. Etwas war anders …

Lucas lief ein kurzes Stück die Grafton Street hinauf und bog dann in eine Seitenstraße ein. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal zu dieser Tageszeit in der Stadt gewesen war.

Die Menschen um ihn herum hatten es eilig, und bis auf ein paar Frauen, die ihn anlächelten, würdigten sie ihn keines Blickes.

Er marschierte planlos weiter durch das Kneipen- und Kulturviertel Temple Bar und gelangte schließlich wieder zum Liffey, schlenderte über die O´Connell Bridge und stand nach einer Weile vor dem General Post Office, dem Hauptpostamt, in der O´Connell Street.

Einem Impuls folgend trat er ein und kaufte das erste Lotterielos seines Lebens. Er konnte sich nicht erklären, warum er das getan hatte, aber es fühlte sich richtig an.

Kapitel 2

Ein paar Tage vergingen. Lucas stand am Tresen seines Lieblingspubs „The Snoring Rat“ und genoss ein Guinness. Wie so oft hatte er ein Ölbild mitgebracht und wartete darauf, dass jemand sich dafür interessierte.

Das Pub gehörte Bob MacFegan, der für Lucas fast wie ein Vater war. Das gemütliche Eck-Lokal war recht klein, holzvertäfelt und voller Rattenkarikaturen. Bob vergötterte Ratten. Hätte seine Frau Sally nicht so eine Abneigung gegen diese Nager gehabt, würde er sich welche halten.

Die Frau, die hereinkam und nur schnell etwas trinken wollte, bemerkte Lucas. Ihr Blick wanderte an seinem Körper entlang, bis er am Gemälde, das an seinen langen Beinen angelehnt war, hängen blieb.

„Oh … wie ansprechend!“, rief sie aus.

„Ist ein hübscher Bursche, was?“ Der Wirt kannte Lucas´ Wirkung auf Frauen. Er kratzte sich an seinem grauen Vollbart und lachte. Was ihm auf dem Schädel fehlte, hatte er in seinem Gesicht, das genauso wohlgerundet war, wie sein Bauch, um den sich ein kariertes Hemd spannte.

Sie zeigte pikiert aufs Bild. „Ich meinte natürlich das hier! Was haben Sie denn gedacht?“

„Ja … klar … Was möchten Sie trinken?“

„Ein Glas Smithwick´s, bitte! Und zwar schnell, ich hab´s eilig!“ Und an Lucas gewandt, der das Ganze amüsiert verfolgt hatte: „Wo haben Sie das gekauft?“

„Selbst gemalt. Ich bringe meine Bilder gerne her. Vielleicht hat ja jemand Interesse?“ Er setzte eine unschuldige Miene auf.

„Auf jeden Fall … ich meine, das Bild gefällt mir! Ich habe eine Galerie … Wie viel möchten Sie dafür haben?“

So schnell ging es sonst nie zur Sache. Die Frau wusste genau, was sie wollte. Lucas schätzte sie auf Ende dreißig, Anfang vierzig. Sie sah etwas verlebt und angespannt aus, trug ihr blond gefärbtes Haar hochgesteckt und ihren teuren Hosenanzug sehr lässig. Ihr Parfum war aufdringlich und passte zu ihr, wie er fand. Aber sie war eine potenzielle zahlungskräftige Kundin.

Lucas überlegte, ob er in diesem Fall den Preis höher schrauben sollte. Vielleicht einhundert Euro. Oder zweihundert? Oder mehr? Es wäre mal was Neues, über die Stränge zu schlagen. Wenn sie darauf einging, umso besser. Wenn nicht, auch gut.

Er hatte sie noch nie in der Gegend gesehen. Auch wenn sie eine Galerie hatte und sich eine Geschäftsbeziehung anbahnen könnte, war es ihm egal. Die Frau schien schwierig zu sein, fordernd und anspruchsvoll. Und sie war offensichtlich nicht nur vom Bild angetan.

„Dreihundert.“

Die Frau trank ihr Glas in einem Zug leer, nickte Lucas zu und zog ihr Portemonnaie aus der Tasche. Sie zählte die Scheine ab und drückte sie dem verdutzten Lucas in die Hand.

„Ein zu guter Preis, Sie hätten mehr verlangen können … Ich glaube, ich muss Sie dringend unter meine Fittiche nehmen, Mr. …?“

„Lucas Noone …“

„Lucas. Ein schöner Name. Passt. Und Sie sind sehr talentiert! Rufen Sie mich an, wir sollten uns über Ihre Zukunft unterhalten, ich kann Sie groß rausbringen!“

Dann überreichte sie ihm ihre Visitenkarte, klemmte sich das Bild unter den Arm und verließ das Pub.

Lucas starrte auf das Geld und auf die Karte.

„Das war ja wohl total verrückt, was, Bob?“

„Ja … unglaublich! Aber lass dir gesagt sein: Die erhofft sich was von dir!“

„Wäre nicht die Erste …“

„Pass bloß auf, Lucas! Mit so einer muss man vorsichtig sein …“

„Das denke ich auch. Ich bin nicht scharf drauf, sie wiederzusehen … allerdings könnte ich durch sie wahrscheinlich reich und berühmt werden …“

„Quatsch! Das ist nicht dein Stil … und außerdem: wer weiß, ob du tatsächlich reich und berühmt wirst. Die tut vielleicht nur so, um dich zu ködern. Ich trau ihr nicht, hab´s an ihren Augen gesehen, die waren so stechend.“

„Stimmt. Die Augen waren unangenehm. Ich habe da auch kein gutes Gefühl. Wenn sie sympathischer gewesen wäre, wäre ich aber schon in Versuchung gekommen. Aber so …“

Lukas steckte das Geld ein und überlegte, was er mit der Karte anstellen sollte.

Sie gleich zerreißen und sich eine Möglichkeit verbauen? Was, wenn er tatsächlich diesen Kontakt brauchte? Aber wenn er sie zu Hause in eine Schublade steckte, könnte er vielleicht doch auf die leichtfertige Idee kommen, die Galeristin anzurufen, einfach aus Neugier. Mit dem Ergebnis, dass er sich mit der Dame eventuell öfter abgeben müsste, als ihm lieb war.

Er schob Bob das kleine Stück Pappe über den Tresen.

„Hier, nimm du sie. Wenn es mir mal ganz dreckig geht, wenn ich wirklich am Boden bin und Geld brauche, dann kannst du sie mir geben.“

„Soweit wird es hoffentlich nie kommen, mein Junge!“

„Darauf trinke ich … Sláinte! Und gib mir gleich noch eins!“

Bob füllte ein frisches Guinness ins Glas und stellte es vor Lucas, der es gleich von seinem neu erworbenen Honorar bezahlte. Dann drehte der Wirt den Fernseher lauter, weil ihm eine Meldung auf dem News-Streifen der Nachrichtensendung ins Auge stach.

„Hey, wieder ein Glückpilz, der sein Lotterielos im Hauptpostamt gekauft und gewonnen hat. Sieben Millionen!“

Lucas schaute hoch. In der Nachricht stand, dass der Gewinner noch nicht ermittelt war. Und dass dieses Postamt zu den fünf Glück verheißenden Orten in Irland zählte, wo man seine Lose kaufen sollte. Der frischgebackene Gewinner bestätigte diese Regel.

Hatte er da vor ein paar Tagen nicht auch ein Los gekauft? Es lag doch wohl noch zu Hause auf dem Küchentisch? Könnte er der unbekannte Gewinner sein? Zu schön, um wahr zu sein!

Sieben Millionen Euro – was für ein Batzen Geld!

Er versuchte, seine Aufregung zu unterdrücken und nahm ein paar Schlucke. Ganz ruhig bleiben, dachte er sich.

Es wäre zu auffällig gewesen, wenn er sich verabschiedet hätte, ohne auszutrinken. Das ging gar nicht. Also zwang er sich, da zu bleiben, bis das Glas geleert war. Solange unterhielt er sich betont locker mit Bob, der sich immer noch nicht eingekriegt hatte.

„Mensch, was würdest du mit so viel Kohle machen? Also ich … ich würde den Laden hier renovieren, einen Pächter reinsetzen und auf Weltreise gehen. Dann ein Haus in Howth kaufen … und dazu ein Boot. Und noch einen Wagen … Und Sally hätte da bestimmt auch noch ein paar Ideen, da kannst du Gift drauf nehmen!“

„Keine Ahnung … so spontan fällt mir da nichts ein …“ Aber Lucas wusste es ganz genau.

Wenn das Chaos in seiner Wohnung den Lottoschein nicht verschlungen hatte und er sich noch auf dem Tisch befand und Lucas tatsächlich der Gewinner war … dann könnten schon mal zwei Träume in Erfüllung gehen.

Er hielt es nicht mehr aus. Sein Glas war inzwischen leer und er konnte endlich gehen. Er wünschte Bob noch einen schönen Tag und machte sich auf den Heimweg. Seine Schritte beschleunigten sich mit jedem Meter. Zum Schluss rannte er.

Außer Atem öffnete er seine Wohnungstür und stürzte sich auf den Küchentisch. Er durchwühlte die Papiere, die darauf lagen, und fegte alle von der rauen Holzplatte, die nicht nach Lottoschein aussahen. Nichts. Sein Puls raste.

Er riss sämtliche Küchenschubladen auf und suchte wie verrückt. Kein Schein. Er schaute sogar in den Kühlschrank. Natürlich lag das Teil nicht dort. Er tigerte verzweifelt durch das kleine Apartment und warf sich frustriert aufs Bett.

Der Windhauch, der durch diese Bewegung entstand, ließ ein Blättchen Papier von der Kommode hochfliegen und auf den Teppich fallen. Lucas bemerkte es aus den Augenwinkeln, sprang von der Matratze hoch und hob es auf.

Vor Freude schrie er auf: Er hatte seinen Lottoschein. Und er glaubte an sein Glück.

Dieser Zettel könnte sein Leben verändern. Würde er es rechtzeitig zum Postamt schaffen? Ein Blick auf die Uhr beruhigte ihn: Es war noch geöffnet. In Windeseile raste Lucas zur O´Connell Street.

 

Ruf der Karten

Prolog

Ich möchte die nicht alltägliche Geschichte meiner Familie vorstellen, die den Grundstein für mein ungewöhnliches Leben legte. Manche meinen, sie sei wie ein Thriller, andere, sie sei ein Märchen. Ich meine, dass sie sich tatsächlich so zugetragen hat.

Sie handelt von Tiergeistern, Indianern, Magie, Bedrohungen, Intrigen, Verwicklungen, Liebe und Karten. Tarotkarten, um genau zu sein.

Mit dem folgenschweren Unfall meiner Mutter fing alles an. Aber erst sehr, sehr viel später rückte sie, was ihre Vergangenheit betraf, mit der Sprache heraus.

Hätte sie mir diese wichtigen Informationen nicht vorenthalten, hätte mich das Schicksal nicht nach Pearl River geführt.

Ich bin übrigens Nikki, Chronistin und gleichermaßen Akteurin, und werde zuerst die Erlebnisse meiner Mutter Zia schildern, bevor ich von meinem kuriosen Abenteuer berichten kann.

Erster Teil

Kapitel 1

Wie so viele Geschichten beginnt auch diese mit einem Traum. Zia Berger erwachte sogar aus einem ziemlich absurden Traum. Zuerst wusste sie nicht, wo sie sich befand, aber ein paar Augenblicke später stellte sie trotz Benommenheit und rasenden Kopfschmerzen fest, dass es sich nicht um ihre Wohnung handelte. Hellgrün hätte sie niemals als Wandfarbe gewählt. Hellgrüne Wände machten sie krank. Und sofort dämmerte es ihr, wo sie war: in einem Krankenhaus.

Kurze Zeit darauf kam eine Krankenschwester herein.

„Was ist pa …“, begann Zia.

„Oh, wie schön, Sie sind ansprechbar. Ich piepe gleich die Ärztin an …“, unterbrach sie ihre Patientin.

Zia richtete sich ein wenig auf, aber ihr wurde schwindlig und übel und ihr Körper schmerzte vom Scheitel bis zur Sohle. Mit einem Seufzer sank sie wieder aufs Kissen und dachte an den Traum, der noch lebhaft nachwirkte.

Das war nur ein verrückter Traum, folgerte sie. Sie hob ihren rechten Arm, zählte mindestens zwei fette Blutergüsse und schaute verwundert auf den Venenzugang. Ihr linker Arm lag in einer Schlinge und ihre Schulter tat heftig weh, als sie ihn bewegte. Wie es ihren Beinen ging, wollte sie lieber nicht in allen Einzelheiten wissen – es reichte ihr, dass sie sie anwinkeln konnte. Ein gutes Zeichen. Schlecht war allerdings, dass sie sich an den Traum erinnerte, aber nicht an das, was sie in dieses Krankenzimmer geführt hatte.

Die Tür schwang auf, und eine dunkelhaarige Frau im weißen Kittel und Stethoskop um den Hals trat ans Bett.

„Guten Tag, Ms. Berger, ich bin Dr. Klein. Es ist nichts gebrochen, Sie haben nur eine geprellte Schulter, eine Platzwunde am Kopf, eine leichte Gehirnerschütterung und zahlreiche Hämatome. In ein paar Tagen sind Sie wieder zu Hause. Können Sie sich an den Unfall erinnern?“

Zia strengte sich an, aber sie sah nur diese riesengroße, schwarze Katze vor ihrem geistigen Auge. Dann zwei weitere, kleinere Katzen. Und darauf folgend, wie eine Überblendung, ein Gebäude, eine Tür und Karten mit außergewöhnlichen Motiven. Aber diese Information wollte sie Dr. Klein nicht preisgeben. Zumindest wusste sie nun, dass ihre Verletzungen nicht lebensgefährlich waren und dass sie von einem Unfall herrührten. Ratlosigkeit zeichnete sich in ihrem Gesicht ab.

„Anscheinend nicht … dann frage ich Sie jetzt etwas Leichteres: Wie ist Ihr Vorname?“

„Zia …“

„Wunderbar, das ist schon mal ein Anfang! Ich helfe Ihnen ein bisschen auf die Sprünge. Ein Augenzeuge, der heute in der Früh aus dem Fenster schaute, berichtete der Polizei, dass Sie versucht hätten, einer Katze auszuweichen und auf der glatten Fahrbahn ausgerutscht sind. Die Katze ist mit dem Schrecken davongekommen, aber Ihr Fahrrad ist Schrott; die Müllabfuhr hat es gleich mitgenommen, nachdem Sie von der Ambulanz vom Unfallort gefahren wurden. Kopf hoch, wird schon wieder! Ich schaue später noch mal rein. Sie bekommen jetzt etwas gegen die Schmerzen“, zwitscherte sie, tätschelte Zias Hand und ging.

Die Schwester verabreichte ihr das Mittel und verließ ebenfalls das Zimmer. Zia war mit ihren Gedanken allein. Doch bevor sie die Neuigkeiten verarbeiten konnte, fielen ihr die Augen zu. Ihr Schlaf war tief und diesmal traumlos.

Kapitel 2

Eine Woche war seit dem Unfall vergangen, und Zia war froh, wieder in ihren eigenen vier Wänden zu sein.

Sie stand im Bad vor dem Spiegel und betrachtete die Verletzung an ihrer Stirn, die sich von ihrer linken Augenbraue bis zum Haaransatz zog und rotschwarz verschorft war. Die blonden Haare waren an dieser Stelle wegrasiert worden und wuchsen unregelmäßig nach.

Der Rest hing so trostlos um ihr Gesicht, dass ein Friseurbesuch nötig wurde. Nicht nur wegen ihrer Stimmung, die sich durch eine neue Frisur heben würde … Ohne Hilfe konnte sie ihre Haare nun mal nicht waschen. Da war es gut, dass Zias langjährige und beste Freundin Sarah einen Friseursalon hatte.

Zias linkes Auge sah aus, als ob ein Boxer ihr eine verpasst hätte. Das Lila des Veilchens intensivierte jedoch das Grün ihrer Augen und vermengte sich so bizarr mit den Sommersprossen, dass Zia grinsen musste. Doch beim Anblick ihrer Beine verging ihr das Lachen – sie schillerten stellenweise gelbgrün.

Der linke Arm war immer noch mit einer Schlinge fixiert. Sie hätte genauso gut ein Seidentuch aus ihrer beachtlichen Sammlung verwenden können. Doch die Schlinge wirkte, vor allem im Zusammenspiel mit der Kopfwunde, dramatischer und gab ihr die Gelegenheit, mit jeder Person, die danach fragte, über den Unfall zu sprechen. Durch die ständige Wiedergabe der Geschehnisse hoffte sie, die Erinnerung zurückzuerlangen.

Denn so sehr sich Zia auch bemühte – ihr Hirn machte ihr jedes Mal einen Strich durch die Rechnung. Sie erinnerte sich an jedes Detail vor dem Unfall und auch an den Katzen-Traum. Dazwischen lag jedoch nur Dunkelheit. Hätte die Ärztin nichts erwähnt, wüsste Zia gar nichts. Sie wünschte sich ihre eigene Erinnerung, doch diese war verschleiert. Sollte dies vielleicht einen möglichen Zusammenhang zwischen Unfall-Katze und Traum-Katze verhüllen?

Zia hatte von ihren Eltern, zwei Ex-Hippies und jetzigen Professoren, oft genug gehört, dass nichts ohne Grund passierte. Demnach waren die Traumbilder wichtig. Wenn sie nur wüsste, warum.

Die nächsten zwei Wochen war sie krankgeschrieben. Dadurch würde sie ihrem gut bezahlten, aber abwechslungslosen Sekretariats-Job wenigstens eine Weile entkommen und eventuell das Geheimnis des Traumes lüften.

Im Schlafzimmer zwängte sie sich unter Schmerzen in Jeans, T-Shirt, Norwegerpulli und Cowboystiefel. Die Bettruhe im Krankenhaus hatte ihr ein paar zusätzliche Pfunde eingebracht und jede Bewegung führte sie unter mittelschweren Qualen aus. Ein Übel kam wirklich selten allein …

Es ist so schön, zu Hause zu sein, sagte sie sich, während sie durch die wenigen Räume ihrer heiß geliebten Wohnung umherlief, die sie im Vintage-Stil mit vielen Flohmarktfunden eingerichtet und kunterbunt gestrichen hatte: dunkelgraues Bad, orangefarbene Küche, das Schlafzimmer in Flieder, das Wohnzimmer in Olivgrün und der Flur in Dunkelrot. Und vor allem: kein Hellgrün!

Ihre „50 Quadratmeter Greenwich Village“ waren nicht nur farbenfreudig, sondern auch gemütlich und lagen mitten im berühmten Szeneviertel. Besser hätte es eine junge Frau von vierundzwanzig Jahren, die gern alles in Reichweite hatte, nicht treffen können. Na ja, etwas besser schon – mit einem tollen Mann an ihrer Seite, zum Beispiel. Zia war eine ziemlich ramponierte Single-Frau mit leichtem Übergewicht, einem monotonen Job und einem langweiligen Leben.

Ihre Eltern machten ihr zwar nie Vorwürfe oder ließen sie gar ihre Mittelmäßigkeit spüren, aber sie kam nicht an deren Lebensläufe mit diesen zwei überraschenden Karrieren heran. Von Woodstock nach Harvard …

Zia zog ihren dicken Lammfellmantel und eine Wollmütze an, streifte die Schlinge über, in die sie ihren Arm platzierte, und verließ das Apartment.

Es war höchste Zeit, zu Sarah zu gehen.

Kapitel 3

Das „Sarah´s“, der Friseursalon ihrer besten Freundin, befand sich zwei Blocks entfernt. Zia beeilte sich voranzukommen, denn ein eisiger Wind wirbelte die dünne Schneeschicht über den Bürgersteig hoch und die spitzen Eiskristalle stachen ihr ins Gesicht.

Sie hatte einmal gelesen, dass es lebensgefährlich sei, Schneekristalle einzuatmen, weil sie in der Lunge zu Wasser wurden und man dadurch erstickte. Das stand zwar in einem Bericht über den Himalaja, aber sie fand den Vergleich dennoch passend.

New York im Winter, besonders um die Jahreswende, war bitterkalt und ungemütlich. Es war jetzt Mitte Februar. Der Wind senkte die zweistelligen Minusgrade noch tiefer in den Keller. Der an sich kurze Weg zu Sarah kam Zia wie eine Ewigkeit vor. Sie hastete an anderen Passanten vorbei, die ebenfalls in dicke Winterkleidung gehüllt waren. Zias Augen tränten, als sie den Eingang erreichte.

„Zia, na endlich! Du bist wieder auf den Beinen. Leider konnte ich dich nur das eine Mal im Krankenhaus besuchen, der Laden hier hat gebrummt, und Jeff konnte ich nicht als Vertretung einsetzen, er kann besser Supermodels schminken als Haare schneiden. Ich hoffe, du bist mir nicht böse! Wie geht´s dir denn? Die Narbe sieht aber schlimm aus …“

Sarahs blaue Augen leuchteten und ihre roten Locken wippten wild hin und her, als sie auf Zia zulief, sie vorsichtig umarmte und ihr aus dem Mantel half. Sie hatte eine, für Zia unverständliche, Vorliebe für diesen neuen Grunge-Look, schaffte es aber trotzdem, darin attraktiv auszusehen.

„Ganz gut soweit. Die Narbe heilt ziemlich langsam, ich fürchte, sie wird bleiben. Meine Schulter meldet sich bei jeder Bewegung. Aber das sind nicht meine größten Probleme – ich kann mich einfach nicht an den eigentlichen Unfall erinnern, was ich schrecklich finde. Nur an das, was davor war. Und an diesen Traum. Ich glaube, der hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Ich komme nur nicht drauf, was das sein sollte. Ich versuche mein Hirn auszuwringen, aber keine Chance! Auch auf meinem Kopf sieht es desolat aus … Schau mich an …“

„Ich versuche mein Bestes. Und du erzählst mir jetzt von diesem ominösen Traum!“

Sarah machte sich gleich an die Arbeit und hörte Zia interessiert zu, bis diese zu Ende geredet hatte.

„Wenn du mich fragst, ist das ziemlich abgedreht. Es soll ja prophetische Träume geben. Den Aufbau der DNA hat ein Wissenschaftler praktisch im Schlaf erblickt: zwei sich umeinander windende Schlangen. Beobachte mal, was in nächster Zeit so passiert!“

„Was soll schon passieren? Neuer Tag, gleicher Trott.“

„Abwarten! Ich föhne noch, dann kannst du wieder unter Menschen!“

Sarah hatte Zia eine wilde Mähne gezaubert, die ihr stufig über die Schultern fiel. Zia war glücklich über die voluminöse Pracht, verabschiedete sich und lief hinaus in die raue Wirklichkeit.

Ist das kalt, nur schnell nach Hause, dachte sie. Ihre Wollmütze hatte sie nicht aufgesetzt, um die Frisur nicht zu zerstören, und der Wind biss ihr in die Ohren.

Gerade, als sie die Straße des ersten Blocks überqueren wollte, hörte sie aus der Seitenstraße ein Miauen. Nein, nicht noch eine Katze! Sie wollte es ignorieren und weiterlaufen, aber das piepsige Wehklagen wurde immer herzzerreißender und lockte sie an. Vor einem grau getigerten Kater machte Zia halt. Er rannte auf sie zu, setzte sich und schaute zu ihr hoch. Zia konnte nicht anders, als sich zu ihm hinunterzubücken und ihn zu streicheln.

„Oh, du armer Kleiner, du musst aber frieren!“

Der Kleine erhob sich und lief, ständig hinter sich zu Zia blickend, ein Stück in die Seitenstraße hinein. Dann setzte er sich wieder hin und wartete. Sie hatte das Gefühl, dass er ihr etwas zeigen wollte. Als sie ungefähr auf gleicher Höhe mit ihm war, übernahm er die Führung, bis sie vor einem alten Gebäude ankamen. Dort machte er einen Satz und verschwand.

Ein Blick auf das Haus ließ ihren Puls rasen: Es war das Gebäude aus ihrem Traum. Aus Backstein, circa 1900 erbaut. Im Erdgeschoss befand sich ein Geschäft mit großen Schaufenstern links und rechts einer schwarz lackierten Tür. Zia hatte den Eindruck, dass die Tür sie aufforderte, einzutreten. Und Zia folgte der Einladung.

Das Geschäft war ein Esoterikshop mit elegantem Ambiente. An den dunkelvioletten Wänden hingen alte Kupferstiche und Ölgemälde. In den kunstvoll geschnitzten Holzregalen stapelten sich alte und neue Bücher. Auf einem langen Tisch in der Mitte des Raumes waren silberne Schalen mit Halbedelsteinen, Räucherstäbchen und Kartenspielen arrangiert.

Eines der Kartenspiele unterschied sich auffällig von den anderen. Ein Indianertarot. Sie öffnete die Packung, holte das Set heraus und betrachtete jedes einzelne Bild.

Das waren die Karten aus ihrem Traum – und sie leuchteten bläulich!

Dieser Kater hatte sie doch tatsächlich zum Haus geführt, das ihr die große Katze, und mit ihr die zwei kleinen, als Vision vorgestellt hatten; sie nahm zumindest an, dass es von dem Tier so beabsichtigt war. Und eine weitere Katze, die erste in diesem Reigen, hatte den Unfall verursacht, der Zia überhaupt in diese Situation brachte.

Plötzlich fiel Zia der gesamte Unfallhergang wieder ein – als hätte dieses Tarot einen Schalter umgelegt.

Sie war mit ihrem Fahrrad unterwegs zur Arbeit gewesen, was an sich dumm angesichts des Wetters war. Wie aus dem Nichts sprang eine Katze hervor und lief über die Straße. Sie musste unter einem der geparkten Wagen gesessen und sich entschieden haben, Zias Weg just in diesem Moment zu kreuzen. Die Katze war einfach aufgetaucht und Zia wollte sie nicht überfahren. Sie reagierte mit einem blitzschnellen Ausweichmanöver …

Zia musste dieses Tarot unbedingt haben und ging zur Kasse, um bei einer chic gekleideten und perfekt frisierten Frau zu bezahlen.

„Ich hätte gern diese Karten. Wie viel kosten die?“

„Genau zwanzig Dollar.“

„Oh … dann zahle ich lieber mit Karte.“

Die Verkäuferin zog die Kreditkarte durch das Lesegerät und das Indianertarot wechselte seinen Besitzer. Als Zia das Geschäft verließ, bemerkte sie nicht, wie die Frau zum Telefonhörer griff.

Kapitel 4

Der Weg ins warme Heim war kurz, aber bei diesem Frostwetter kam er Zia elend lang vor. Doch endlich war auch das geschafft und sie konnte ihre Wohnungstür aufsperren, sich aus Schlinge und Mantel schälen und an den Küchentisch setzen.

Sie öffnete das Päckchen und nahm das Begleitheft heraus – eine Auflistung der Bedeutungen der einzelnen Karten. Sie sah sich einige Karten an, die Szenen aus dem Leben eines Stammes, aber auch Gebrauchsgegenstände und Tiere darstellten. Die Zeichnungen waren ansprechend und die Farben expressiv.

Ohne groß nachzudenken, mischte sie sie. Dann deckte sie eine Karte auf: „Die Sonne“. Sie hatte die Nummer 19, als römische Zahl XIX abgebildet. Das Bild zeigte Indianer, die um einen hohen, von einem Büffelschädel gekrönten Holzstab tanzten. Im Hintergrund befanden sich zwei Zelte. Die ganze Szene spielte sich vor einer riesigen, gleißenden Sonne inmitten eines roten Himmels ab.

Alles schien so lebendig: Fast hörte Zia den Rhythmus der Trommeln, das Stampfen der Tänzer, spürte die Hitze, atmete den Staub, war umhüllt von einer sinnlichen Atmosphäre.

Sie fing an zu schwitzen und zog mühsam ihren grob gestrickten Pullover aus; ihre Schulter pochte dabei vehement. War das fies … und heiß!

Sie drehte die Regler der Heizkörper auf null, aber trotzdem reichte es nicht. Sie öffnete das Fenster und sah dabei auf die Straße. Der Anblick, der sich ihr bot, war mehr als verrückt. Die Passanten trugen Mäntel, Mützen und Schals über den Armen. Die Luft war warm und roch aromatisch. Und der Himmel erst … statt grauverhangen strahlte er blau.

Wie war das möglich? Eben erst wäre sie beinahe erfroren, und nun lief ihr der Schweiß über die Stirn. Das Wetter hatte sich binnen Minuten geändert!

Zia beugte sich über das Fensterbrett und beobachtete eine Weile, wie immer mehr Menschen aus den Häusern strömten und sich auf der Straße versammelten. Einige trommelten. Es war eine Hochstimmung wie an einem Sommertag entstanden. Ein Sommertag im Februar!

Zia fragte sich, ob die Nachrichten schon etwas darüber meldeten. Sie zappte sich durch die Kanäle – und siehe da: Die Sender hatten tatsächlich schnell reagiert und berichteten von einem abrupten Temperaturanstieg von minus 10 auf plus 26 Grad Celsius. Da aber niemand auch nur den Ansatz einer Erklärung bieten konnte, wurde es Zia zu blöd. Sie wandte sich wieder der Karte zu und las sich den Interpretationstext durch.

Wiwanyag Wachipi (der Sonnentanz): die Sonne. Die ekstatische, über Gesang und Tanz vermittelte Erfahrung, reißt die gesamte Gemeinschaft mit. Die Trommel ist das Herz des Kosmos, das unaufhörlich schlägt, um das Leben zu erhalten, der mittlere Pfahl ist die Achse der Welt, über die der Himmel mit der Erde kommuniziert.

Zia schaute auf die Karte, dann auf die Straße, schüttelte den Kopf und packte die Karten ein. Sie brauchte dringend einen Kaffee und musste unter Menschen.

Auf dem Weg zum Coffeeshop gegenüber spürte sie es überdeutlich: Die Sonne brannte regelrecht, und ihre Lebensenergie stieg.

Aber dann änderte sich Zias Empfinden. Als sie die Straße überquerte, empfand sie trotz der Wärme ein inneres Frösteln. Sie fühlte sich beobachtet. Glaubte sogar, im Schatten eines Hauseingangs den Umriss eines Mannes zu erkennen.

Das Frösteln verstärkte sich und so rannte sie in den Shop, der brechend voll war. Wohl oder übel musste sie sich in die lange Schlange der Wartenden einreihen. Da sie als Letzte dicht bei der Tür stand, konnte ihr der Fremde jederzeit nahe kommen. Aber nichts geschah. Paranoia, was sonst!

Es dauerte, bis sie ihre Bestellung aufgeben konnte. Hinten im Lokal entdeckte sie ein paar Bekannte, die das Thema Wetter durchkauten. Auch Sally, Verkäuferin in einer schrägen, kleinen Boutique an der Ecke, war der Meinung, dass plötzliche Wetteränderungen schon seit ewigen Zeiten vorkämen und Wissenschaftler viel zu schnell Katastrophentheorien parat hätten. Zia fühlte sich bestätigt, aber von dem unheimlichen Mann sagte sie nichts. Nach einer Stunde gemütlichen Beisammensitzens entschloss sie sich, erneut Sarah aufzusuchen.

 

Hannah und der Meisterdieb

Prolog

Hannah O´Fallon hatte noch nie etwas Schöneres gesehen als den Wicklow National Park, wenn das Heidekraut blühte.

So weit das Auge reichte entdeckte sie große Flecken von leuchtendem Lila, die sich sanft an die Hügel und Berge schmiegten. Bei näherer Betrachtung sahen diese Pflanzen wie plüschige Kissen aus, die einen einluden, sich darauf auszustrecken. Ihre Farbe verzauberte die Gegend noch mehr – dabei war die Atmosphäre ohnehin magisch.

Ja … die Magie hing hier so schwer über Hannah wie die Wolken am grauen Himmel. Dieses übernatürliche Flair würde sie nie wieder vergessen.

Sie liebte die Wicklow Mountains und hoffte, dieses lilafarbene Naturspektakel noch viele Jahre genießen zu dürfen, aber die Gefahr war ihr zu nahe gekommen. Und auch eine tief greifende Angst, die sie vorher nie gekannt hatte.

Wie konnte sich Rory denn nur in so eine Geschichte verstricken? Vielleicht, weil es um einen Job ging. Doch das war eine schwache Antwort angesichts der Möglichkeit einer Alternative – selbst einer unbequemen. Eigentlich traf Rory keine Schuld. Er war da in etwas hineingeraten, dem er niemals hätte entrinnen können. Und schließlich hatte Hannahs eigenes Schicksal sie nach Irland geführt … direkt zu ihm.

Sie befand sich auf einer Steinbrücke, unter der ein Bach vom dahinter liegenden Hügel direkt ins Tal floss, und die Schauplatz eines rührenden Hollywood-Liebesfilms war. Hannah blickte in die Ferne und erinnerte sich daran, wie glücklich sie gewesen war, endlich Irland besuchen zu dürfen.

Sie hatte ihr Kunststudium an der New York University mit Bestnote beendet, und als Belohnung schenkten ihr die Eltern diese Reise. Das 4-Sterne-Hotel war für den gesamten August bezahlt. Für mehrtägige Ausflüge, bei denen sie in einem Bed & Breakfast übernachten müsste, hatten ihre Eltern ihr ebenso Geld in die Hand gedrückt, wie für Verpflegung, Fahrten und hübsche Souvenirs. Und im Flieger von Aer Lingus hatte sie sogar in der Business Class gesessen.

Den langen Flug von New York erlebte sie hellwach, während andere Passagiere schliefen. Nicht einmal einen Spielfilm wollte sie an Bord sehen, weil sie sich lieber ausmalte, wie es im Land ihrer Großeltern wohl aussähe. Diese hatten ihr andauernd und ausführlich von den Schönheiten ihrer Heimat vorgeschwärmt.

Hannah begegnete Rory O´Hogan im Pub O´Donoghue´s, gleich an ihrem ersten Nachmittag in Dublin. Sie war vormittags am Flughafen, der unweit der Hauptstadt gelegen ist, angekommen, hatte in ihr Hotel, das „Croke Park“, eingecheckt und sich, erfrischt und umgezogen, auf den Weg in die City gemacht, um sich in aller Ruhe die Geschäfte in der Grafton Street anzusehen. Sie war so abgelenkt, dass sie keinen Jetlag verspürte.

New York war um so Vieles größer, die Geschäfte dort exklusiver; aber trotzdem fand sie das Angebot in dieser Fußgängerzone weitaus charmanter. Und das Wetter erst – herrlich! Eine angenehme Temperatur von rund 22 Grad Celsius, blauer Himmel, ein paar harmlose Wölkchen und diese unglaublich frische Luft, die nach Meer und Pfefferminz roch.

Sie war in die kleinen Seitenstraßen abgebogen und immer wieder auf der Grafton Street gelandet. So hatte sie sich bis zum St. Stephen´s Green Park geschlängelt, um ihm einen kurzen Blick zu widmen, war dann nach links abgebogen und bis zum O´Donoghue´s in der Merrion Row gelaufen. Von diesem Pub hatte schon ihr Großvater, Eamon O´Fallon, erzählt, denn dort pflegten auch The Dubliners, die weltbekannte irische Folk-Band, zu spielen. Man könnte fast sagen, ihre irischen Gene führten sie blindlings dahin.

Hannah schloss die Augen und verbannte die Landschaft aus ihren Gedanken. Sie versuchte, die kühle, würzige Luft in vollen Zügen einzuatmen, um einen klaren Kopf zu bekommen. In der Natur würde sie Kraft sammeln. Doch das, was sie erlebt hatte, drängte sich wie ein Film in ihr Bewusstsein – und sie sah sich darin mitspielen.

Im O´Donoghue´s fing alles an.

Kapitel 1

Hannah betrat das berühmte O´Donoghue´s voller Elan und wurde jäh von der schummrigen Beleuchtung überrascht. Was war das doch für ein Kontrast vom dunklen Pub vor ihr zum gleißenden Sonnenschein hinter ihr. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen.

Zu ihrer Rechten bemerkte sie eine halbrunde Nische mit Polstersitzen, Fotos und Zeichnungen von Musikern an der Wand und den Bar-Tresen. Es war voll. Sie quetschte sich durch den schlauchartigen Raum, und anschließend durch eine schmale Tür in den nächsten, der noch enger war. Auch dort waren alle Plätze belegt. Doch es gab einen Innenhof, mit Fässern zum Abstellen der Gläser und Barhockern sowie kleinen Holztischen und Bänken. Drinnen wie draußen war das Publikum gemischt, doch im Hof überwogen die Geschäftsleute. Hannah fand eine freie Holzbank und ließ sich erleichtert darauf fallen. Jetzt musste nur noch die Bedienung kommen und ihr ein riesiges Guinness bringen, dann wäre ihr Tag perfekt.

Jedes Mal, wenn die Tür zum Hof aufging, erwartete sie, einen Kellner zu erspähen. Aber weit gefehlt – es waren Gäste mit Gläsern in den Händen. Irritiert schaute sie sich das Treiben eine Weile an. Dann stand plötzlich ein Mann vor ihr, der sich zu ihr herunterbeugte.

„Sie müssen schon reingehen, wenn Sie einen Drink wollen. In Pubs holt man sich die an der Bar. Man zahlt auch sofort. Sie sind nicht von hier, was?“, bemerkte er und lächelte.

„Nein, aus New York, heute Morgen erst angekommen“, antwortete Hannah und sah sich den Typen genauer an. Sehr genau.

Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er schien groß zu sein, mindestens 1,85, und hatte dunkelblondes, kurzes Haar. Eine Rasur hätte er nötig gehabt, aber andererseits verliehen ihm die Bartstoppeln etwas Verwegenes. Sein freches Lächeln unterstrich diesen Eindruck. Und in dem Licht vermutete sie, dass seine Augen von einem hellen Olivgrün waren. Er trug Jeans, ein graues T-Shirt und eine schwarze Lederjacke – fast genau wie sie selbst, außer, dass ihr T-Shirt weiß war.

Hannah starrte ihn regelrecht an. Es gab auch in New York gut aussehende Männer, aber dieser hier hatte etwas … Magnetisches. Sie konnte es schlecht in Worte fassen. Er strahlte Wärme und Verbindlichkeit aus, aber ebenso eine Distanz, als wollte er andeuten ‚Hey, ich bin ein netter Kerl, doch pass besser auf‘. Gefahr verspürte Hannah immerhin nicht.

„Was möchten Sie trinken? Ich hole es Ihnen gern“, fuhr der Mann fort.

„Äh … ein Guinness wäre fantastisch. Warten Sie, ich gebe Ihnen Geld“, antwortete Hannah erstaunt und war im Begriff, in ihrer Tasche danach zu suchen.

Er winkte ab und verschwand in Richtung Pub-Tür. Kurze Zeit später kam er mit zwei Pints Guinness wieder heraus, stellte sie auf den Tisch und setzte sich zu ihr. Hannah hätte nicht verdutzter sein können. War das etwa ein Annäherungsversuch? Er war ganz schön dreist. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Dazu kam, dass seine Nähe sie verunsicherte. Schöner Mann hin oder her – sie war der Meinung, dass er eine Grenze überschritten hatte. ‚Ach, hab dich nicht so‘, ermahnte sie ihre innere Stimme. ‚Andere Länder, andere Sitten. Ist nicht jeder so arrogant und unnahbar wie in New York.‘ Diese Einstellung half ihr, sich zu entspannen.

„Sláinte!“, sagte er und hob sein Glas. „Das heißt ‚Prost‘.“

„Sláinte!“, wiederholte Hannah und nahm mehrere große Schlucke.

„Ich bin Rory. Rory O´Hogan. Und Sie? Oder du?“

„Du. Ich heiße Hannah O´Fallon. Freut mich, dich kennenzulernen, Rory. Selbst auf diese ungewöhnliche Art.“

„Warum ungewöhnlich?“

„Na ja, da, wo ich herkomme, sind die Menschen nicht so … fürsorglich.“

„Du wirst sehen, hier sind wir sehr kommunikativ“, verkündete er und sah ihr direkt in die Augen. „O´Fallon?“

„Meine Großeltern sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika ausgewandert. Sie stammen aus Enniskerry.“

„Ah … Ich bin in Laragh geboren, das liegt wie Enniskerry auch in County Wicklow. Euer Präsident muss auch daher kommen.“

„Wieso?“

„Na … Obama … O´Bama!“

Das amüsierte Hannah. Das Eis war gebrochen, und sie wurde lockerer.

„Was machst du am helllichten Tag in einem Pub? Musst du nicht arbeiten?“

„Ich bin, sagen wir mal, in der Import-Export-Branche tätig, ich muss nicht unbedingt in einem Büro hocken. Außerdem haben jetzt viele Leute Mittagspause. Du solltest froh sein, dass ich hier war, um dich vorm Verdursten zu retten.“

Dann schaute er ihr abermals intensiv in die Augen. „Ich habe auf dich gewartet.“

Dabei lachte er, um die Dramatik dieser Aussage zu entschärfen, doch Hannah fand, dass in diesem Spruch etwas Tiefgründiges verborgen war. Sie wagte aber nicht zu glauben, dass er sie für so wichtig oder so schön hielt, dass er gar ihr Kommen gefühlt hatte und sie deshalb im O´Donoghue´s abpasste.

Hannah fand sich nicht schön. Ihre Haare waren hellblond, ihre Augen hellblau und sie war sehr dünn. Einige meinten, sie hätte feine, aristokratische Züge. Andere, dass sie einem Renaissance-Gemälde entsprungen sein könnte.

Sie schminkte sich nur wenig; die Wimpern, damit sie nicht weiß aussahen, die Wangen, damit sie nicht blass wirkten und die Lippen, damit sie gute Laune bekam. Ihr Gesicht war symmetrisch, und sie hätte glücklicher damit sein sollen, das wusste sie, aber dennoch …

„Wie alt bist du eigentlich?“, wollte Rory wissen.

„Vierundzwanzig. Und du?“

„Zehn Jahre älter. Aber mit der Erfahrung eines Hundertjährigen.“ Und wieder dieses Lachen.

Rory gab Hannah Rätsel auf. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn unverwandt musterte.

„Was ist?“, fragte er.

„Das wüsste ich auch gern. Vor allem, weshalb du hier bei mir bist.“

„Manchmal ist es so, dass das Zusammentreffen zweier Menschen nicht dem Zufall entspringt.“

„Willst du damit andeuten, dass du mich beobachtet und verfolgt hast?“

„Nein, bestimmt nicht. Ich meine … wie soll ich es sagen … na ja, es gibt Phänomene, die man nicht wissenschaftlich erklären kann.“

„Du meinst Magie.“

„Ja. Wie du vielleicht gehört haben magst, zum Beispiel von deinen Großeltern, steckt sehr viel Magie in Irland. Die ganzen Legenden und Sagen, die kommen nicht von ungefähr. Es gibt hier Landstriche, da grüßen Leute bestimmte Orte, von denen sie wissen, dass dort Feen hausen. Wenn sie dies nicht tun, erleben sie keinen schönen Tag.“

„Meine Großmutter hat mir tatsächlich Geschichten erzählt: von Feen und zauberhaften Wesen, von Leprechauns und anderen magischen Geschöpfen. Ich habe immer fasziniert gelauscht. Aber wenn man älter wird, verliert man das aus den Augen. Und jetzt konfrontierst du mich damit. Ich will solche Dinge nicht herunterspielen, es ist nur schwer, so etwas für bare Münze zu nehmen. Also: Wir beide haben uns getroffen, weil es eine höhere Macht so entschieden hat. Das ist der Kern, richtig?“

„Man könnte sagen, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Die höhere Macht war´s!“

Diesmal lächelte Rory bedeutungsvoll. Er hob sein Glas und trank es leer. Hannah tat es ihm gleich.

„Was möchtest du am liebsten unternehmen? Willst du, dass ich dir die Stadt zeige? Eine hübsche Tour in meinem Wagen, bei der ich dir alles Sehenswerte vorstellen kann?“

„Ich wollte mich etwas ausruhen.“

„Das wäre falsch, dann schläfst du nämlich sofort ein. Und man soll erst ins Bett gehen, wenn es im Reiseland Zeit dafür ist. Beiß die Zähne zusammen und komm einfach mit.“

Hannah konnte nicht fassen, was sie da hörte. Rory lud sie auf eine Sightseeing Tour ein? Aber die Müdigkeit ergriff langsam Besitz von ihr, und auch das Guinness hatte dazu beigetragen, dass sie sich schlapp fühlte. Und sie spürte Rorys Ausstrahlung, die sehr einnehmend war. Widerstand zwecklos! Sie nickte und lief mit ihm auf die Straße, wo sein Wagen stand.

Rory öffnete ihr schwungvoll die Beifahrertür des schwarzen Mercedes-M-Klasse Geländewagens. Sie hievte sich auf den Sitz und legte den Gurt an. Dann schaltete Rory das Radio ein und suchte einen Sender. „Dublin´s Q 102“ gefiel ihm offensichtlich. Hannah schaute sich im Wagen um; er musste wirklich gut verdienen, wenn er so ein Auto fuhr.

„County Wicklow hat sogar seinen eigenen Sender, der heißt ‚Garden County Radio‘, da können wir ein anderes Mal reinhören“, sagte er.

„Ein anderes Mal? Es ist wirklich nett, dass du mich in Dublin herumkutschieren möchtest. Aber das heißt nicht, dass wir öfter zusammen sein werden. Du musst doch arbeiten. Außerdem hatte ich vor, das Land selber zu erkunden!“

„Ich nehme mir ein wenig frei. Ich habe so lange kein Museum mehr besucht, ich muss etwas für meine Bildung tun! Mit Begleitung macht es einfach mehr Spaß, glaub mir. Und du hast viel mehr von einem Land, wenn dich ein Einheimischer führt. Es sei denn, du findest mich so abstoßend, dass du mich loswerden möchtest“, erwiderte Rory und grinste breit, wohl wissend um sein gutes Aussehen.

„Du könntest ein Serienkiller sein!“, hielt Hannah schmunzelnd dagegen.

„Ja, oder ein Triebtäter. Du weißt ganz genau, dass ich das nicht bin. Tief in deinem Innern vertraust du mir, das fühle ich. Und denk an die höhere Macht!“

„Wie könnte ich die vergessen!“

Wider Erwarten genoss Hannah die Fahrt von ihrem bequemen Sitz aus. Sie fuhren zum Merrion Square, wo Rory auf die Skulptur von Oscar Wilde hinwies. Er betonte, wie sehr sie ihm gefiel, deshalb wollte er sie Hannah als Erstes vorstellen.

Der Schriftsteller bestand von Kopf bis Fuß aus Marmor, seine Kleidung sogar aus verschiedenfarbigem Marmor, und er fläzte sich lebensecht auf einem riesigen Felsblock. Merrion Square war ein wunderschöner Park mit üppiger Vegetation. Bei nächster Gelegenheit wollte Hannah dort spazieren gehen.

Dann drehte Rory um und fuhr am O´Donoghue´s vorbei und in die Dawson Street hinein. Von dort aus folgten sie den Straßen zum Dublin Castle, zur St. Patrick´s Cathedral, zum Guinness Storehouse sowie zum Kilmainham Goal, einem ehemaligen Gefängnis, und überquerten den Fluss Liffey, um zum Nordteil von Dublin zu gelangen. Hannah bewunderte durch das Autofenster den Phoenix Park, die Old Jameson Distillery und den Justizpalast Four Courts. Dann rollten sie über den Liffey zum Südteil zurück.

Am Trinity College stoppten sie kurz und vertraten sich die Beine auf dem Campus. Das aufwendig illustrierte Book of Kells, das keltische Mönche um 800 n. Chr. schufen und das in der College-Bücherei ausgestellt war, würden sie sich später einmal anschauen, die Schlange der Wartenden war gerade zu lang.

Danach ging es nach Temple Bar, Dublins Kulturviertel mit vielen Pubs und noch mehr Touristen. Rory hatte in einem fort und mit großer Begeisterung über die Sehenswürdigkeiten referiert; nun war seine Kehle ausgetrocknet, und es war höchste Zeit für einen Drink. Sie setzten sich ins Gogarty´s an die Bar und bestellten zwei Guinness.

„Das war nur ein kleiner Überblick, Hannah. Ich möchte dir gern mehr zeigen, das Nationalmuseum Archäologie zum Beispiel.“

„Archäologie ist nicht so mein Fall. Ich habe in New York Kunst studiert.“

„Unterschätze Archäologie nicht, es gibt da unglaubliche, sehr kostbare Artefakte. Natürlich besuchen wir auch die Nationalgalerie und …“

„Rory, Gnade! Das geht mir zu schnell! Ich bin doch erst vor ein paar Stunden angekommen!“

„Ich wollte dich nicht überfordern, ehrlich. Willst du etwas essen?“

„Danke, nein. Ich möchte nur mein Bier austrinken und dann ins Bett fallen. Warum tust du das eigentlich alles? Wieso ich? Sag mir die Wahrheit. Oder ist die Sache mit der ‚höheren Macht‘ in Irland eine Masche, um Frauen kennenzulernen?“

„Was denkst du von mir? Ich bin glücklicher Single! Aber ich bin überzeugt davon: Unsere Wege kreuzen sich aus einem bestimmten Grund, der mir momentan noch nicht so ganz klar ist, wie ich zugeben muss. Wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen, finden wir es beide heraus.“

„Du musst etwas über mich wissen, sonst hättest du mich nicht angesprochen. Das sagt mir mein Gefühl!“

Rory fixierte sein Glas und schwieg. Er presste seine Lippen aufeinander und sah auf einmal sehr verletzlich aus.

„Ich kann nicht darüber sprechen. Lass uns doch einfach sehen, wie sich die Dinge entwickeln.“

Hannah musste sich geschlagen geben. Diese Sache wurde immer merkwürdiger, und die einzige Möglichkeit, Licht ins Dunkel zu bringen, bestand darin, mitzumachen. Sie überlegte jedoch, ob sie stark genug war, der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Das klang nach einem aufregenden Experiment, nach Nervenkitzel und Abenteuer. Und ihr Entschluss war plötzlich getroffen.

„Es klingt total verrückt, aber weißt du was? Ich begleite dich durch Dublin. Zeig mir, was du mir zeigen willst. Nicht nur die Stadt, ich möchte auch rausfahren, die Landschaft soll so traumhaft sein. Ich bin jung und brauche neue Erlebnisse – doch erst nach mindestens zwölf Stunden Schlaf!“

 

Weiß-rote Weihnachten

Kapitel 1

Lilo Maguire saß in der beeindruckenden Bibliothek des Trinity College in Dublin und blätterte in Büchern zu ihrem Lieblingsthema: Vampire. So viel Auswahl – unglaublich, was das Angebot hergab. Über eintausend Möglichkeiten luden sie ein, Blutsauger von buchstäblich allen Seiten zu beleuchten. Lexika befanden sich ebenso darunter wie die klassische Gegenüberstellung von Vampir und Werwolf oder folkloristische Betrachtungen. Besonders amüsant waren eine Anleitung zum Zeichnen von Vampiren und ein Vampirwitze-Buch. Dieser Mythos fasziniert seit jeher Autoren und Leser weltweit, und Lilo, Studentin der Literatur, hatte sich gleichermaßen damit infiziert.

Immer, wenn es sich einrichten ließ, verbrachte Lilo mehrere Stunden mit ihren blutrünstigen Helden. Sie verehrte die schönen und reichen, aber auch die tragischen und melancholischen Geschöpfe der Nacht. ‚Es kann nicht alles nur Fiktion sein‘, dachte sie und schwelgte in Tagträumen über paranormale Begegnungen. Sagen entstehen nicht aus dem Nichts; die Weltgeschichte kennt schließlich historische Persönlichkeiten, die als Inspiration dienten. Und eventuell trennte nur ein schmaler Grat eine Erzählung von einer Tatsache … Wie wunderbar wäre das! So naiv, verrückt und realitätsfern es war: Lilo wünschte sich sehnlichst, einen echten Vampir kennenzulernen, und das Wort „Vampir“ blinkte dabei mehrmals wie eine Leuchtreklame in ihrem Bewusstsein auf.

„Und was dann?“, fragte sie plötzlich eine Stimme, die nur ihre eigene, innere sein konnte.

„Das werde ich sehen, wenn es so weit ist!“, antwortete sie sich selber trotzig.

Insgeheim wog sie ab, ob ein Treffen zwischen Mensch und Vampir nicht doch ein Wagnis darstellte. Selbst wenn sie sich als einsamer Single ein romantisches Abenteuer ausmalte, konnte ein geheimnisvoller Fremder sie als Mitternachts-Snack begehren. Ja – und was dann?

Lilo schob eine Strähne ihrer hellbraunen Locken aus dem Gesicht, griff sich das nächste Buch vom Stapel und vertiefte sich darin. Es war der letzte Tag vor den Bibliotheksferien und den wollte sie stilvoll ausklingen lassen.

Kapitel 2

Das Knurren war deutlich zu hören. Lilo schreckte hoch und schaute sich vorsichtig um. Der Bibliothekssaal war spärlich besucht. Hoffentlich hatte keiner mitbekommen, dass ihr Magen solche peinlichen Töne von sich gab. Sie beruhigte sich wieder – niemandem war es aufgefallen. Dessen ungeachtet war es eine untrügliche Aufforderung, Nahrung zu sich zu nehmen.

Es war später Nachmittag und düster. Der zeitige Sonnenuntergang war keine Seltenheit kurz vor Heiligabend. Sie würde in ein vegetarisches Restaurant ganz in der Nähe laufen, das Cornucopia, und sich dort den Bauch vollschlagen. Eine gute Idee! Sie trug die Bücher zum Counter, hüllte sich in Tweedmantel und Strickschal und verließ die ehrwürdigen Hallen.

Lilo bog gerade in die Wicklow Street ein, wo das Cornucopia gerne hungrige Gäste empfing, als sie das Gefühl des Verfolgtwerdens durchströmte; es war beklemmend und jagte ihr Schauer über den Rücken. Sie riskierte einen Blick in ein Schaufenster, um in dessen Spiegelbild festzustellen, dass nur eine vierköpfige Familie weit hinter ihr trottete. Die Mutter jammerte über schmerzende Füße, den Vater quälte der Durst und die zwei kichernden Mädchen wollten lieber dem hübschen Straßenmusiker auf der Grafton Street zuhören. Entwarnung. Lilos blaue Augen waren dennoch schreckgeweitet.

Als sie am nächsten Geschäft vorbeihastete, sah sie, dass die Familie nicht mehr da war; wahrscheinlich hatte sie sich in eine der Seitenstraßen geschlagen.

Mit schnellen Schritten gelangte Lilo ins Lokal und betrat erleichtert das warme, einladende Entree. Blümchentapeten, goldgerahmte Spiegel, Kronleuchter, Thonetstühle an antiken Holztischen und ein rustikaler Dielenboden machten, neben dem ausgezeichneten Essen, den Charme dieses Restaurants aus.

Ihr Herz hatte vor Aufregung gepocht; nun konnte sie sich in diesem behaglichen Ambiente entspannen. ‚Unsinn! Niemand ist hinter dir her!“, ermahnte sie sich. Lilo stellte sich ans Ende der Schlange und wartete geduldig.

Da! Da war es wieder, dieses Gefühl! Sie wandte sich ruckartig um. Eine zierliche Blondine mit Nerd-Brille beäugte sie.

„Ist was?“

„Nein, nein, alles ist gut!“, entgegnete ihr Lilo.

Als sie wieder nach vorn blickte, erfasste sie aus den Augenwinkeln eine dunkle Gestalt, die an einem Tisch am Fenster hockte. Schwarz war auch in Dublin eine Modefarbe und somit nicht spektakulär. Doch Lilos Aufmerksamkeit war erregt worden. Bevor sie an der Reihe war, ihre Bestellung am Buffet aufzugeben, musterte sie diese Gestalt eindringlich.

Der Mann wirkte selbst im Sitzen stattlich, hatte pechschwarze schulterlange Haare und schwarze Mandelaugen. Auch vom Hals abwärts sah Lilo schwarz – Mantel, Hemd, Hose, Schuhe … Nur seine Haut; die war bleich wie das Mondlicht. Dieser Kontrast war anziehend, wie die Ausstrahlung dieses Herrn, der Lilo jetzt mit seinem Blick fesselte. Sie starrte zurück.

„Was möchten Sie essen?“

Die Stimme der Bedienung zerschnitt das unsichtbare Band, das sich zwischen Lilo und diesem Typen gebildet hatte. Lilo wendete sich ihr zu und gab trotz ihrer tranceartigen Verwirrung ihre Wünsche an: Paprikaschoten mit Ratatouille und Couscoussalat, dazu ein Glas Rotwein. Als sie das Geld auf den Tresen legte und das Tablett an sich nahm, erlebte sie seine Präsenz beinah hautnah; als sie sich einen Sitzplatz suchte, war er verschwunden.

Kapitel 3

Der Wein war so köstlich wie das Gericht. Und nach diesem Vorkommnis trank sie einen zweiten. Außerdem konnte Couscous damit besser hinuntergespült werden. Während sie nachdenklich am dritten Merlot nippte, erkannte sie, dass ihr Eindruck auf dem Weg ins Lokal nicht trügerisch gewesen sein konnte. Dieser Kerl war daran schuld! Er muss ihr wie ein Schatten gefolgt sein.

Warum bloß? Was hatte sie so Außergewöhnliches an sich, das möglicherweise eine fatale Leidenschaft weckte? Nichts. Das war ein Irrer, dessen Zeitvertreib darin bestand, jungen Frauen nachzusteigen. Genau.

Und falls nicht? Es war nicht auszuschließen, dass er ihr gezielt nachstellte. Hatte sie womöglich klammheimlich in der Bibliothek beobachtet und sich nicht getraut, sie dort anzusprechen. Besonders mutig war er im Cornucopia auch nicht gerade.

Drei Gläser reichten, fand Lilo und trat den Heimweg an. Ihr Ziel war ihre kleine Souterrainwohnung unweit des Merrion Square. Würden ihre Eltern, die in Cork lebten, sie nicht großzügig finanziell unterstützen, könnte sie sich ein Apartment mitten in der Stadt, und so manches andere, gar nicht leisten. Obwohl die Wohnung im Untergeschoss angesiedelt war, vermittelte sie einem kein Gruftfeeling, denn Lilo hatte sie mit Vintage-Möbeln und bunten Stoffen dekorativ und anheimelnd eingerichtet.

Es war die erste eisige Nacht in diesem Winter und der Wind pfiff ihr um die Ohren. Lilo wickelte sich den Schal um den Kopf und verschränkte die Arme dicht vor ihrem Mantel; das hielt die durchdringende Kälte jedoch kaum ab. Und es wurde frostiger; hervorgerufen durch eine bestimmte Empfindung: Er war in der Nähe.

 

Berührung mit der Erinnerung

Prolog

Eine chinesische Weisheit besagt, dass eine lange Reise mit dem ersten Schritt beginnt. So betrachtet könnte das auch der Weg vom Flur zur Küche sein. Sogar der Weg vom Sessel zum Fernseher. Oder vom Waschbecken zur Toilette.

Kaum im Raum bewegt – und schon potenziell auf Weltreise mit allen dazugehörigen Abenteuern? Nein, nicht wirklich. Jedenfalls nicht für einen völlig normalen Durchschnittsmenschen. Obwohl es durchaus Leute gibt, die nur mal schnell Zigaretten holen gehen und dann nie wieder nach Hause kommen.

Doch es existieren einige wenige, für die der erste Schritt durchaus in ein Abenteuer führen kann. Wie Charlotte.

Das war ihr Name, bevor sie starb. Noch hatte sie keinen neuen, noch besaß sie nur eine Zahl als Bezeichnung: 77798674. Sie hatte sich damit nicht anfreunden können, fand es geradezu schrecklich. Diese Nummer war unpersönlich und kalt, sagte absolut nichts aus. Das war nicht sie. Aber wer war sie hier schon? Eine missverstandene Seele, die auf ihre Wiedergeburt wartete.

Mit dem Namen Charlotte hingegen verband sie das Leben, das sie vor ihrem Tod genossen hatte – wohlbehütet und sorgenfrei. Sie konnte sich sehr gut an ihre Eltern Frank und Diana und ihre jüngeren Geschwister Helene und Markus erinnern, an das weiß gestrichene Haus mit den grünen Fensterläden in Berlin, an ihren Labrador Sunny, an die Schule und an ihre vielen Freundinnen.

Das hatte sie dieser superschlauen Bürotante im weißen Overall auch erzählt. Aber die hatte nur wild ihre verfilzten, roten Locken, die wie Dreadlocks aussahen, geschüttelt, sich an ihrem grauen Schreibtisch in ihrem grauen Büro vorgelehnt und sie böse angestiert.

„Es ist unmöglich, dass du dich erinnerst. Vollkommen ausgeschlossen. Jede Seele, die zu uns kommt, ist unfähig, sich zu erinnern. Das Gedächtnis ist ausgelöscht, was auch wichtig ist. Wie soll es denn funktionieren, das neue Leben auf Erden, mit dem Ballast des alten? Wo käme denn die Menschheit hin? Was glaubst du, würden die Menschen mit diesem ganzen Wissen anstellen? Hm?“

„Aber es ist tatsächlich so. Ich kann Ihnen eine Menge Geschichten über meine Familie erzählen, Sie können das doch ganz leicht nachprüfen …“

„Unsinn, das denkst du dir nur aus. Du hast eben eine blühende Fantasie. Ich kann ja verstehen, dass die Warterei langweilig ist. Viele Zerstreuungen haben wir in unserer Sektion nicht, eigentlich gar keine, ist ja auch nur eine Zwischenstation. Ruh dich aus. Wenn die Order von oben kommt, geht´s los!“

„Ich kann Ihnen beschreiben, wie ich gestorben bin: Sunny, mein Hund, rannte über die Straße, ich wollte hinterher … Sonst habe ich immer aufgepasst, aber diesmal schaute ich nicht nach links oder rechts … Ich setzte einen Fuß auf die Fahrbahn, nur ein kleiner Schritt … und dann … Rumms! Ich fühlte einen dumpfen Schmerz und sofort wurde es dunkel um mich herum … Werfen Sie doch mal einen Blick in meine Akte!“

„Denkst du, du bist die Einzige hier? Glaubst du, du hast eine Sonderstellung? Ich habe für so was keine Zeit, also wirklich! Ich rufe dich, wenn dein Ziel bekannt ist. Bis dahin kannst du … was auch immer. Die nächste Seele, bitte!“

„Warten Sie … wo werde ich denn hingeschickt? Dürfte ich mir was aussuchen?“

„Aussuchen?“ Der Frau fielen beinahe die Augen aus. „Du hast ja komische Flausen im Kopf! Du gehst dorthin, wo deine Bestimmung dich hinschickt und damit basta! Wo ist denn nun die nächste Seele? Ah da …“

Diese Frau war so was von unhöflich, fand Charlotte. Allerdings war sie ihren Lebtag nicht mit Bürokratie in Berührung gekommen, nicht in ihren ganzen vierzehn Jahren.

Vielleicht wäre es da in irgendeiner Behörde auch nicht anders gewesen, aber nun war es zu spät, um das herauszufinden. Hingegen durfte sie es jetzt auf dieser komischen Station erleben. Selbst das Universum kam wohl nicht ohne Verwaltung aus … letztlich entwischte man Beamten nie.

Die nächste Seele, die diese Zicke hereinrief, war ein attraktiver, blonder Junge. Er wirkte traurig, aber als Charlotte an ihm vorbeilief, hellte sich seine Miene auf. Beide hielten kurz inne und lächelten sich an.

„Wird´s bald?“, schallte es aus dem Büro.

Der Junge trat ein, warf Charlotte noch einen traurigen Blick zu, und zog die Tür hinter sich zu.

Daraufhin stand sie verloren im Flur und betrachtete die leeren Gesichter, die auf ihr Gespräch mit dieser Beamtin warteten: eine junge Blondine mit dunklen Schatten unter den Augen, einen korpulenten Kahlköpfigen, der in der Nase popelte und eine alte Frau, die wie eine Kräuterhexe aussah. Von Weitem schlenderte ein Rapper mit dicken Goldketten heran, checkte die anderen ab und setzte sich neben die Blondine, die seine plumpe Anmache ignorierte.

Charlotte fand es merkwürdig, dass die Seelen nicht körperlos oder durchscheinend waren, so, wie sie es aus Geisterfilmen her kannte; doch was war hier nicht merkwürdig …

Wohin sollte sie jetzt gehen? Durch die schier endlosen Korridore in ihre winzige Kammer, in der nur ein schmales Eisenbett mit weißen Laken auf sie wartete? Oder in den Innenhof, der genauso grau und freudlos wie alles andere hier war?

Das Paradies war es nicht gerade, aber auch nicht die Hölle. Ein seltsamer Ort … Das Grau der Wände schimmerte abwechselnd hell und dunkel, die Flure machten den Eindruck, als würden sie sich mal verengen und mal verbreitern. Das Ganze wirkte wie ein lebender Organismus, ohne einen Hauch von Leben in sich zu tragen.

Die Kommunikation war harsch und auf das Nötigste reduziert, wie Charlotte hatte feststellen müssen. Da man mit Informationen äußerst sparsam war, nahm sie an, dass diese Station eine von vielen Sammelstellen war, die zur schnellen Erfassung und Weiterleitung von Seelen diente.

Eine von vielen deshalb, da die Nummer, die man Charlotte zugewiesen hatte, nicht besonders hoch war. Nicht hoch genug für die unzähligen Toten. Eine reibungslos funktionierende Verwaltung sorgte anscheinend dafür, dass sie aufgeteilt wurden, um besser „bearbeitet“ zu werden. Namenlose Vorgänge. Einfach nur Nummern.

Charlotte hatte ihr altes Leben nicht vergessen, was wohl einzigartig zu sein schien. Aber dafür hatte sie die Zeit vergessen, die sie hier verbrachte. Sie konnte einfach nicht sagen, wie lange sie hier schon verweilte, was auch befremdlich war.

Sie befand sich in einem zeitlosen, bedrückenden Raum. Irgendwo im Nichts.

Und während sie so vor sich herlief, hatte sie nicht mitbekommen, dass sie plötzlich am Eingang zu ihrer Kammer stand. Die Tür schwang automatisch auf, und als sie ans Bett schritt und sich setzte, schloss sie sich wieder. Charlotte legte sich auf die harte Matratze und dachte an diesen Jungen.

Seine Augen waren blau und seine Haare kringelten sich im Nacken. Warum hatte es solche Typen nicht auf ihrer Schule gegeben? Ausgerechnet an diesem trostlosen Flecken traf sie auf jemanden, der interessant war. Sie hatte ihn zwar nur kurz gesehen, aber sein ebenmäßiges Gesicht hatte sich ihr eingeprägt. Und seine Ausstrahlung war herzerfrischend und anregend zugleich gewesen.

Schade, dass sie ihr Smartphone nicht dabei hatte, um ihn zu fotografieren und sein Bild ihrer Freundin Layla zu schicken …

Was für ein dämlicher Gedanke aber auch! Sie hatte hier kein Handy, sie würde Layla nie wieder sehen, niemanden von ihrer Clique oder ihrer Familie. Sie war tot … und sie empfand Trauer und Leere.

Dem Jungen ging es vermutlich ähnlich. So hatte er zumindest geblickt. Verloren. Es wäre schön, ihn besuchen zu können. Wenn sie nur wüsste, wo sein Schlafraum war. Vielleicht traf sie ihn zufällig im Hof … Oder auch nicht. Hier konnte man nie wissen, was als Nächstes geschah.

Da Charlotte kein Zeitgefühl hatte, wusste sie nicht, wie viel Zeit verstrichen war, während sie ihren Gedanken nachhing. Obwohl sie über ein Bett verfügte, schlief sie nicht. Entweder war sie wach oder sie döste. Aber richtigen Schlaf konnte sie nicht finden. Wahrscheinlich konnte das hier keiner.

Plötzlich schreckte sie eine schrille Stimme aus dem Lautsprecher über der Tür hoch: „Seele 77798674 bitte umgehend in die Verwaltung!“ Die Tür, die daraufhin aufsprang, verlieh dieser Aufforderung Nachdruck.

Wenn ich Glück habe, werde ich jetzt auf die Erde geschickt, zu einer liebevollen Familie, in eine hübsche Umgebung, vielleicht sogar mit Hund, sagte sich Charlotte.

Sie verließ die Kammer und lief den langen Weg ins Büro. Am liebsten hätte sie einen Sprint hingelegt, aber dieser Ort zwang ihr ein gemäßigtes Tempo auf. Sie passierte zahlreiche Seelen mit ausdruckslosen Gesichtern und erreichte schließlich ihr Ziel. Bevor sie klopfen konnte, ging die Tür von alleine auf.

„Hat ein wenig gedauert, aber nun kannst du dich auf die Reise in dein neues Leben begeben. Mach das Beste draus! Hier, nimm das!“, bellte ihr die Beamtin entgegen und hielt Charlotte einen kleinen Zettel hin.

Charlotte trat vor und nahm ihn an sich. Als sie auf das Blättchen schaute, fand sie es leer vor. Da stand rein gar nichts drauf. Verwundert blickte sie hoch.

„Das hat alles seine Richtigkeit. Geh nach rechts bis zum Ende des Korridors, dann siehst du linker Hand eine Milchglastür.“

Charlotte hätte gern ‚Man sieht sich!‘ gesagt, bezweifelte aber, dass diese Frau Humor besaß. So drehte sie sich einfach nur um und lief hinaus. Sie fand mühelos den Raum am Ende des Flurs, dessen Tür sanft zur Seite glitt, als sie sich davor postierte.

Zu ihrer Überraschung erstreckte sich dahinter ein prachtvolles Zimmer, ganz in Weiß und Gold gehalten. Tapeten mit verschlungenen goldenen Mustern zierten die Wände, auf dem Boden schillerte ein Mosaik aus hellen und rötlichen Goldsteinchen und mittendrin prangte eine ausladende Chaiselongue, die mit weißer Seide bezogen war.

Vor dieser eleganten Liege stand eine hohe, goldene Urne. Im Hintergrund erklang eine zauberhafte Melodie und ein betörender Blumenduft durchzog den Raum.

Da Charlotte keine weitere Anweisung erhielt, näherte sie sich der Liege. Das erschien ihr nur logisch. Außerdem sah diese sehr einladend und gemütlich aus, besonders jetzt, wo Charlotte wie aus heiterem Himmel eine bleierne Müdigkeit überfiel.

Sie setzte sich auf das weiche Polster und strich mit der Hand über den luxuriösen Stoff. Dann fiel ihr der Zettel ein. Wohin damit? Die Urne schien ‚Hier rein!‘ zu rufen – also streckte Charlotte ihre Hand aus und ließ das Papier ins Gefäß hineinfallen.

Sie legte sich hin und schloss die Augen. Kein Licht drang durch ihre Lider, kein Geräusch und kein Aroma erreichte sie. Es war, als wäre sie in einen Kokon gewickelt … und als schwebte sie.

Kapitel 1

Chiara Riordan saß an ihrem Schreibtisch in ihrem rosa und lila gestrichenen Zimmer und versuchte, sich eine gute Geschichte auszudenken. Sie starrte auf das kleine Bücherregal vor ihr, das vor Märchenbüchern überquoll, und hätte viel lieber gelesen, als zu arbeiten.

Bis morgen sollte das Referat über ihre Urlaubserlebnisse fertig sein. Das Dumme war nur, dass sie mit ihrer Familie nur einen Tagesausflug nach Glendalough unternommen hatte. Viel ließ sich daraus leider nicht zaubern.

Sollte sie sich etwas aus den Fingern saugen und die Story schön aufmotzen? Zum Beispiel über irgendein Fabelwesen, das aus dem Upper Lake, dem größeren der zwei Seen, stieg und Touristen angriff?

Das würde ihr gefallen, denn ihre Fantasie schlug oft Purzelbäume. Elfen, Kobolde und Seeungeheuer – das war ihre Welt. Aber eine Wanderung im „Tal der zwei Seen“, wie Glendalough ebenfalls genannt wurde, war an sich nichts Weltbewegendes.

Wie auch immer – sie sollte besser bei der Wahrheit bleiben. Und so schrieb sie, wie ihre Eltern und sie am Vormittag aus Dublin losgefahren waren, dann im Glendalough Hotel Tee getrunken, Sandwiches gegessen und sich anschließend die Ruinen der Klosteranlage angesehen hatten.

Sie konnte natürlich erwähnen, dass dort der Heilige Kevin im 6. Jahrhundert gelebt hatte und der hohe Rundturm noch gut erhalten und imposant war – aber das wussten ihre Mitschüler bereits.

Auch der Wanderweg zum großen See war malerisch gewesen; vorbei am kleineren Lower Lake zur Rechten und am schroff aufsteigenden Waldstück zur Linken, wo alle paar Meter Mini-Wasserfälle durch Farne und Moos herabplätscherten und die Pflanzen zum Schillern brachten. Sie hatte sich nicht sattsehen können an den Hunderten von Grünnuancen. Doch wen interessierte das? Es würde nur ein Gähnen bei den anderen Kindern hervorbringen.

Etliche Touristen aus aller Welt waren unterwegs gewesen, in wetterfester Kleidung und robustem Schuhwerk. Blauer Himmel konnte schnell mal von düsteren Regenwolken abgelöst werden und bei solchen Ausflügen war die Wahl des richtigen Outfits von größter Wichtigkeit, wenn man trocken durch den Tag kommen wollte. Chiara kannte das schon und war, wie ihre Eltern, mit T-Shirt, Pulli, Windjacke und Wanderschuhen ausgestattet – und das mitten im Sommer.

Bei Sonnenschein waren sie vom Hotel gestartet; und dann, am Upper Lake angekommen, fing es an zu regnen. Typisch, aber kein Problem.

Chiara hatte am Ufer gestanden und die Kapuze über ihre braune Mähne gezogen, während ihre Mutter die Gegend fotografierte und ihr Vater einem Paar aus Japan mit Händen und Füßen etwas erklärte. Sie hatte hinaus auf den See geblickt, der sich wie eine schwarze Spiegelfläche vor ihr ausbreitete, die Oberfläche von den Regentropfen leicht aufgewühlt, als sie in der Nähe eine Gestalt wahrnahm.

Der Junge war etwa in ihrem Alter, vielleicht zwölf oder sogar dreizehn, und mit Hemd und Jeans nicht gerade passend für dieses Wetter angezogen. Er muss doch wahnsinnig frieren, hatte Chiara gedacht.

Anscheinend hatte sie ihn einen Tick zu lange angestarrt. Ihm war das nicht entgangen. Jedenfalls hatte er sich zu ihr umgedreht und sie angeschaut; seine blauen Augen blickten in ihre grünen.

Als Nächstes entdeckte sie, dass seine feinen Gesichtszüge von blonden Locken umrahmt wurden, und dass ihr das mehr gefiel, als ihr lieb war. Sie war bei dem Gedanken errötet und hatte sich abwenden wollen – aber es ging nicht, denn mit einem Schlag war ein Bild vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht: der Junge und sie in einem grauen Raum, ein Lächeln … Diese Vision hatte nur den Bruchteil einer Sekunde gedauert, aber sie war sehr intensiv gewesen.

Er hatte noch angesetzt, etwas zu sagen, war aber von zwei kreischenden Kindern, die Fangen spielten, abgelenkt worden. Gleich darauf war ein großer, athletisch gebauter Mann mittleren Alters erschienen, der dem Jungen sagte, dass man jetzt aufbrechen sollte. Sie nahm an, dass es sein Vater war, da er ebenso blondes Haar und blaue Augen hatte. Als sie losgingen, hatte sich der Junge zu Chiara umgedreht und sie richtiggehend wehmütig angesehen.

Chiara hatte wie verdattert am dünnen Sandstreifen gestanden und sich gefragt, was da gerade passiert war. Hatte sie sich etwa verknallt? So schnell? Und was hatte es mit dieser Vision auf sich gehabt?

Ihre Eltern waren kurz danach zu ihr gestoßen und gemeinsam hatten sie sich auf den Rückweg gemacht.

In Dublin hatte sie die ersten Tage in ihrem Zimmer auf ihrer Patchworkdecke gehockt und versucht, dieses Bild von ihm und ihr wieder heraufzubeschwören, aber es erschien jedes Mal nur der Schatten einer vagen Erinnerung.

Und ein paar Tage später hatte sie es ganz aufgegeben, diesem Traumbild hinterherzujagen. Der Junge war süß gewesen, und er hatte etwas Bestimmtes in ihr geweckt, aber sie wusste es nicht einzuordnen. Schon gar nicht wusste sie etwas über ihn. Nicht, wie er hieß und nicht, wo er wohnte. Wie auch?

Diese Begebenheit würde ihre Klassenkameraden, vor allem die Mädchen, mit Sicherheit brennend interessieren, aber Chiara war nicht so dumm, ihnen davon zu berichten. Mit solchen Informationen machte man sich nur zur Zielscheibe für Spott und Hänseleien. Auf solche Munition würde diese widerliche Lisa nur lauern …

Und nicht einmal ihrer besten Freundin Emily würde sie dies unter vier Augen anvertrauen, so brisant erschien ihr diese Begegnung.

So saß Chiara da und schrieb eine recht fade Abhandlung von ihrem Urlaubserlebnis. Ihr von der Lehrerin viel gerühmter Schreibstil könnte den langweiligen Inhalt jedoch wahrscheinlich wettmachen und eine passable Schulnote einbringen.

Glendalough war eben Glendalough und nicht die Karibik oder Afrika oder Australien, wohin ein paar ihrer Freundinnen hingereist waren und worüber sie in den nächsten Tagen mit Freuden referieren würden.

Wenn Franca und Barnie Riordan einige Monate zuvor nicht ein Geschäft mit ausgewählten italienischen Möbeln eröffnet hätten, wären sie mit Chiara nach Florenz geflogen, zu Francas Familie. Aber mit einem frisch gegründeten Unternehmen, in das sie horrend viel investiert hatten, konnten sie es sich zeitlich und finanziell nicht leisten, Urlaub zu machen. So war Chiara darauf angewiesen, selber ihre Vergnügungen zu organisieren, allein oder mit Emily.

Am folgenden Morgen hielt Chiara vor versammelter Klasse ihr Referat, und zumindest hörte ihr die Englischlehrerin verträumt zu. Zufällig hatte Chiara mit Glendalough einen Volltreffer gelandet, denn Mrs. Martin liebte dieses Tal, da es ihrer Meinung nach viel magisches Potenzial besaß. Für Inhalt und Stil bescherte das Chiara somit eine glatte Eins.

Das beste Kompliment, das die Mitschüler ihr machen konnten, war, sich gegenseitig SMS zu schicken und nicht auf den Vortrag zu achten. Einzig Emily hatte konzentriert gelauscht und ihr danach gratuliert.

Das Bild des blonden Jungen verblasste langsam in Chiaras Erinnerung. Nur nachts … da träumte sie von ihm, in einem grauen Raum, an einem trostlosen Ort. Und ihr Herz schlug wild, wenn er sie anlächelte.

 

Jamie

Kapitel 1

An meinem 17. Geburtstag brach ich aus dem widerlichen Waisenhaus an den Ufern des Mississippi aus, nicht ahnend, wie radikal diese Entscheidung mein Leben verändern würde. Hatte ich damals gedacht, es könnte nicht haarsträubender werden, so wurde ich eines Besseren belehrt.

Das Kaff, in dessen Nähe sich dieses „Heim“ befand, war so schäbig und unwichtig, dass es keiner weiteren Erwähnung bedarf. Das Waisenhaus selbst war eine Anhäufung von frustrierten Betreuern und Kindern, die wünschten, sie wären nie geboren worden.

Ich weiß nicht, wer mich dort hingebracht hatte, als ich ein Baby war. Man entdeckte mich in einer Reisetasche vor dem Tor und auf meiner Decke befand sich ein Zettel, auf dem „James Braverson, geboren am 1. Juni 1994“ geschrieben stand. Wie ich später zufällig erfuhr, hatte sich niemand bemüht, eine Familie Braverson ausfindig zu machen. Das Waisenhaus erhielt Zuwendungen für jedes Kind, da stellte man keine Fragen. Und ich wusste nicht, wie ich es hätte anstellen sollen, nachzuforschen. Zumal ich nicht sicher sein konnte, ob dieser Name der richtige war.

Da „James“ mir zu hochgestochen vorkam, wandelte ich ihn in „Jamie“ um, obwohl ich nicht so niedlich bin, wie dieser Name klingt. Ich bin kantig und drahtig, nicht zu groß, nicht zu klein. Mein Gesicht ist schmal und ebenmäßig, mit einem starken Kinn. Meine Nase könnte man als interessant bezeichnen. Mein Mund ist recht groß. Meine Haare sind schulterlang und blond mit einem Stich ins Rote. Meine Augen werden von einem dunklen Stahlblau beherrscht.

Meine Kindheit war grauenvoll. Die Anfeindungen begannen schon, als ich jung und verletzlich war. Die Erzieher verteidigten mich nicht, und auch nicht die Lehrer, die eigens bei uns den Unterricht abhielten, damit wir uns im weiter entfernten Ort nicht unter die „normalen“ Kinder mischten. Dabei hatte ich nichts Lächerliches an mir. Es war nur die Furcht, die ich verbreitete. „Psycho“ nannten sie mich, wenn sie mal gut drauf waren, was selten der Fall war, ansonsten hieß ich „Monster“.

Ich wurde härter gemobbt als die anderen Jungs, weil sie sich vor mir gruselten. Und manchmal hatte ich selber Angst vor mir. Schubweise schien mein Blut zu brodeln und etwas drängte darauf, auszubrechen. Körperlich wurde ich nicht angegriffen. Ich glaube, die anderen spürten, dass ich dann völlig ausgetickt wäre. Aber die verbalen Attacken reichten schon.

Wenn ich allein war und meine Augen schloss, sah ich eine andere Welt. Sie bestand aus farbigem Licht mit nicht identifizierbaren, aber wohlgeformten Schemen. Und wenn mein Ich darin versank, spürte ich Frieden und Sicherheit. Ich wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte. Andere Male wiederum befand ich mich in einer Düsternis, in einem bodenlosen kalten Loch, und fühlte mich wie verdammt. Das konnte tatsächlich nicht normal sein. War ich deshalb in einem nicht normalen Waisenheim?

Doch dann, an diesem Geburtstag, traf mich blitzartig die Erkenntnis: Ich könnte einen Schlussstrich ziehen, aufstehen und gehen. Und mir damit das beste Geschenk überhaupt machen: Dem Leiden entkommen.

Wohin ich sollte, wusste ich nicht so genau. Auch nicht, wieso mich dieser Mut auf einmal überkam. Einfach nur weg und schauen, was passiert. Ich hörte ein paar Stimmen aus dem Schlafsaal gegenüber, wahrscheinlich würfelten sie wieder. Das würde die Jungs eine Weile beschäftigen und ich hätte freie Bahn. Von den Betreuern war weit und breit nichts zu sehen.

Ich schaffte es, unbemerkt ins Vorzimmer des Direktors zu gelangen und aus der Schublade der Sekretärin zweihundert Dollar zu entwenden. Es war früher Nachmittag, Mrs. Monk war aus unerfindlichen Gründen nicht im Raum und die Gelegenheit war günstig.

Nach dieser Tat stahl ich mich in die Küche, die ebenfalls menschenleer war, denn das Mittagessen war vorbei und das Geschirr stand abgespült an seinem Platz. Ich schnappte mir ein paar Äpfel, übrig gebliebene Sandwiches und eine große Flasche Wasser und stopfte alles in meine Jackentaschen, die über viel Stauraum verfügten. Ich würde ansonsten mit sehr leichtem Gepäck reisen: den Sachen, die ich am Körper trug. Das waren eine Jeans, ein graues T-Shirt, ein paar alte Turnschuhe und ein dunkelblauer Parka. Von der hinteren Küchentür aus wollte ich locker hinausspazieren. Entweder ich hatte Glück oder nicht.

Ich überquerte den sandigen Hof, kletterte über den Zaun und landete auf der Straße. Dahinter lag ein abgeerntetes Feld und anschließend begann gleich ein Wald. Ich hatte tatsächlich Glück, und selbst nach zwei Tagen hörte ich weder Hundegebell noch Leute, die nach mir riefen. Niemand verfolgte mich. Meine Flucht war von Anfang an so glattgelaufen, dass es schon beinahe unheimlich war. Vielleicht waren sie einfach nur froh, mich los zu sein.

Und das Schicksal meinte es weiterhin gut mit mir, obwohl es erstmal nicht danach aussah: Ich traf ein Mädchen auf einer Lichtung. Ihr Alter war schwer zu schätzen, vielleicht sechzehn oder achtzehn. Sie war klein und zierlich, hatte lange, schwarze Haare und bernsteinfarbene Augen. Dazu eine feine Nase und ausgeprägte Lippen. Die Anmut in Person: schlank und geschmeidig in ihren Bewegungen, dennoch gut durchtrainiert. Aber meine anfängliche Freude verflog, denn sie war nicht unbedingt freundlich.

„Da bist du ja endlich! Wurde Zeit, dass du aufkreuzt!“, platzte sie mir nichts dir nichts heraus.

Ich traute meinen Ohren nicht. Bevor ihre Worte bei mir einsickern konnten, setzte sie gleich forsch nach:

„Ich habe dich vor ein paar Tagen in einem Traum gesehen, darum bin ich hier. Ich muss dir zeigen, wer du bist und wo du herkommst.“

„Ach, wer bin ich denn außer James Braverson, genannt Jamie, weggelaufen aus einem Waisenhaus und nun konfrontiert mit einer Göre, die einen auf wichtig macht?“

„Braverson? Interessant … Aber du bist auch ein Zauberer. So viel fürs Erste. Komm mit.“

Diese Information schleuderte sie mir förmlich entgegen. Auf meine Äußerungen ging sie nicht im Mindesten ein. Und irgendwie erschreckte mich mein angeblicher Status als Zauberer nicht. Als ob ich so etwas Paranormales schon geahnt hätte. Das würde erklären, warum die anderen Kinder mich gemieden oder fertiggemacht hatten. Ein magischer Freak also!

Mehr sagte sie nach diesem Geplänkel nicht, lief einfach vor und ließ mich folgen. Sie nannte noch nicht mal ihren Namen, obwohl ich mich gleich vorgestellt hatte. Und wie reagierte ich darauf? Ich nahm es hin, dass plötzlich ein sonderbares Mädchen auftaucht und mir solche Ungeheuerlichkeiten an den Kopf schmeißt. Denn ich war neugierig.

Sie führte mich ein Stück durch die Wildnis von Mississippi, bis zu einer kleinen Hütte an der Biegung eines Baches. Drinnen brannte ein Feuer im Kamin, ansonsten war es düster. An einem Eisenhaken hing ein schwarzer, gusseiserner Kessel über dem Feuer. Das Mobiliar war grob gezimmert und in den Regalen stapelten sich uralte Bücher und Einmachgläser mit absonderlichem Inhalt. Zwei zierliche schwarze Katzen lagen auf dem Eisenbett. Als wir eintraten, betrachteten sie das Mädchen flüchtig. Wenn ich mich nicht irrte, nickten sie ihr sogar zu. Der Witz schlechthin war jedoch ein Fernseher in der Ecke. Hatte sie hier Empfang? Nicht schlecht. Die junge Dame verband geschickt alt und neu. Und wo war ihre Glaskugel?

„Ich habe keine Glaskugel. So ein Quatsch“, meinte sie, nachdem sie wohl eingehend meine Gedanken studiert hatte.

Gut. Ich musste also aufpassen, was ich dachte. Auch, dass ich sie anziehend fand, obwohl sie so eine Kratzbürste war.

„Schließ deine Augen“, befahl sie.

Ich tat es. Warum nicht, die Situation war sowieso total verrückt. Dann drehte sich alles in meinem Kopf. Ich verlor den Halt und fiel zu Boden, wo ich mich an den Holzdielen festkrallte. Immer noch kreiste der Raum. Ich hatte das Gefühl, mitsamt den Dielen abzuheben und zu fliegen. Ich wusste noch nicht einmal, ob das Mädchen bei mir war. Bis ich einen leichten Druck an meiner Hand spürte. Kurze Zeit später stand die Welt still.

Ich öffnete meine Augen und erkannte, dass wir uns nicht mehr in der stickigen Hütte aufhielten. Wir saßen auf einem runden, flachen Stein am schmalen Strand eines Sees. Saftiges Gras und Büsche reichten teilweise bis ans Ufer, und hätte die Sonne geschienen, wäre das Wasser tiefblau anstatt dunkelgrau gewesen. Ich drehte mich um und sah das Grün in Hügeln ansteigen. Und ich bemerkte eine Burg aus grauen Steinquadern vor dem verhangenen Himmel, deren Türme spitze Kegeldächer hatten – wie Zaubererhüte. Eine frische Brise trug eine Melodie aus einem komisch klingenden Instrument zu uns, das wie eine jaulende Katze klang.

„Das nennt sich Dudelsack“, belehrte sie mich.

Dudelsack, grüne Hügel, grauer Himmel, eine alte Burg – wir mussten uns in Schottland befinden. Vom Mississippi nach Schottland in ein paar Minuten? Was für eine Reise war das denn?

„Komm!“, befahl sie und hüpfte wie eine Elfe den Hügel hoch.

Sie drehte sich zu mir um, und als sie feststellte, dass ich immer noch am Wasser stand, schüttelte sie genervt den Kopf. Ich war von der malerischen Kulisse so angetan, dass ich mich nicht von der Stelle bewegte.

„Komm!“, dröhnte ihre Stimme erneut. Aber diesmal in meinem Kopf.

Das konnte sie also auch: Direkt in mein Hirn sprechen. Ich setzte mich in Bewegung, aber mir fiel der Aufstieg nicht so leicht wie ihr. Bei ihr wirkte es, als würde sie kaum den Boden berühren. Ich dagegen kroch fast, dabei war ich wirklich nicht unsportlich.

Sie war mir immer noch voraus und schritt zielstrebig auf die Burg zu. Wahrscheinlich der Ort, von dem aus die Dudelsackmusik herkam. Ich stolperte hinterher und war mir meiner peinlichen Lage bewusst. Ich gab mir alle Mühe, ihr schneller zu folgen. Doch meine Beine waren schwer wie Blei, und meine Brust fühlte sich an, als läge ein zentnerschwerer Felsbrocken darauf. Trotzdem kam ich dem alten Gemäuer näher. Ich konnte erkennen, wie das Mädchen durch ein hölzernes Tor ging. Nach einer Ewigkeit stand ich ebenfalls davor. Ich zögerte kurz, dann schritt ich hindurch.

Hatte ich mir wirklich vorgestellt, dass ich dieses Tor passiere und in eine andere Welt eintrete? Ich wurde enttäuscht. Es war kühl, recht dunkel und roch leicht muffig. Ich erkannte allerdings, dass ich mich in einer großen Halle befand, von der aus eine breite Treppe nach oben führte. An ihrem Fußende waren zwei Sessel platziert. Auf der anderen Seite sah ich einen Lichtschein und steuerte darauf zu. Dort hoffte ich, das Mädchen zu finden, das mich frecherweise allein gelassen hatte.

Der Schein wurde stärker, je näher ich kam. Das Licht leuchtete aus einem Raum, dessen Tür offen stand. Ich schaffte es trotz meiner Kraftlosigkeit dorthin und trat über die Schwelle.

Der Raum war voller Katzen in allen möglichen Fellfarben, Fellzeichnungen und Größen. Sie saßen auf Sofas und Sesseln, auf Tischen und Kommoden und schauten auf eine kleine, schwarze Katze mit bernsteinfarbenen Augen in ihrer Mitte. Diese sah mich an, als sie mich entdeckte, und der Blick kam mir bekannt vor. Die anderen drehten sich nach mir um und starrten mich ebenfalls an. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Spannung lag in der Luft. Ich hatte das Gefühl, Gelee zu atmen. Alles drehte sich und ich fiel in Ohnmacht.

Als ich zu mir kam, lag ich wie ein Käfer auf dem Rücken – und zwar wieder in der Holzhütte. Auf meiner Brust hatte es sich eine Katze gemütlich gemacht und fixierte mich. Eine andere schnurrte mir ins Ohr. Das Mädchen beugte sich über mich.

„Wie geht es dir?“, fragte sie. Es hörte sich sogar freundlich an.

„Ganz gut, wirklich. Ich würde nur zu gern wissen, was das genau war, was ich erlebt habe. Ich war hier, dann in Schottland in einer alten Burg inmitten einer Katzensession und jetzt bin ich wieder hier.“

„Was fragst du? Du hast es doch gesehen. Ich habe dich mitgenommen, damit der Clan einen Blick auf dich wirft“, sagte sie.

„Was für ein Clan?“

„Der Clan der Zauberer und Hexen von Loch Lomond.“

„Aber das waren Katzen!“

„Sicher. Wir sind Katzen.“

„Du bist doch keine Ka …“

Und mitten im Satz sah ich ihr in die bernsteinfarbenen Augen. Das waren die Augen der kleinen, schwarzen Katze.

Die Lage war schon eigenartig. Zahllose Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Aber sie würde mich nicht umfassend aufklären. Sie grinste und nickte.

Ein geheimnisvolles Katzen-Mädchen hatte mich in einem Traum gesehen. Warum hatte sie nicht von Mäusen geträumt? Warum war ein Clan von Zauberern und Hexen aus Schottland auf mich aufmerksam geworden? Und was wussten sie, was mir noch nicht klar war?

Ich sah das Mädchen an. Diese Bernsteinaugen … Sie hatte natürlich meine Gedanken genau verfolgt und lächelte immer noch.

„Was wollt ihr von mir?“, fragte ich unumwunden.

„Wir wollen, dass du nach Hause kommst. Wir brauchen dich.“

Kapitel 2

„Starr mich doch nicht so an, Jamie!“, sagte das Mädchen nach einer Weile ungehalten. „Was glaubst du, woher du diese Kräfte hast, von denen du noch nicht einmal etwas weißt? Du gehörst zu einem der mächtigsten Zauberer- und Hexen-Clans und darfst uns nicht im Stich lassen. Ich will dich nicht zwingen, uns zu helfen, ich bitte dich viel lieber darum. Wir möchten, dass du aus freien Stücken bei uns bist, darum bin ich mit dir hierher zurückgekommen. Du sollst dich bewusst für uns entscheiden, dann reisen wir wieder hin. Das wäre deine Chance, mehr über dich zu erfahren. Außerdem kannst du froh sein, dass du dein wahres Zuhause gefunden hast. War dieses Waisenheim etwa so toll?“

„Was habe ich in diesem Waisenheim eigentlich zu suchen gehabt, wenn ihr doch meine Familie seid? Wer hat mich da ausgesetzt?“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

„Und diese Hütte hier … habt ihr die angemietet, um mir näher zu sein? Hatte dir dein Traum tatsächlich diese Gegend und den Zeitpunkt unseres Zusammentreffens gezeigt?“

„So in etwa …“, antwortete sie und hüllte sich dann wieder in Schweigen.

Was sollte ich nur tun? Gut, sie bat mich – sehr nachdrücklich – um Hilfe für ihre Familie, die ebenso meine war. Aber wie konnte ein Katzen-Clan meine Familie sein? Ich war ein Mensch. Oder nicht? Vielleicht konnte sie mir wenigstens ihren Namen verraten.

„Ich heiße Suzanna, aber nenn mich Suzie.“

„Und weiter?“

„Nur Suzie.“

„Freut mich Suzie Nur Suzie.“

„Sehr witzig.“

„Sei doch nicht so! Kannst du nicht verstehen, dass ich wie auf glühenden Kohlen sitze? Du machst so ein Geheimnis um dich und diese ganze Situation. Wie kann es sein, dass ich zu euch gehöre? Soweit ich weiß, wurde ich nicht als Kater geboren. Ich würge definitiv keine Fellknäuel aus.“

Sie verzog verächtlich ihren Mund. „Der Zeitpunkt der ersten Verwandlung ist bei jedem von uns unterschiedlich.“

„Ich bin also genetisch anscheinend eine Mischung aus Katze und Mensch. Und nun? Was kann ich für euch tun? Weißt du, ich wusste schon immer, dass ich irgendwie seltsam bin. Aber so anders? Okay, sag mir, was du von mir willst.“

Diese Frage zauberte ein breites Lächeln auf ihr Gesicht. Sie taute immer mehr auf.

„Unser Clan wurde herausgefordert. Wir haben seit Jahrhunderten einen mächtigen Feind. Lange Zeit war es uns möglich gewesen, ihn im Zaum zu halten; durch bestimmte Beschwörungen und dicke Kerkerwände. Aber er ist entflohen und plant Unheilvolles. Er hat eine Botschaft geschickt, die uns alarmiert hat.“

„Lass mich raten, es ist ein Dobermann und er hat euch einen riesigen Haufen in einem Pappkarton zukommen lassen“, bemerkte ich.

„Das ist nicht komisch, Jamie. Aber nein, es ist kein Hund, auch wenn es für dich naheliegend ist“, erwiderte Suzie gequält. „Es ist ein uraltes Wesen. Wir glauben, dass es einmal ein Mensch war, der sich durch den übermäßigen Gebrauch von schwarzer Magie verändert hat. Diese Veränderung vollzog sich sehr, sehr langsam. Zuerst wandelte sich sein Charakter, dann sein Aussehen. Nach fast neunhundert Jahren konnte man an ihm nichts Menschliches mehr feststellen. Es hat kein Gewissen, es kennt keine Moral. Es verursachte zum Beispiel die Pest im 14. Jahrhundert, den Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert und unzählige Hungersnöte, um nur einiges zu nennen. Es ist darauf aus, die Weltbevölkerung zu dezimieren und Angst und Schrecken zu verbreiten. Aus purer Vernichtungslust, aber auch, um einfacher über die Menschheit herrschen zu können.

Unser Clan hatte es durch eine List gefangen. Seit über einer Woche ist es nun frei. Und wir wissen nicht, wie es das geschafft hat. Falls es Hilfe hatte, kann ich nur hoffen, dass es keiner von uns war. Denn dann könnten wir uns gegenseitig vor lauter Misstrauen die Augen auskratzen. Falls es Kräfte gesammelt hat und aus eigenem Antrieb unseren Bann brechen konnte, ist es noch stärker, als wir uns vorstellen können. Wir stehen vor der größten anzunehmenden Katastrophe. Wir bieten eine beachtliche Anzahl an exzellenten Zauberern und Hexen auf, aber diese Situation erfordert etwas absolut Außergewöhnliches. Und das bist du.“

Ich fühlte mich geehrt, aber gleichzeitig hilflos. Wenn dieses Monster so leicht abhauen konnte, war es wirklich sehr mächtig. Und wenn es einen Verräter gab, sah die Sache ebenfalls nicht besonders gut aus, denn dann vereinigten sich zwei gefährliche Energien.

„Wir müssen testen, wozu du fähig bist. Vertraue deinem Können, auch wenn du seine Grenzen noch nicht erprobt hast.“

„Wie? Und wann geht´s los?“, fragte ich Suzie.

„Jetzt gleich. Ich bringe dich in unsere Burg, wo du eine Weile bleiben wirst. Das mit dem Test wird mein Onkel Rufus arrangieren. Er ist das Clan-Oberhaupt. Ihr beiden da hinten … verwandelt euch, ich möchte euch vorstellen!“

Die anderen zwei Katzen, die sich vor dem Kamin ausgestreckt hatten, standen auf und wurden in Bruchteilen von Sekunden zu Menschen, indem sie sich um ihre eigene Achse drehten. Sehr hübsche Menschen übrigens: zwei junge Mädchen im Teenageralter. Sie sahen Suzie ziemlich ähnlich.

„Das sind meine kleinen Schwestern Stella und Felina. Lass dich nicht von ihrem zarten Äußeren täuschen, die beiden sind knallharte Kämpferinnen und überaus talentierte Hexen.“

„Meine liebe Suzie, ich werde bestimmt nicht den Fehler begehen, irgendjemanden von deiner Sippe zu unterschätzen.“

„Meine Sippe ist auch deine Sippe … vergiss das nie. Bist du bereit? Wir reisen auf Katzenart.“

„Du meinst diese Karrusselfahrt, dieses Fliegen und dann an einem See aufwachen?“

„Genau. Schließ deine Augen.“

Wieder begann der Raum, wie verrückt zu kreisen. Kurz darauf hatte ich das Gefühl, zu fliegen und etwas später öffnete ich meine Augen und befand mich an diesem See. Diesmal fühlte ich mich schon nicht mehr so benommen wie beim ersten Mal.

„Geht doch!“, registrierte Suzie und machte sich mit ihren beiden Schwestern auf, zur Burg zu laufen.

Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Ich blickte in die gleiche Richtung wie Suzie und erkannte in etwa einhundert Metern Entfernung ein Mädchen, etwa in meinem Alter, das sich zügig näherte. Schließlich blieb eine rothaarige Schönheit mit veilchenblauen Augen vor mir stehen, die betörend nach etwas Süßlichem duftete, und redete gleich drauflos.

„Wie seid ihr denn so plötzlich aufgetaucht? Das sah ja alles sehr seltsam aus.“

„Das war nicht seltsam“, fing Suzie an. „Der See bringt manchmal erstaunliche Phänomene hervor, Lichtspiegelungen und so. Wir sind gewandert und sind jetzt hier angekommen.“

„Ich weiß, was ich gesehen habe. Aber wenn ihr meint, so ein Geheimnis draus zu machen … Ich heiße Louise. Kann ich mit euch gehen?“

Das war nun echt aufdringlich, doch irgendwie interessant. Die traute sich was! Ich schaute sie unverwandt an.

Während Suzie eine mystische, dunkle Ausstrahlung besaß und sehr rassig aussah, war Louise wie eine Fee: hell, zart, fast durchscheinend. Ihr langes, lockiges Haar fiel elegant über ihre Schultern. Aber trotz ihrer feinen Züge wirkte sie kraftvoll. Ihr Gesicht war mit Sommersprossen übersät, was ihr zudem etwas Freches verlieh und zu ihrem Auftritt passte. Andererseits hatte sie auch etwas Aristokratisches an sich. Kurz: Es war um mich geschehn – und das blieb den Katzen-Ladys nicht verborgen.

Suzie sah mich missbilligend an. Sollte sie etwa eifersüchtig sein? Sie hatte mir nie gezeigt, dass sie eine besondere Sympathie für mich hegte. Stella und Felina kicherten wie Teenager – was sie ja waren.

„Das geht nicht, Louise. Wir wollen zu dieser Burg da oben. Sie gehört meiner Familie und Fremde haben meine Verwandten nicht so gern. Tut mir leid“, schmetterte Suzie ihr an den Kopf.

Aber Louise ließ nicht locker.

„Bitte, ich bin ziemlich erschöpft. Heute schaffe ich den Weg ins Hotel nicht mehr. Ich muss etwas essen und trinken. Hier … mein Rucksack ist schon ganz leicht. Ich habe meine ganzen Snacks aufgegessen und mein Wasser ist alle. Nur eine Nacht, das wird doch gehen, oder?“

Suzie und ihre Schwestern wechselten bedeutungsvolle Blicke. Ich war der Meinung, dass sie mal eine Ausnahme machen könnten. Wenn Suzie vorauslief und die Familie darum bat, ging es vielleicht. Dazu müssten sich nur alle in Menschen verwandeln. Suzie hatte meine Gedanken erfasst.

„Meinetwegen … ausnahmsweise. Ich bin Suzie. Ich geh mal vor und sag meinen Leuten Bescheid. Stella und Felina, ihr kommt mit. Jamie kann noch bei dir bleiben. In ungefähr einer halben Stunde könnt ihr hochkommen“, sprach sie und marschierte mit den beiden Teenies los.

Louise setzte sich auf den runden Stein und blickte auf den See. Was war das nur für ein merkwürdiges Mädchen? Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen penetrant. Und warum traf sie hier zeitgleich mit uns ein?

„Ich finde, der Loch Lomond ist der schönste See Schottlands. Was meinst du?“

„Ja, ganz nett.“

Louise grinste. „Wie heißt du?“

„James Braverson. Oder kurz: Jamie.“

„Jamie gefällt mir besser.“

„Mir auch. Hast du einen Nachnamen?“

„Jeder hat doch einen. Sheer. Wieso fragst du?“

„Ach, nur so …“ Mann, konnte ich dämliche Fragen stellen. „Bist du ganz allein hier?“

„Nein, meine Eltern wohnen in einem kleinen Hotel am Ostufer. Sie lassen mir ziemlich freie Hand. Ich habe mich nur ein wenig mit der Zeit verkalkuliert. Der See ist doch größer, als ich dachte. Und du bist mit Suzie verwandt? Du siehst ihr und den beiden anderen Mädchen gar nicht ähnlich.“

„Sehr entfernt verwandt. Ich komme aus den Staaten. Suzie, Stella und Felina haben mich abgeholt, damit ich diesen Zweig der Familie kennenlerne. Ich bin schon sehr neugierig.“

Louise betrachtete mich und schmunzelte. Um ihrem intensiven Blick zu entkommen, schaute ich auf meine Uhr.

„Ist noch nicht so weit“, sagte sie.

„Willst du deine Eltern nicht benachrichtigen?“

„Ich habe kein Handy. Aber sie machen sich nicht so leicht Sorgen.“

„Das ist aber sehr ungewöhnlich!“

„Mag sein, aber ich kenne es nicht anders.“

Die halbe Stunde war zwar noch nicht um, aber es verunsicherte mich, mit ihr alleine zu sein. Einerseits war ich nervös, andererseits fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Ich entschied mich, aktiv zu werden.

„Ich glaube, wir können uns jetzt nach oben wagen!“

Dort angekommen verschnauften wir erst mal, denn ein Spaziergang war es nicht gerade gewesen. Als wir vor dem Tor standen, öffnete es sich wie durch Zauberhand.

Louise kommentierte dies nicht, als wäre es ganz normal, dass ein Tor so aufging. Diesmal empfing mich keine dunkle, kühle Halle, sondern eine hell erleuchtete und von den vielen brennenden Kerzen angenehm erwärmte Umgebung.

Zu meiner Überraschung kam ein Begrüßungskomitee auf uns zu. Natürlich Menschen. Einer von ihnen, ein überaus gut aussehender Mann mittleren Alters mit braunen Augen und grauen Schläfen trat hervor.

 

Verirrter Stern

Kapitel 1

Ist das der Tod?, fragte sich Alba.

Sie lag auf dem Rücken und starrte an die weiße Stuckdecke. Der seltsame Traum hing ihr noch nach.

Einer von vielen Träumen, die sich ähnelten. Sie handelten einerseits von weißen Stränden, tropischen Bäumen, stillen Seen und schwindelerregend hohen Wasserfällen.

Andererseits von runden Gebäuden auf Stelzen, fliegenden Fahrzeugen und hochgewachsenen Menschen, die auf breiten Alleen flanierten, gehüllt in flatternde Gewänder.

Warum sollte das der Tod sein, du tickst nicht richtig, dachte sie.

Weil es in einer Fernsehsendung mal hieß, dass Menschen während einer Nahtoderfahrung glücklich gewesen waren, sagte sie sich.

Quatsch. Nur weil ein Traum schön ist, muss er nichts mit dem Ende zu tun haben …

Alba schloss den inneren Dialog ab und drückte sich vom Sofa hoch.

Zeit zu duschen. Ihre platinblonde Mähne fiel ihr strähnig ins Gesicht und ihre Kleidung klebte am Körper; in letzter Zeit schwitzte sie im Schlaf. Ob in der Nacht oder, wie jetzt, nach einem üppigen Mittagessen – wenn sie aufwachte, musste sie sich waschen.

Sie schälte sich aus Jeans, Pullover, Unterwäsche und Socken, lief ins Bad und ließ sich vom warmen Wasser der Regenwalddusche berieseln. Das war ein Luxus, den sie überaus schätzte. Zu den Annehmlichkeiten ihres Lebens gehörten ebenso ihre gemütliche Anliegerwohnung im Ostflügel der elterlichen Villa, der schwarze Mini Cooper und ein Kleiderschrank voller Designerstücke.

Als Haut und Haare schamponiert und abgespült waren, trocknete sie sich ab und schlüpfte in frische Sachen. Sie war mit Louis verabredet, deshalb fiel ihre Wahl auf Jeans und ein kariertes Hemd. Louis, ihr guter Freund seit der Schulzeit, war Philosophiestudent und legte keinen Wert auf schicke Klamotten. Sie konnte es also entspannt angehen lassen.

In einer Stunde war sie mit ihm im Wintergarten-Café verabredet. Auch wenn genug Zeit war, würde sie garantiert zu spät kommen. Das kannte er schon von ihr. Irgendetwas kam immer dazwischen – die Suche nach einem Parkplatz, Stau auf dem Kurfürstendamm oder das Leben an sich.

Alba war weder gut organisiert noch besonders geschickt. Louis hatte sich schon oft gewundert, dass sie noch lebte, bei den unzähligen Missgeschicken, die ihr widerfuhren. Aber er konnte nicht ständig bei ihr sein, um sie zu beschützen. Er konnte ihr nur den Halt geben, den die Eltern ihr nicht vermittelten. Meistens jedenfalls …

Albas Mutter, Juliane Müllerstein, zog sich am liebsten in ihr Atelier zurück, wenn ihr Mann auf Geschäftsreisen war. Und da er sich sehr oft im Ausland aufhielt, lebte Juliane fast die ganze Zeit inmitten von Leinwänden und Farbtöpfen.

Alba besuchte sie dann und wann in diesem grellbunten Refugium, was jedoch nicht hieß, dass sie auch wirklich Zugang zu ihr fand.

Die Mutter ging geistig und der Vater physisch auf Wanderschaft … Ihre Eltern waren selten für sie greifbar, obwohl sie Alba auf ihre Art liebten und verwöhnten.

Geschwister? Fehlanzeige. Albas soziale Kontakte begrenzten sich auf das Hauspersonal, das so oft wechselte, dass sie sich nicht mal die Namen merken konnte, auf oberflächliche Bekanntschaften und früher auf ihre Klassenkameraden. Und natürlich auf Louis, der immer für sie da war, wenn sie einen verlässlichen Vertrauten brauchte.

Alba schaute auf die alte Standuhr. Viertel nach fünf. Sie hatte noch eine dreiviertel Stunde Zeit bis zum Treffen im Wintergarten. Das reichte sicher, um ihrer Mutter vorher kurz Hallo zu sagen.

Die Wohnung hatte einen Eingang zur Auffahrt und eine Tür zum Hauptgebäude. Alba schnappte sich ihren Daunenmantel, lief durch die schmale Verbindungstür in die marmorne Empfangshalle und bog ab in Richtung Westflügel. Dort hatte sich Juliane ihr Atelier eingerichtet.

Als Alba klopfte und unaufgefordert eintrat, blickte sich ihre Mutter nicht einmal um.

„Und? Was wird das?“, erkundigte sich Alba, als sie über Julianes Schulter hinweg das Bild inspizierte.

„Der neue Flughafen im Licht der Zukunft!“ Juliane legte den Pinsel beiseite und fädelte einzelne Strähnen ihres roten, langen Haares ins Gummiband. Dann strahlte sie ihre Tochter mit leuchtenden, grünen Augen an. „Schön, nicht?“

„Auf jeden Fall …“ Alba fand, dass das sehr optimistisch formuliert war. Der neue Flughafen war weit davon entfernt, eine Zukunft zu haben.

Sie betrachtete die violetten Linien, roten Kreise und gelben Quadrate und bewunderte die Kreativität ihrer Mutter, die sich auch in ihrer lässigen und kunterbunten Kleidung widerspiegelte. Sie selber hatte weder eine künstlerische Ader noch irgendeine Vorstellung, wie ihre Zukunft aussehen sollte.

Seitdem Alba mit zwanzig das Abitur geschafft hatte, überlegte sie, welche Tätigkeit für sie die Richtige sein könnte. Nach sieben Jahren mehr oder weniger konzentrierten Nachdenkens war sie zu keiner Lösung gekommen.

Studium? Warum nicht. Aber was sollte sie studieren? Sie interessierte sich für vieles, aber nicht wirklich so, dass es sie begeisterte. Ein Handwerk? Bei ihren zwei linken Händen und Füßen lebensgefährlich. Eine kaufmännische Ausbildung? Das passte irgendwie nicht zu ihr.

Sie spürte auch keinen Druck; ihre Familie besaß Geld und hatte zu Erziehungsfragen eine lasche Einstellung. So konnte Alba wie in einem Kokon superbequem in den Tag hineinleben.

Wenn nur nicht dauernd dieses Gefühl an Alba nagen würde, dass sie sich im falschen Film befand. In der Villa war dieser Eindruck nicht so heftig zu spüren, aber sobald sie draußen unterwegs war, kam sie sich vor wie auf einem fremden Planeten. Es war zu albern. Sie kannte niemanden, dem es so ging wie ihr.

Es lag nicht an Berlin. Es lag an ihr selbst. Sie konnte sich und anderen einfach nicht erklären, was genau sie bedrückte, verwirrte und ständig dieses Angstgefühl auslöste.

War das der Grund, warum sie von einem Paradies träumte? Würde ein Urlaub sie aufbauen? Kurzzeitig auf jeden Fall, doch irgendwann wäre sie erneut in diesem beängstigenden Gemütszustand.

„Ich treffe mich mit Louis, kann spät werden …“, verkündete Alba.

„In Ordnung! Amüsier dich, mein Sternchen!“

Alba drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Schläfe und verließ den Raum. Im Wagen blickte sie auf ihre Armbanduhr, bevor sie startete. Oh, oh … zu spät, fuhr es ihr durch den Kopf.

Kapitel 2

Louis war in ein Buch von Sartre vertieft, als Alba nahte. „Geschlossene Gesellschaft“ – das passte zu dem Thema, das er mit ihr besprechen wollte. Er hatte den Tisch im Erker ergattern können, seiner Meinung nach der beste im ganzen Lokal.

Hin und wieder wurde er von Touristen gestört, die sich dazusetzen wollten, doch er konnte sie erfolgreich abwehren. Und nun war Alba da, sein Augenstern.

Das Gardemaß von einem Meter achtzig, die lilablauen Augen und diese Haare … Albas Erscheinung sorgte dafür, dass die meisten Gäste des Cafés sich nach ihr den Hals verdrehten.

Vielleicht lag es auch daran, dass sie bei dem Versuch, sich durch die Tischreihen zu lavieren, zwei mit Jacken behängte Stühle fast umwarf, und um ein Haar ein Weinglas in den Schoss einer älteren Dame gefegt hätte.

Beinahe wäre sie über einen lethargischen Labrador gefallen, konnte im letzten Moment aber das Gleichgewicht halten. Sie entschuldigte sich rundum bei allen, die sie gestört hatte, auch beim Hund, und schaffte die restlichen Meter unfallfrei bis zu Louis´ Tisch.

„Sorry, bin etwas spät …“, eröffnete sie Louis.

„Nichts wirklich Neues …“

„Es tut mir immerhin jedes Mal leid!“

„Lass es einfach. Was möchtest du trinken?“ Louis winkte die Bedienung heran.

„Milchkaffee, Wasser und einen Prosecco, bitte!“

„Und für mich einen Tee, danke …“, ergänzte er die Bestellung und die Kellnerin zog von dannen.

„Ich hab ´nen Riesendurst in letzter Zeit …“, rechtfertigte sich Alba.

„Das ist nicht weiter Besorgnis erregend. Wie geht es dir ansonsten?“

„Gut … na ja … Ich habe diese Träume, weißt du … Und dann wache ich schweißgebadet auf, obwohl es eigentlich keine Albträume sind.“

„Mach dir keine Gedanken, das ist normal.“

„Normal? Was meinst du damit? Habe ich gesagt, dass ich verrückt bin?“

„Ach, nichts!“ Louis war die Bemerkung so rausgerutscht. Er wollte Alba schonend vorbereiten. Er fühlte, dass sie jetzt reif war für wichtige Informationen.

„Was verbirgst du vor mir?“

„Alba, schau …“, begann Louis unsicher – und genau das tat sie. Ein junger Mann erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit.

Er saß in der Nähe des Eingangs auf der linken Seite und fixierte sie.

Alba blickte in große, braune Augen. Sekunden später stellte sie fest, dass er kurze, dunkelbraune Haare hatte und sehr schlank war. Er trug einen dunkelblauen V-Pullover und darunter ein weißes T-Shirt. Mehr konnte sie auf die Entfernung nicht erkennen.

Louis bemerkte Albas faszinierten Gesichtsausdruck und drehte sich um. Was er sah, gefiel ihm nicht. Der Typ war cool. Zu cool für seinen Geschmack … Marke Womanizer.

Alba hatte ihm oft von den Männern erzählt, die sie kennengelernt hatte und mit denen sie ein paar Mal ausgegangen war. Natürlich verriet sie ihm nicht alles, aber Louis machte sich keine Sorgen. Er spürte genau, wenn es harmlos war. Und Alba hatte stets seine Gesellschaft vorgezogen.

Louis wusste, dass das Band zwischen ihnen zu stark war, als dass eine andere Person sich zwischen sie drängen konnte. Es lag in der Natur der Sache. Alba und er waren Freunde von Kindesbeinen an; doch im Unterschied zu ihm wusste sie nicht, warum ihre Verbindung so tief war.

Schon vor Tagen hatte er mit ihr sprechen wollen, denn die Anzeichen wurden immer offensichtlicher – ihre Träume, das übermäßige Schwitzen und das Schimmern ihrer Haut. Auch diese Tollpatschigkeit, die Alba ein Leben lang begleitete, schien schlimmer zu werden. Er hätte ihr längst erklären sollen, was mit ihr los war.

Inzwischen war die Kellnerin an den Tisch gekommen und verteilte die Getränke. Das lenkte Alba zum Glück so ab, dass sie nicht dauernd zum Unbekannten hinschaute.

Louis süßte seinen Tee mit Zucker während Alba erst den Milchkaffee und dann das Wasser in sich hineinschüttete. Bevor sie das Glas Prosecco an die Lippen führte, prostete sie Louis kurz zu und hatte es in Nullkommanichts ausgetrunken.

Der junge Mann ein paar Tische weiter hatte die rasante Flüssigkeitsaufnahme amüsiert verfolgt und lächelte Alba ungeniert an. Zu Louis´ Missfallen zwinkerte Alba ihm zu.

„Was geht hier eigentlich ab? Könntest du dich bitte mal auf mich konzentrieren?“

„Tut mir leid … äh … aber … da hinten …“

„Ich habe ihn auch gesehen, Alba. Aber du bist mit mir verabredet und dein Verhalten ist absolut unhöflich!“

„Nun tu mal nicht so, Louis! Wenn du eine Frau toll finden solltest, hätte ich bestimmt nichts dagegen, wenn du mit ihr flirtest! Wir glucken andauernd zusammen, was schön ist. Aber man hat ja auch mal andere Interessen …“

„Er wäre nicht gut für dich!“

„Was? Du kennst ihn doch gar nicht! Wie kannst du so etwas sagen? Was ist nur los mit dir? Du hast nie etwas dagegen gehabt …“

„Aber der … ich weiß nicht … Sonst siehst du Männer nie so an …“

„Der ist eben anders … Und überhaupt … sonst bist du nie so eifersüchtig!“

„Ich bin nicht eifersüchtig, ich bin nur …“

Bevor Louis zu Ende reden konnte, stand der Mann vor ihnen, in der einen Hand ein Glas Rotwein, in der anderen seine Jacke.

Louis hatte ihn gar nicht kommen sehen und ihm fiel fast die Kinnlade runter. Alba hingegen hatte durchaus bemerkt, dass er sich ranpirschte, und schmunzelte.

„Hi, ich bin Colm! Colm Macleary.“

Der Typ schien ebenso von Alba gefesselt zu sein, wie sie von ihm.

„Hallo, Colm, setz dich zu uns!“

Louis war entsetzt über die Impertinenz dieses Mannes und Albas Reaktion darauf. Mehr noch – er war entgeistert über ihren plötzlichen Mangel an Zurückhaltung. Sie war immer vorsichtig und schüchtern bei Fremden gewesen … Wo sollte das hinführen?

„Ist es dir auch recht?“, fragte Colm, zu Louis gewandt.

„Von mir aus …“, murmelte Louis unfreundlich.

„Er meint es nicht so, Colm. Heute ist nicht sein Tag …“, antwortete Alba rasch, wohl wissend, dass das nicht fair gegenüber Louis war. Sie hatte beinahe ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihren Freund betrachtete.

Louis zupfte an seinem Dreitagebart am Kinn herum, fuhr sich mit beiden Händen durch das rotblonde Haar und atmete tief aus. Er beschloss widerwillig, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Er konnte sowieso nichts daran ändern.

Colm legte seine Jacke über die Stuhllehne, stellte sein Glas ab und nahm Platz.

„Ich weiß, dass ich ein wenig aufdringlich erscheine, aber ich hatte den Eindruck, dass ich willkommen sein könnte“, entgegnete er in Albas Richtung.

„Nun ja, da hast du nicht ganz unrecht … Ich lerne gern neue Leute kennen. Wo kommst du her, Colm?“

„Ich stamme aus Dublin. Meine Mutter ist Irin und mein Vater Schotte. Ich bin oft in Berlin und beherrsche die Sprache inzwischen ganz gut, doch mein Akzent verrät mich jedes Mal.“

„Oh, das ist ja interessant! Ich wollte schon immer mal nach Irland … du kannst mir sicher viel darüber erzählen!“

„Gerne, aber fangen wir erstmal mit dir an – wie heißt du eigentlich?“

„Alba. Alba Müllerstein. Und das ist Louis Wenzelbach.“

„Alba? Das ist der gälische Name für Schottland!“

„Alba bedeutet ‚die Weiße‘ oder auch ‚Morgenröte‘, warf Louis ein und schickte giftige Pfeile aus seinen blaugrauen Augen in Colms Richtung.

Colm blickte nervös zwischen Alba und Louis hin und her.

„Ähm … vielleicht sollte ich lieber gehen …“

„Aber nein, Colm! Trink was mit uns!“, beschwichtigte ihn Alba und gab der Bedienung ein Zeichen.

Kapitel 3

Louis war verzweifelt.

Zwei Wochen waren seit dem schrecklichen Treffen im Wintergarten vergangen. Unendlich lange zwei Wochen, in denen er Alba nicht gesehen hatte. Nur gelegentlich gab es eine SMS oder ein kurzes Telefonat. Mehr nicht.

Alba, die Unbeholfene, fuhr mit Colm kreuz und quer durch Berlin. Schleppte ihn vom Prenzlauer Berg zum Hackeschen Markt und vom Grunewaldsee zum Britzer Garten. Führte ihn durch Galerien und Boutiquen, durch Bars und Cafés.

Ausgerechnet Alba, die Ziele in der Stadt nur durch Zufall fand, beim Einparken mehr Glück als Verstand hatte und den Vorgänger ihres Mini ganz nonchalant im Springbrunnen am Ernst-Reuter-Platz versenkt hatte.

Louis vermutete, dass sie sich Stadtplan und Reiseführer besorgt hatte und diese Lektüre als Spickzettel benutzte, um Colm zu imponieren. Und er konnte drauf wetten, dass Colm das wusste und charmant fand.

Dieser Mistkerl!

Colm hatte ihm Alba gestohlen – die ideale Partnerin, die für Louis gedacht war.

Louis liebte Alba seit Langem. Er wurde ihr im Kindesalter zur Seite gestellt, und von diesem Moment an hatte er sie in sein Herz geschlossen. Pflicht und Vergnügen waren in diesem Fall ein und dasselbe.

Seine Gedanken kreisten immer stärker um sie. Die Eifersucht plagte ihn. Und die Unsicherheit.

Auf sein Studium pfiff er in letzter Zeit, obwohl er sonst gern zur Uni ging. Philosophie hatte er aus keinem besonderen Grund gewählt, mehr aus einer Laune heraus, aber irgendwie gab es ihm etwas.

Ob er seinen Bachelor of Arts machte, stand allerdings in den Sternen. War auch egal. Wenn er Glück hatte, stellte ihn das Kultur-Magazin, bei dem er gelegentlich arbeitete, fest ein. Dann konnte er endlich den Kellnerjob an den Nagel hängen, mit dem er sich seinen Lebensunterhalt verdiente.

Wohnen in der City war teuer, doch er hatte es mit seinem Einzimmerapartment in Charlottenburg ganz gut getroffen. Die Vermieterin war nicht auf Abzocke aus und hatte ein Herz für Studenten.

Louis´ Leben war schön gewesen, auch wenn er Alba seine Gefühle bisher nicht hatte offenbaren können. Denn dann hätte er einiges mehr erklären müssen – ihre Herkunft und Albas Abstammung. Es hing alles zusammen: der Auftrag, die Liebe, die Bestimmung.

Alba hatte ihn zwar immer als Freund betrachtet, aber Louis war sich sicher, dass sie sich irgendwann in ihn verliebt hätte. Ihre bisherigen Affären waren für ihn nicht weiter beunruhigend gewesen. Er konnte die jeweilige Situation ganz gut einschätzen, und eine Gefahr spürte er nicht. Dazu kannte er Alba zu gut.

Aber diese Geschichte mit Colm … die war anders. Hätte er nur eher was gesagt, dann hätte Alba wahrscheinlich keine Augen für einen Typen wie ihn gehabt.

Am Abend hatte Louis die Spätschicht im Restaurant am Ludwigkirchplatz und er hoffte, dass ihn die Arbeit ablenken würde. Außerdem waren die Trinkgelder nicht zu verachten.

Arbeiten und hoffen. Und am nächsten Tag Alba anrufen und mit Bestimmtheit um ein Rendezvous bitten. Ja, genau so. Eine Aussprache war fällig. Er musste die Katze aus dem Sack lassen, dann würde sie verstehen.

Vielleicht ließ sich das Blatt zu seinen Gunsten wenden.

 

 

Versteinerte Zukunft

Kapitel 1

Yumiko konnte es nicht erwarten, ihre neue Haut anzuprobieren. Sie hatte im winzigen Vorraum des Modeateliers Platz genommen. Jeden Moment würde die Schiebetür zur Seite gleiten …

Sie musste nur peinlich darauf achten, das Gewand nicht als Haut zu bezeichnen, denn Madame Mitsouko hatte extra betont, dass es sich um das feinste Bio-Gewebe handelte, das die Wissenschaftler je erfunden hatten. Es wäre keine „simple“ Haut, erklärte sie, sondern ein Material, das sich nur so anfühlte und eigenständig seine Temperatur regulierte, um immer das angenehmste Körperklima und den höchsten Komfort zu vermitteln. Darüber hinaus war es auch Schmutz abweisend, dieses Wunderwerk der Forschung.

Man konnte durchaus von einem Wunderwerk sprechen, dachte Yumiko. Dieses Bio-Gewebe wechselte Farben und Muster und spiegelte somit die Stimmung des Trägers wider.

Ein gedämpftes „Wusch“ riss Yumiko aus ihrer Versenkung. Madame Mitsouko stand im Türrahmen und winkte sie zu sich.

„Kommen Sie!“

Yumiko erhob sich und folgte ihrer Einladung. Das Atelier war ebenso klein wie der Warteraum. Madame Mitsouko benötigte nur eine Nähmaschine, ein Kissen, einen Tisch, einen mannshohen Spiegel, Schere, Nadel, Faden und ein Metermaß. Das Bio-Gewebe wurde ihr auf Anfrage geliefert, sodass sie kein Lager brauchte.

Mitsouko räumte das Kleidungsstück vom Tisch und hielt es Yumiko an den Körper.

„Bin gespannt, was Ihre erste Farbe sein wird …“

Yumiko streifte ihre alte, zerschlissene Haut ab – in Gedanken konnte sie diese Hülle ja so nennen – und wickelte sich in ihre neue.

Der Schnitt war der eines Yukata, eines Kimonos, der Jahrhunderte zuvor ein legeres Gewand für Männer und Frauen darstellte. In seiner Einfachheit hatte es sich als ideale Bekleidungsform durchgesetzt; das Leben war kompliziert genug, niemand wollte sich jeden Tag fragen, was man denn bloß anziehen sollte, und keiner verfügte über Platz für eine Garderobe, die sich nach Jahreszeiten und Anlässen richtete. Darum ein Gewebe und ein Schnitt für alle Menschen und alle Gelegenheiten.

Die Wissenschaftler hatten damit nicht nur ein innovatives Material entwickelt, sondern zugleich eine Revolution der gesellschaftlichen Normen und Verhaltensweisen eingeleitet – und ein Ende des Markenterrors.

Als der schmale Gürtel zugebunden war, drehte sich Yumiko vor dem Spiegel und das durchsichtige Material wurde zunächst rosa, dann fliederfarben und wechselte schließlich zu einem dunklen Kirschrot. Nach einer Minute entstanden feine weiße Blütenmuster am Saum, die sich bis zur Taille zogen.

Das Kirschrot schmeichelte Yumikos blassem Teint und ihren blauschwarzen Haaren, die zu einem kurzen Pagenkopf geformt waren.

Haarschnitte stellten im Jahr 2546 das letzte Zugeständnis ans Styling dar; die Herstellung von kosmetischen Pflege- und Deko-Produkten wurde vor einhundert Jahren verboten. Die Ressourcen seien rar und damit zu kostbar geworden, um sie für solche Äußerlichkeiten zu vergeuden, so die Meinung der damaligen Regierenden. Kurzhaarfrisuren hingegen waren gern gesehen, weil die abgeschnittenen Haare als Füllmaterial für Kissen und Decken verwendet werden konnten.

„Sehr schön, ich hoffe, es bleibt eine Weile so!“ Yumiko war begeistert.

„Es steht Ihnen hervorragend. Und wie perfekt es mit Ihrem Schuhwerk harmoniert …“, erwiderte Mitsouko mit Blick auf die schwarzen Gummistiefel, die sich um Yumikos Waden schmiegten; für diese Passform hatte sie einiges berappen müssen, doch Qualität zahlte sich aus.

In diesem Moment änderte sich Mitsoukos Gewand von hellgelb zu dunkelblau und Wellen lösten das Schilfrohrmotiv ab.

„Oh, zauberhaft …“, lobte Yumiko.

„Danke … genug der Komplimente. Jetzt habe ich gerade Glück. Wenn es beige wird, brauche ich gar nicht mehr aus dem Haus zu gehen“, sagte sie lachend. „Da bin ich ja fast unsichtbar.“

Yumiko zupfte ihre Halskette aus dem Dekolleté und legte einen der beiden daran befestigten Chip-Anhänger auf Mitsoukos Lesegerät.

Der Betrag von 10.000 Yen leuchtete auf und ließ Mitsoukos Augen strahlen. Für ein wenig Näharbeit war das ein guter Verdienst. Andere Schneiderinnen nahmen weniger, aber die waren eben nicht so präzise wie sie. Gleich würde der Bote mit der nächsten Gewebelieferung erscheinen; und wenige Stunden später eine weitere Kundin.

Madame Mitsouko brachte Yumiko zum Ausgang.

„Dann sehen wir uns das nächste Mal in circa zwanzig Jahren!“

„Mal schauen, Madame Mitsouko, könnte auch früher werden!“

Yumiko trat in den Fahrstuhl und schwebte zehn Stockwerke hinunter. Das Haus war für hiesige Verhältnisse niedrig. Bis zu dreißig Etagen waren der Standard und das war hart an der Grenze, wenn man die ständigen Beben bedachte. Selbst die Bambusbauweise und die Thermofolien für Wände, Fenster und Türen konnten nicht verhindern, dass schwerere Erdstöße Schäden anrichteten.

Da sie spät dran war, hielt sie eine Rikscha an und kletterte auf den Sitz; normalerweise wäre sie gelaufen.

Am liebsten würde sie sich so ein chromblitzendes Fluggerät kaufen. Ein Traumteil, das Privilegierten und Staatsbediensteten vorbehalten war. Wenn sie genug Geld gespart hatte, dann … Aber 200.000 Yen, das würde bei ihrem Gehalt von läppischen 2.000 Yen monatlich und den superhohen Miet- und Lebenshaltungskosten über sechzig Jahre dauern.

Sie hatte in der Schule gelernt, dass die Waren in uralten Zeiten genauso teuer waren wie heute, denn anders als erwartet, hatten sich die Preise wieder auf das Niveau von damals eingependelt. Trotz einer Währungsreform, die weltweit die gleichen Preise vorschrieb. Wegen nationaler Befindlichkeiten durfte jedes Land allerdings seinen Währungsnamen beibehalten.

Sehnsüchtig und neidisch schaute sie auf, als ein Jüngling über sie hinweg düste. Sie schwärmte für das schnittige Fahrgestell in Form eines Torpedos. Nur Lenker und Fußhalter ragten heraus; das Bedienungsfeld war im Rumpfteil integriert. Sie malte sich aus, wie berauschend ein Flug über der Stadt wäre … mit wehender Haut … nein, Gewand … ach, egal …

„Wohin?“ Der Rikschafahrer holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Zum ‚Ice Cream Kiss‘ bitte, das ist …“

„Ich weiß, wo das ist!“, unterbrach er sie schroff.

„Ein bisschen höflicher bitte!“, forderte sie ihn auf und wollte gerade zu einem Vortrag über gutes Benehmen ansetzen; es reichte ihr langsam, dass die Leute immer muffeliger wurden.

Aber als sie in sein Gesicht blickte, machte ihr Herz einen kleinen Sprung. Wie ebenmäßig es war … Was für glänzende Haare und was für glatte Haut er hatte … Und diese Augen … Die breiten Schultern waren ihr bereits aufgefallen, aber die meisten Rikschafahrer waren ja durchtrainiert. Auf die Gesichter hatte sie nie geachtet. Ein Fehler, wie sie nun feststellte.

„Tut mir leid. Heute ist nicht mein Tag …“, gab er zurück, trat in die Pedale und manövrierte zügig an den anderen Rikschas vorbei.

Kapitel 2

„Da wären wir …“

Der Fahrer war noch nicht mal außer Puste geraten, als er nach zwanzig Minuten vor dem „Ice Cream Kiss“ stoppte. Yumiko stieg aus und drückte einen der beiden Chips an das Lesegerät, das am Lenkrad befestigt war.

„Arbeiten Sie hier oder ist das ein Date?“

Yumiko war über so viel Direktheit verblüfft. Sie angelte nach den passenden Worten.

„Äh … ja …“

„Date?“

„Natürlich Arbeit!“

„Wenn es so ist – bis bald!“ Und schon radelte er davon.

Yumiko sah ihm noch verdutzt nach. Sie war ganz durcheinander … dieser Kerl, also wirklich. Doch für einen kurzen Moment hatte er ihr Herz aus dem Takt gebracht.

Mit weichen Knien lief sie in das Café, das zu den wenigen Lokalen auf ebener Erde gehörte; ein Vorzug, weil man sich nicht in einen Fahrstuhl zwängen musste. Zu diesem seltenen Luxus kam noch ein entzückender Garten dazu. Paradiesisch. Aber Haru, der Inhaber, gehörte zur Präsidentenfamilie, und da genoss man eben Vorteile. Jung, dynamisch, erfolgreich und eingebildet war er. Er beschäftigte nur hübsche Frauen, tat gönnerhaft und zahlte schlecht.

Die Kundschaft war reich, mindestens gehobene Mittelschicht. Die günstigste Platte mit Eis-Variationen kostete 100 Yen, und der Laden brummte. Wie sollte ein Bürger mit einem durchschnittlichen Einkommen sich das leisten? 100 Yen waren immerhin fünf Prozent von Yumikos Gehalt! Geschweige denn ein Rikschafahrer … Und sein Gesicht tauchte vor ihrem geistigen Auge auf.

„Da bist du ja endlich!“ Haru hatte sie mit seinen Adleraugen erspäht und bugsierte sie hinter den Eis-Tresen.

„Misaki hat sich einen Kunden geschnappt und gekündigt. Ab jetzt übernimmst du ihren Platz! Für deine Tische haben wir eine Neue eingestellt.“

Na super. Der Job hinter dem Tresen brachte kein Trinkgeld ein. Wie hatte es Misaki nur geschafft, dass ein gut situierter Knacker auf sie aufmerksam wurde, hier, hinter Glas?

Yumiko atmete tief durch und gehorchte. Zu allem Überfluss wechselte ihre Haut die Farbe – von diesem sagenhaften Kirschrot zum gefürchteten, wenig schmeichelnden Beige. Sie hätte heulen können. Und wo blieben die Muster? Es kamen keine. Jetzt bin ich praktisch unsichtbar, dachte sie.

Stunde um Stunde verging. Sie arrangierte Eiskugeln und Dekorationen aus seltenem Obst und bunten Glassteinen und reichte sie ihren Kolleginnen.

Um zehn Uhr wäre ihre Schicht zu Ende gewesen, doch Haru zwang sie, eine Stunde länger zu bleiben. Yumiko fluchte innerlich, konnte sich jedoch kein Aufmucken leisten. Andere Mädchen würden für diesen Job töten, drohte Haru immer. Leider stimmte das. Im Café konnte man nicht nur Geld verdienen, selbst wenn das Gehalt bescheiden war, sondern auch begüterte Männer kennenlernen und dadurch in eine höhere gesellschaftliche Klasse aufsteigen.

Als es elf wurde, erlöste Haru sie endlich. Die letzten Gäste waren gegangen. Yumiko machte sich auf, das Lokal zu verlassen.

„Ach übrigens … du hast dieses Wochenende Dienst! Dafür schenke ich dir einen Tag Urlaub übermorgen. Freu dich!“

Yumiko hätte Haru glatt eine scheuern können. Ausgerechnet am Wochenende! Sie hatte für Samstag einen Ausflug ans Meer geplant. Sie liebte die Weite und die Wellen; da konnte sie durchatmen. Außerdem war das Wochenende am stressigsten, da kamen die Familien mit ihren quengelnden Kindern ins Lokal. Was nützte es ihr, wenn sie Freitag freihatte? Nichts. Sie hatte eigentlich vorgehabt, am Wochenende mit einer energiebetriebenen großen Rikscha zu fahren, weil die dann billiger waren als unter der Woche. Das konnte sie jetzt vergessen.

„Danke, Haru … wie freundlich …“, brummte sie beim Rausgehen, in der Gewissheit, dass er die Ironie nicht verstand.

Dieser Schnösel, dieser widerliche … Der Tag hatte so gut begonnen – auf ihre Haut hatte sie lange hingespart und sie heute endlich kaufen und anziehen können. Dann war sie auch noch einem schönen Rikschafahrer begegnet. Sie lächelte. Das waren schon zwei Highlights gewesen. Vielleicht sollte sie davon zehren …

Sie schlug den Weg zu ihrer Minibehausung ein, die nur zwei Wohnblocks vom Café entfernt war.

Aus einem anfänglichen Nieseln wurde ein kräftiger Guss. Nicht alle Straßen waren befestigt und Yumiko stampfte nach wenigen Sekunden durch gelbbraunen Schlamm. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und ihre Haare klebten an den Wangen. Einzig die neue Haut und ihre wetterfesten Stiefel waren ein Lichtblick.

„Hey, warten Sie!“

Yumiko drehte sich um und versuchte, im Dunkeln eine Person zu der Stimme auszumachen. Aus der Seitenstraße vernahm sie ein Quietschen und erkannte unter dem Laternenlicht, wie sich eine Rikscha näherte.

„Ich kann Sie nach Hause bringen …“ Es war ihr Fahrer!

Halt … ihr Fahrer? Was ging nur in ihrem Kopf vor? Sie kämpfte dagegen an, sich nicht von seinen schwarzen Augen in den Bann ziehen zu lassen und schaute demonstrativ auf seine Haut, die mitternachtsblau und ansonsten musterlos war. Eine Frau einfach auf der Straße anzusprechen … machte man das? Aber andererseits …

„Nein danke, es ist nicht weit.“

„Es regnet!“

„Das habe ich bemerkt, stellen Sie sich vor! Was machen Sie hier eigentlich?“

„Habe in der Nähe Gäste abgeliefert …“

„Wirklich?“

„Sicher, oder denken Sie, ich laufe Ihnen nach?“

„Sie sagten ‚bis bald‘ als sie sich heute Morgen verabschiedeten, deshalb …“

„Falsch! Steigen Sie ein … Freifahrt!“

Okay. Es gab Schlimmeres, als sich von einem attraktiven Kerl kostenlos nach Hause chauffieren zu lassen. Yumiko stieg ein und nannte ihre Adresse.

„Ich bin Hiroto. Und du?“

„Yumiko … freut mich …“

Der Regen und die morastigen Wege machten die Fahrt mühselig und ständig sprangen ihnen auch noch Fußgänger vor die Räder, um sie zum Anhalten zu bewegen; niemand wollte laufen. Doch Hiroto blieb hart. Er wollte Yumiko so schnell wie möglich ins Trockene bringen.

Schließlich kam er vor dem Haus zum Stehen.

„Hier wohnst du also …“

„Ja, und ich möchte mich bei dir bedanken. Wie wär´s mit einem Tee?“

„Oh, zu viel der Ehre! Aber gern!“

Hiroto sicherte sein Fahrzeug mit einem Magnetring an einem Rikscha-Ständer und lief mit Yumiko ins Haus. Sie nahmen den Fahrstuhl, der permanent von Energie durchflutet wurde, und rauschten zum 23. Stock hoch. Bevor sie eintraten, zogen sie ihre Stiefel aus und stellten sie vor die Wohnungstür.

Yumiko bewohnte einen Multifunktionsraum: abgetrennter Wasch- und Toilettenbereich, Hängeschrank und Herd, Schlafplatz mit aufgerolltem Futon und einer Truhe. Dazu die Tokonoma, eine Nische, in der ein Tischchen sowie eine Schriftrolle aus Bio-Gewebe mit wechselnden Kalligrafien untergebracht waren. Yumiko bat ihren Besucher hinein, stellte sich an den Herd und bereitete Tee zu.

„Hübsch!“, äußerte Hiroto, als er sich umschaute. „Ich wohne am anderen Ende der Stadt und meine Wohnung ist nicht so groß wie deine.“

„Mit zwölf halbwegs bezahlbaren Quadratmetern im Zentrum der Hauptstadt kann ich mich fast glücklich schätzen; anderen geht´s schlechter. Aber so war es doch seit Urzeiten, nicht wahr?“

„So müsste es nicht sein.“

„Wir sind zu viele und Wohnraum ist knapp. Das wird sich auch in Zukunft nicht bessern. Ich frage mich nur, wie unser Volk eines Tages hausen wird. Man hatte gedacht, das Problem löst sich auf biologische Weise … aber von wegen!“

Yumiko platzierte den Tisch in die Mitte, stellte zwei Schälchen darauf und goss Tee aus einer gusseisernen Kanne ein. Sie setzten sich einander gegenüber.

„Oh … ich wusste nicht, dass es diese Kannen noch gibt …“, bemerkte er erstaunt.

„Die war schon immer in meiner Familie, meine einzige Erinnerung an meine Eltern …“

„Waise?“

Yumiko nickte.

„Ich auch. Meine Eltern sind vor Kurzem gestorben. Ich habe ein wenig Geld geerbt und mir davon die Rikscha gekauft. Ich schlage mich ganz gut durch.“

Sie tranken schweigend. Yumiko genoss Hirotos Nähe. Er spürte es und rückte dicht vor sie. Der Moment war magisch …

„Du bist so schön …“ Er hielt ihren Blick fest und küsste sie zart auf die Lippen.

Yumiko war viel zu perplex, um sich zu wehren.

Heute Morgen noch ein frecher Fremder, jetzt ein Mensch, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Sie konnte nicht anders. Er küsste sie erneut, und diesmal erwiderte sie die Liebkosung. Langsam banden sie ihre Gürtel auf. Mit synchronen Bewegungen ließen sie ihre Häute von ihren Körpern gleiten, umarmten sich, gaben sich einander hin, verschmolzen miteinander …

Kapitel 3

Yumiko stand mit verträumtem Blick hinter dem Eis-Tresen und dachte an die vergangene Nacht. Ihre Haut war von diesem widerlichen Beige zu einem zarten Rosa mit grünem Fächermuster gewechselt. Sie hatte anscheinend eine Glückssträhne; nichts konnte ihr am heutigen Tag die Laune verderben.

Es ging hektisch zu, aber das kümmerte sie nicht. Haru scharwenzelte um ein paar hochgestellte Gäste herum und stellte ihnen Sakura vor, die Neue. Ein blutjunges, bildschönes Mädchen. Die Herren sabberten schon. Sakura würde nicht lange im „Ice Cream Kiss“ bleiben.

Eine Eisplatte nach der anderen verließ den Tresen und Yumiko verbrauchte viele Deko-Glassteinchen. Sie griff in die Schublade und kratzte den letzten Rest der bunten Dinger zusammen. Warum hatte Misaki nicht rechtzeitig für Deko-Nachschub gesorgt? Sie hatte sich doch recht gut mit Haru verstanden und ihre Arbeit immer gewissenhaft erledigt. Yumiko erwog, ihren Chef zu fragen, verwarf diese Idee jedoch wieder; er war im Garten beschäftigt und würde sie nur anschnauzen, wenn sie ihn störte.

Notgedrungen öffnete sie sämtliche Dosen, in denen noch Steine sein konnten. Sie untersuchte die Schränke an der Rückwand. Fehlanzeige. Beim letzten, unteren Schrank fiel ihr ein Holzbehälter auf. Sie blickte sich um, keine Kellnerin im Anmarsch, und ging in die Hocke.

Als sie den Deckel hob, entdeckte sie jede Menge von glitzernden Steinchen darin. Na also! Das war wohl die Sicherheitsreserve. Sie fischte ein paar heraus und packte sie auf die Arbeitsplatte. Jetzt konnten neue Bestellungen eintrudeln, sie war gewappnet.

Und die nächste Order kam prompt. Daraufhin schnitzte Yumiko aus einer Melone ein Schiffchen, wie sie es aus den Geschichtsbüchern kannte, und ließ die funkelnden Teile aufs Deck rieseln. Mehrere Kugeln Pfirsich- und Kirsch-Eis positionierte sie jeweils an Bug und Heck. Ganz bezaubernd!

In solchen Momenten guckte Haru natürlich nie. Typisch. Ein Lob hätte ihren Tag zusätzlich versüßt. Sakura holte sich die Platte ab, um sie zu servieren. Es dauerte nicht lange, und sie brachte sie bis auf die Melonenschale und die Glassteine leer zurück.

Aus hygienischen Gründen wurden immer nur frische Steine benutzt; die alten warf man weg. Yumiko fand diese aber eine Spur zu schillernd, um sie zu entsorgen. Sie sahen nicht wie die üblichen aus. Eine neue Sorte vielleicht.

Yumiko nahm die Steine in die Hand, wischte sie mit einem Tuch sauber und musterte sie eingehend. Sie waren durchsichtig weiß, rosarot, blau, grün und gelb. Einige hatten einen Durchmesser von ungefähr einem Zentimeter, andere zwei Zentimeter. Der Facettenschliff reflektierte das Licht und ließ sie verführerisch glitzern.

Aus dem Mülleimer klaubte sie zum Vergleich ein paar der alten Steine heraus. Diese wirkten fast stumpf dagegen. Das war verdächtig. Die übelsten Vermutungen schossen ihr durch den Kopf.

Yumiko hatte noch nie Edelsteine in natura gesehen; nur in Dokumentarfilmen auf den überdimensionalen Infoprojektionen. Konnten das welche sein? Sie wirkten echt. Wo hatte Haru die bloß her? Stammten sie von einem Überfall, an dem er beteiligt war, oder betätigte er sich nebenbei als Hehler?

Doch die wichtigste Frage lautete: Warum deponierte er sie ausgerechnet im Laden, und dann nicht einmal in seinem Büro, sondern an dieser exponierten Stelle? Dachte er, je öffentlicher desto unauffälliger? Vielleicht dachte er schlicht gar nichts. Wäre nicht das erste Mal. Was für ein Glück, dass er die ganze Zeit über anderweitig beschäftigt gewesen war und ihr nicht auf die Finger geschaut hatte.

Verstohlen lugte sie in die Kiste; hier handelte es sich offenbar um ein Vermögen. Sie fragte sich, ob es ihm auffiele, wenn ein paar Steinchen fehlten …

Sie wusch die Edelsteine, die sie für die Deko genommen hatte, und trocknete sie. Diese waren eindeutig zu groß, und so legte sie sie zurück in ihr Behältnis. Dann hörte sie Schritte und setzte ein freundliches Lächeln auf.

„Der Gast am Nachbartisch möchte auch so ein Schiff. Ich hole es in ein paar Minuten ab!“, flötete Sakura und verzog sich in den Garten.

Yumiko schuf eine weitere Kreation. Als das leer gegessene Tablett später von Sakura achtlos auf den Tresen geschleudert wurde, und die letzten Gäste sich verabschiedeten, wusste Yumiko, was zu tun war.

So eine Chance erhielt man nur einmal im Leben.

 

Sog des Blutes

Kapitel 1

Das würzige Aroma der Liebe hing in der Luft. Una MacFarley öffnete leicht die Lippen, als sie am Fenster ihres Hotelzimmers stand, und sog es ein.

Die Pubs hatten längst geschlossen und die Menschen gaben sich nun anderen Vergnügungen hin. Es wäre ein Leichtes, in eins der Häuser einzudringen und ein Pärchen zu erwischen, das seine Sinne auf Interessanteres gerichtet hatte. Zwei auf einen Streich, wie köstlich. Und wie romantisch im Schein des Juni-Vollmondes.

Zum Glück für die beiden hatte Una keinen Durst. Ihre letzte Mahlzeit lag fünf Tage zurück und die Sättigung würde noch ein paar Tage vorhalten. Der Mann war ergiebig gewesen. Ein aufreizender Gang, ein provozierender Blick – und schon kam das Abendessen von alleine anspaziert.

Una sah keinen Tag älter als fünfundzwanzig aus. Den Anblick ihrer langen, braunen Haare, ihrer grünbraunen Mandelaugen und der wohlproportionierten Figur genossen unfreiwillige Blutlieferanten allerdings nur kurz.

Eigentlich hatte sie den Vereinigten Staaten einen Besuch abstatten wollen, aber in letzter Sekunde änderte sie ihre Meinung. Una lockte es auf die Isle of Skye, die westlich des schottischen Festlands vom Atlantik umspült wird. Die Insel der inneren Hebriden, auch „Wolkeninsel“ genannt, hatte eine unvergleichlich zauberhafte Atmosphäre.

Sie war mit der Fähre angekommen und hatte in Portree in einem Hotel eingecheckt. Natürlich hätte sie über die Skye Bridge anreisen können, aber Una liebte es, auf dem Meer zu fahren.

Tageslicht und Sonnenschein waren für sie ungefährlich, und so genoss sie es besonders, unterwegs zu sein. Sie vermied es jedoch, sich am Tag zu lange draußen aufzuhalten, da es sie ermüdete.

Auch Kruzifixe, Weihwasser, Silber, Knoblauch oder heiliger Boden waren für sie nicht bedrohlich. Alles Märchen. Nur ein ins Herz getriebener Holzpflock und die Enthauptung führten zum Vampir-Tod.

Armer Angus.

Ein angespitztes Stückchen Baum hatte sie und ihn für immer getrennt. Er war ihr Schöpfer und Geliebter gewesen und sie hatte noch so viel von ihm lernen wollen. Indessen zerfiel er zu einem Häufchen Staub und sie erfuhr lediglich ein paar Basisinformationen über das Vampir-Dasein. Zum Beispiel, dass jeder Vampir, neben den gängigen Fähigkeiten, über eine individuelle Gabe verfügte.

Una schloss das Fenster und verbannte die Nacht aus dem gemütlichen Zimmer; das Treiben um sie herum hatte sie sentimental gemacht. Sie holte ihr neues Taschenbuch aus ihrer Reisetasche hervor. Neugierig darauf, es zu lesen, hatte sie auf einen nächtlichen Streifzug über die Insel verzichtet.

Es handelte sich um eine romantische Komödie der jungen Autorin Ginevra Nolan, die mit diesem Debütroman einen Bestseller gelandet hatte.

Una betrachtete das Foto auf der Rückseite des Buches und schätzte die Abgebildete auf Anfang zwanzig. Nun wollte Una herausfinden, wie gut die junge Dame tatsächlich schrieb. Die Vampirin hatte in über zwei Jahrhunderten Tausende von Büchern verschlungen, tat es nach wie vor wöchentlich, und erkannte literarische Qualität auf den ersten Blick.

Die Geschichte fing vielversprechend an, aber nach drei Seiten stutzte Una. Ein Absatz kam ihr bekannt vor. Klang wie aus einem anderen Roman. Oder täuschte sie sich? Je mehr sie las, desto sicherer war sie sich: Hier war gnadenlos kopiert worden. Sie klappte das Buch zu und warf es verärgert auf die Matratze.

Una durchforstete ihr Gedächtnis und nacheinander tanzten Buchtitel vor ihrem geistigen Auge.

Auf einmal brachte sie, als passionierte Vielleserin, Ginevra Nolans angebliches Meisterwerk Stück für Stück mit anderen Romanen in Verbindung. So eine Schweinerei! Vor allem deshalb, weil diese „Schriftstellerin“ schamlos bei weniger bekannten Autoren gewildert und dabei auch noch haargenau die gleichen Sätze übernommen hatte.

Buchstäblich arme Poeten, die unter dem Radar der Öffentlichkeit flogen, hatten ihr als Quellen gedient. Aber in Ginevras Buch existierte weder ein Quellenverzeichnis noch eine Danksagung.

Ginevra Nolan hatte deren Geschichten gelesen und sich rücksichtslos bedient. Was für eine Masche … Wie unfair … Und das viele Geld erst, das sie mit ihrem sogenannten Bestseller scheffelte. Ginevra Nolan war eine Diebin geistigen Eigentums und indirekt ebenso eine Diebin von Tantiemen.

Ich muss ruhiger werden, dachte sich Una, die als Vampirin ihre menschlichen Emotionen beibehalten hatte. Ihre Wut flaute nicht ab. Sie bleckte ihre Fangzähne und ihr Magen knurrte, obwohl sie satt war.

Nur Blut konnte Una jetzt beschwichtigen, was ihr im Moment jedoch ganz und gar nicht in den Kram passte. Sie war schließlich nicht mit der Absicht hergekommen, jemanden anzugreifen; auch wenn der verführerische Duft der Liebespaare ihren Appetit angeregt hatte. Sie wollte einfach ein paar Tage Urlaub machen; und die Isle of Skye hatte sie magisch angezogen.

Nein, diese Insel sollte ihr kein Opfer liefern. Vielleicht eine andere?

Kapitel 2

Der Gestank in der alten Autowerkstatt im Edinburgher Stadtteil Stockbridge war hoch konzentriert. Neben Duftspuren von Benzin, Gummi, Stockflecken und Schimmel roch es beklemmend nach süßlicher Fäulnis. Obwohl Detective Inspector Steafan Moore und Detective Sergeant Gawyn Rutherford einiges gewohnt waren, erzeugte dieser Geruchs-Mix akuten Brechreiz. Jeder, der sich hier aufhielt, trug eine Schutzmaske – als ob das helfen würde …

Mobile Scheinwerfer warfen ihr grelles Licht auf drei leblose Wesen, die unter einem Reifenstapel hervorgezogen worden waren und sich in unterschiedlichen Verwesungsstadien befanden; teilweise auch mumifiziert. Der Raum und die Leichen wurden von jedem Winkel aus fotografiert.

Von Lichtkegeln umgeben wirkten die Leute von der Spurensicherung mit ihren weißen Schutzanzügen wie Gespenster. Sie bewegten sich scheinbar planlos, doch sie folgten einer gut einstudierten Choreografie. Dieses Horror-Ballett wurde von einer Kakofonie aus Ausrufen und Würgegeräuschen begleitet. DS Rutherford erbrach sein schottisches Frühstück bestehend aus gebratenen Würstchen, gebackenen Bohnen, gegrillten Tomaten und Pilzen sowie Rührei und Bratfisch vor dem Gebäude.

Der Gerichtsmediziner lief auf DI Moore zu, der am Eingang stand.

„Diese Männer sind keines natürlichen Todes gestorben, wie es scheint. Sie wurden gebissen und ausgesaugt“, war seine Eröffnung.

„Ach was!“, entgegnete ihm Moore. „Das hätte ich Ihnen auch sagen können. Selbst ein Laie und Fan von Vampirfilmen wäre zu diesem Schluss gekommen, so wie die aussehen.“

Steafan Moore und sein Sergeant gehörten zu den Ersten, die die Leichen in Augenschein genommen hatten. Eine Nachbarin hatte die Polizei wegen des Gestanks gerufen, und nachdem eine Streife mit zwei Mann das Tor aufgebrochen hatte, waren Moore und Rutherford auch schon eingetroffen. Der hochgewachsene, schlanke und blonde Detective Inspector und sein gedrungener, athletischer und schwarzhaariger Sergeant; zwei wie Tag und Nacht, nicht nur äußerlich.

„Aus meinem Mund ist es aber offiziell“, konterte Dr. John Dow und grinste.

Er war ein kleiner, hagerer Mann mit kahlem Schädel und blassblauen Augen, der sich in Anbetracht seines Nachnamens als Kind mit einer gehörigen Portion Humor wappnen musste, um Angriffe zu parieren. Drüber stehen und drüber lachen, war seine Devise.

John Doe wurden männliche Personen genannt, die man nicht identifizieren konnte. Unbekannte Leichen erhielten diesen Namen. Und da Dow und Doe gleich ausgesprochen wurden, brauchte John Dow sehr viel Humor. Als er Rechtsmedizin studierte, war der Doppelsinn perfekt. Ihm war selbst nicht klar, ob er diese Laufbahn unbewusst aus diesem Grund eingeschlagen hatte.

„Jetzt mal im Ernst. Wie erklären Sie sich das?“ Moore war auf die Antwort gespannt.

„Nun, meine Tochter würde sagen, dass hier tatsächlich ein Vampir zugange war. Aber sie lebt in ihrer eigenen Welt – Fantasy-Freak. Scherz beiseite. Ich gehe natürlich von profaneren Möglichkeiten aus. Von einem Serienkiller zum Beispiel, der gern ein Vampir wäre. Die Einstichstellen können mittels eines spitzen Gegenstands oder sogar mithilfe eines künstlichen Gebisses erzeugt worden sein. Und dann wurde das Blut abgezapft. Vampiristen wahrscheinlich. Ich muss die Leichen erst noch näher untersuchen. Nach der Autopsie kann ich mehr sagen.“

„Klar. Ich brauche Ihren Bericht so schnell wie möglich.“

Dr. Dow verabschiedete sich und stieß beim Rausgehen mit Sergeant Rutherford zusammen, der gerade hereinstolperte. Sein Gesicht war grau.

„Geht’s wieder, Gawyn?“

„Ja, Sir. Ich begreife nicht, warum ich so übel auf diese Leichen reagiere, sind ja nicht meine ersten.“

„Sie sind unheimlicher als alle, die ich bisher gesehen habe. Ich kann Sie verstehen. Wer macht bloß so was? Und warum?“

„Ein Monster macht so etwas, ein Irrer, der selber nicht weiß, warum er das tut! Sie sagen es: Diese Leichen sind unheimlich. Meine selige Mutter hat mir Geschichten erzählt, als ich ein Kind war. Schauermärchen von Untoten und so. Das könnte hier passen. Sie glaubte an solche Sachen. Ich auch – bis ich zehn war. Jetzt nicht mehr. Ich bin Realist.“

„Ich habe nichts anderes erwartet. Ich meine, ich weiß, dass Sie Realist sind. Das sind wir alle in diesem Job.“

So überzeugt von seiner Aussage war Steafan Moore allerdings nicht und erinnerte sich an seine Großmutter väterlicherseits, Rosamunde, und ihre Gruselgeschichten. Wie hatte er die Unterhaltungen mit ihr genossen! Dieser Mordfall wäre ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Er schmunzelte.

„Ist was, Sir?“

„Nein, nichts. Eigentlich ist es nicht komisch. Nur eigenartig. Wie ich Dr. Dow kenne, werden wir bald mehr wissen. Fangen Sie mit der Befragung der Nachbarn an. Jemand muss etwas gesehen oder gehört haben. Und finden Sie heraus, wer der Besitzer dieses Ladens hier war oder noch ist.“

Der Sergeant klopfte sich sein staubig gewordenes Jackett ab und verließ sichtlich erleichtert die Garage. Sie war ein sekundärer Tatort; getötet wurden die drei Männer woanders, was das Fehlen von Kampf- und Blutspuren bewies.

Steafan Moore wollte sich noch einmal umsehen, nachdem die Jungs von der Spurensicherung gegangen waren. Die Garage strotzte nur so vor Schmutz und um sich seinen neuen grauen Anzug nicht zu versauen, bewegte er sich so vorsichtig wie eine Katze.

Überall lag zentimeterhoch Dreck: auf Blechkanistern und Werkzeugen, auf Regalen und Arbeitsflächen, auf der Hebebühne und auf dem alten Schreibtisch. Selbst an den Ketten, die von der Decke hingen. Aber diese Stellen wirkten völlig unberührt. Nur die Fußspuren auf dem staubigen Boden und die Fingerabdrücke auf den Reifen waren beim Betreten des Raumes aufgefallen.

Moore und Rutherford hatten keine Spuren am Eingang gesichtet, als sie in die Garage traten. Die Fußabdrücke verliefen vom Reifenhaufen zur Rückwand. Nur … da gab es keine Tür. Vermutlich grenzte die Wand an die Rückseite eines anderen Gebäudes. Seltsam. Der Inspector blickte hoch und sondierte daraufhin die Deckenkonstruktion.

Moore ging von einem Mann als Täter aus; eine Frau hätte diese Männer nicht tragen können. Andererseits waren die Fußabdrücke so klein wie die einer Frau. Oder es handelte sich um einen zierlichen Mann – mit enormen Kräften. Das war nicht unbedingt das Unerklärliche, sondern vielmehr die Frage des Eindringens. Drei Mal war der Täter eingebrochen, ohne Einbruchspuren zu hinterlassen. Ein Rätsel.

Dann die Todesursache. Für seine Großmutter wäre der Fall klar gewesen. Zu gern hätte er ihr davon erzählt, leider lebte sie nicht mehr. Gesunder Menschenverstand und eine starke Vorliebe fürs Übernatürliche waren bei ihr kein Widerspruch.

Wie ein Meisterdetektiv hätte Rosamunde Moore blitzschnell kombiniert und ein Geschöpf der Nacht verdächtigt. Aber selbst zu Großmutters Zeiten nannte man das Wort „Vampir“ nicht in einem Atemzug mit einem Kriminalfall. Es hätte für den Ermittler Konsequenzen gehabt.

Es musste für alles eine plausible Erklärung geben, redete sich Moore ein. Wenn er Glück hatte, fand er im Archiv ähnliche Fälle. Ritualmorde vielleicht.

Lachhaft, wenn er dieses Phantom nicht erwischte. „Phantom“ war eine gute Bezeichnung, besser als Vampir. Phantom klang reeller.

Kapitel 3

Der Fund in der Garage hatte Gawyn Rutherford auch aus einem anderen Grund kalt erwischt.

Sein jüngerer Bruder Barnie war aus der geschlossenen Anstalt ausgebrochen und seit Wochen unauffindbar. Scheinbar war er irgendwo untergetaucht. Die Anstaltsleitung machte sich große Sorgen … und selbstverständlich Vorwürfe. Das Getöse einer Großstadt konnte Barnie unberechenbar werden lassen, und er könnte Menschen verletzen, sie sogar auf grausame Weise töten …

Barnie, ein Akrobat, war nicht mehr zurechnungsfähig seit seinem Unfall. Er war vom Trapez gestürzt und mit dem Hinterkopf unglücklich auf den Rand des Sicherheitsnetzes gefallen. Dadurch kam es zu einer Schädigung des Gehirns.

Gawyns und Barnies Mutter Linda war verzweifelt gewesen. Ihrem süßen Jungen, der sich von einem schmächtigen Kerlchen trotz seines kleinen Wuchses zu einem Kraftprotz entwickelt hatte, war so etwas Schreckliches zugestoßen. Der Kummer darüber hatte ihr das Herz gebrochen, und sie verstarb an einem Infarkt.

Gawyn besuchte Barnie so oft es ihm möglich war. Er hatte seiner Mutter geschworen, sich immer um ihn zu kümmern. Und nun war Barnie einfach ausgebüxt …

Gut, dass Mom das nicht mehr miterleben muss, dachte Gawyn.

„Bitte, bitte, lass es nicht Barnie gewesen sein …“

Kapitel 4

Ginevra Nolan sonnte sich in ihrem Erfolg – und das Licht einer extra für sie aufgestellten Designer-Leuchte umhüllte sie mit einer Art Glorienschein. Die Lesung in der renommierten Buchhandlung nahe des Trafalgar Square war fantastisch gelaufen, die Zuhörer hatten begeistert applaudiert.

War ja auch hervorragend, ihre literarische Komposition unterschiedlicher Provenienzen; kurz Plagiat genannt. Sie nahm an, so geschickt kopiert zu haben, dass man ihr nicht auf die Schliche käme.

Und überhaupt – wer durchstöbert auf purem Kopierverdacht hin einen Roman? Wer liest so viel und erinnert sich danach an einzelne Formulierungen? Keiner. Die Leute wollten unterhalten werden. Und genau das hatte sie ihnen geboten.

Die Fans, die vor einer dreiviertel Stunde ihren Worten gelauscht hatten, bildeten nun eine Schlange, um sich von der Senkrechtstarterin eine persönliche Widmung abzuholen. Es mussten an die achtzig Personen sein, schätzte sie, als sie über den Rand ihrer goldgerahmten Cartier-Lesebrille spickte.

Zur Lesung waren es definitiv mehr gewesen, aber ein paar waren aus der Buchhandlung geeilt, um ein Taxi zu erwischen. Es regnete in Strömen – typisch London im Sommer.

Hatte sie für Leute Verständnis, die aus solch einem schnöden Grund eine Veranstaltung mit ihr verließen?

Natürlich nicht.

Die Gelegenheit, ihr gegenüberzustehen, ihr Lächeln einzufangen, ihren teuren Duft einzuatmen, den Roman von ihrer Unterschrift veredeln zu lassen – das alles hatten diese Banausen verpasst. Auch ihre Schönheit aus nächster Nähe zu genießen, den Schwung ihrer langen, kupferroten Haare und das Blau ihrer Augen zu betrachten, war diesen Kretins entgangen.

Ginevra schüttelte ihre rechte Hand aus. Signieren war Schwerstarbeit und sie fragte sich, wann sie die Reihe ihrer Fans abgearbeitet haben würde.

Gefühlte hundert Bücher waren ihr unter die Nase gehalten worden; noch mal so viele schienen auf sie zu warten. Immer lächeln, keine Müdigkeit zeigen.

Sie hatte einen gewissen Grad an Berühmtheit erlangt, aber noch nicht die Spitze erklommen. Wenn man ihren Namen selbst in den entlegensten Winkeln dieser Welt voller Ehrfurcht aussprach, war sie am Ziel. Ihr Verlag war gefordert – sie brauchte wesentlich mehr Publicity.

Rover, dieser Trottel, legte sich nicht genug ins Zeug. Wenn das alles war, was die PR-Abteilung zu bieten hatte, dann gute Nacht! Vielleicht sollte sie ein weiteres Mal ein Wörtchen mit ihm reden. Letzte Woche erst hatte sie ihn vor seiner Sekretärin rundgemacht.

Ginevra verfügte trotz ihrer Jugend über eine Art, die Angst einflößend war.

Falls nötig, wandte sie noch andere Taktiken an: Sie konnte mit ihren Blicken Pfeile abschießen und einen mit herabsetzenden Beleidigungen und zynischen Bemerkungen bis ins Mark treffen. Sie würde Lester Rover auf die eine oder andere Weise schon weichkochen.

Ginevra unterschrieb im Akkord, nur unterbrochen von ein paar Fragen junger Mädchen, die sie erstaunlich freundlich beantwortete, angesichts ihrer angeborenen Ungeduld und des aufreibenden Tages, den sie hinter sich hatte. Ihre Leserschaft bestand zu einem beträchtlichen Teil aus Teenagern, warum auch immer.

Sie hatte ursprünglich nicht an ein Buch für eine jüngere Zielgruppe gedacht, sie wollte einen Beststeller „schreiben“ und damit schnell reich und berühmt werden.

Was lag da näher, als sich bei anderen Autoren „umzuschauen“, die ihrer Meinung nach originell und talentiert waren. Wenn eine romantische Komödie als Jugendbuch durchging – umso besser!

Automatisch flog ihr Stift über die Seiten, Buch für Buch, und dann, endlich, stand der letzte Fan vor ihr.

Zur Abwechslung mal ein hübscher junger Mann in ihrem Alter. Groß, schlaksig, mit schulterlangen, blonden Haaren und Dreitagebart. Seine Augen wirkten dunkel.

„Ich möchte Sie gern auf einen Drink einladen“, sprach er sie unumwunden an.

Ginevra war so perplex, dass ihr fast der Stift aus der Hand fiel. Und auch der Geschäftsführer der Buchhandlung und seine Assistentin horchten auf.

Sie hatten sich während der Lesung und der Signierstunde zwar dezent im Hintergrund, aber stets in der Nähe befunden, um Ginevra zu Hilfe eilen zu können, falls jemand aufdringlich wurde. Nun, das hatte sich ohnehin niemand erlaubt. Bis auf diesen Mann. Mr. Smith und Mrs. Greene rückten an und stellten sich hinter Ginevra.

„Ich habe etwas vor, tut mir leid“, flötete sie ihm zu und signierte dabei.

Sie wollte es ihm nicht zu leicht machen. Wenn er wirklich Interesse hatte, sollte er ihre E-Mail-Adresse herausfinden und sie erneut fragen.

„Man sieht sich immer zweimal“, versprach er lächelnd, nahm das Buch, das sie ihm hinhielt, und verließ das Geschäft.

Der wird nicht aufgeben, dachte Ginevra.

Zufrieden erhob sie sich, bedankte sich bei Mr. Smith und steckte den Umschlag mit ihrem Honorar ein. Sie schaute nicht hinein. 500 Pfund waren ausgemacht und sie hielt Mr. Smith für zu ehrlich, vielmehr für zu ängstlich, um sich nicht daran zu halten. Dieser Mann war doch der geborene Angsthase!

Sie eilte hinaus, steckte das Geld in ihre Prada-Tasche und begab sich auf den Weg zu ihrem Wagen, der in einer Seitenstraße geparkt war.

Der Regen hatte aufgehört, aber der Bürgersteig war voller Pfützen und sie sorgte sich um ihre High Heels. Wie ein Kind beim Spielen von „Himmel und Hölle“ hüpfte sie über die kleinen Teiche. Schließlich erreichte sie ihren Mini Cooper und fischte die Autoschlüssel aus der Tasche.

Als sie im Begriff war, die Wagentür aufzuschließen, legte sich von hinten eine Hand fest auf ihren Mund. Sie wurde brutal vorwärts gestoßen und dann mit unglaublichem Tempo die Stufen zum Eingang einer Souterrainwohnung hinuntergezerrt. Das bekam sie noch mit. Auch, dass ihr Herz wild klopfte.

Vor Panik und Sauerstoffmangel wurde ihr schwarz vor Augen und sie spürte nicht mehr, wie sie auf dem Boden aufschlug.

Sie würde nie wieder etwas spüren.

Kapitel 5

Unas revoltierender Magen hatte sich zwar noch in der Nacht entkrampft, aber ihr war diese Autorin nicht aus dem Kopf gegangen. Ungerechtigkeit war Una schon immer ein Gräuel gewesen. Es war Zeit, sich diese Frau zu schnappen und zur Rede zu stellen. Vielleicht ein bisschen zu beißen … was ja zwangsläufig passieren würde, wenn die Emotionen hochkochten.

Ohne geschlafen zu haben, kletterte sie aus dem Bett und duschte. Ruhen reichte oft aus, um neue Energie zu tanken. Danach zog sie sich an.

Ihre große Reisetasche musste nicht gepackt werden, denn Una hatte sie gar nicht erst vollständig ausgeräumt. Das Bargeld blieb für alle Fälle sowieso immer drin.

Nach ihrem „Besuch“ in der Barclays Bank hatte sie erstmal wieder genügend Geld für die nächsten Monate. Durch Mauern zu gehen war wirklich ein unschätzbares Talent und was sie in Händen hielt, gelangte auf wundersame Weise ebenso hindurch.

Ihre Reisetasche begleitete sie seit vielen Jahren; nicht so wie deren Inhalt, den sie ständig austauschte. Oft warf sie getragene Sachen in einen Müllcontainer und kaufte sich neue. Zum einen, weil sie die Blutflecken ihrer Opfer nicht auswaschen wollte, zum anderen, weil sie meinte, weniger aufzufallen, wenn sie immer anders gekleidet war.

Bis auf eine funktionelle Basisgarderobe in gedeckten Tönen benötigte sie nichts, achtete jedoch immer darauf, dass ihre Kleidung mit der jeweiligen Mode ging. Das schloss auch Unterwäsche, Schuhe und eine Handtasche mit ein.

Für Schmuck hatte sie kein Faible. Und Make-up verwendete sie nicht, da sie auch ungeschminkt hinreißend aussah.

Das Geld, das ihr zur Verfügung stand, gab sie für Hotelzimmer, Transportmittel und Kleidung aus. Ein Nomadenleben war teuer, obwohl sie gern auf Achse war.

Was sie an diesem Leben bedauerte, war Bücher wegzuwerfen. Das tat ihr richtig weh. Würde sie es aber nicht tun, hätte sie im Lauf der Zeit einen ganzen Waggon hinter sich herziehen müssen.

Als sie fertig war, zahlte sie an der Rezeption und bestieg etwas später die Fähre. Ihr Aufenthalt auf Skye war ungeplant kurz, aber das machte nichts. Ihre Mission erschien ihr wichtiger. Ginevra Nolan brauchte eine Lektion, und wenn sie diese begriffen hatte, gab sie eventuell noch ein gutes Mahl ab.

Una gehörte nicht zu den Vampiren, die eigenständig flogen – Angus waren ein paar dieser Exemplare begegnet und er hatte Una mit Ehrfurcht davon erzählt. So kam sie erst am Abend in London an.

In einem Internetcafé googelte sie Ginevra Nolan und erfuhr von deren Lesung. Was für ein wahnsinniger Zufall! Wie passend! Una beschloss, ihr danach aufzulauern und kam gerade noch rechtzeitig an.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus beobachtete sie, wie sich in der ansonsten leeren Buchhandlung eine junge Frau von einem älteren Herrn und einer älteren Dame verabschiedete und dann zur Tür hinausging.

Sie erkannte Ginevra, die gerade einen Umschlag in ihrer teuer aussehenden Handtasche verstaute und um die nächste Ecke bog.

Una straffte den Schulterriemen ihrer Reisetasche, überquerte die Straße und folgte ihr. Was für einen Lärm diese Frau beim Laufen machte! Bevor sie ebenfalls den Weg in die Seitenstraße einschlug, spürte sie plötzlich ein Wesen, das kein Mensch war: einen Vampir.

Sie hielt inne.

Kontakt zu anderen ihrer Art vermied sie, denn Vampire untereinander waren sich oft nicht grün. Zuviel Konkurrenz tummelte sich in den Jagdgründen dieser Welt. Wenn sie mal auf einen „Kollegen“ stieß, verhielt sie sich besonnen und checkte seine Laune ab.

Sie identifizierten einander sofort, da eine spezielle Aura sie umgab. Ein kühler Gruß war dann das wärmste der Gefühle. Im schlimmsten Fall wurde ein Kampf ausgetragen, der zwar nicht todbringend, aber schmerzhaft endete. Trotz der Regenerationsfähigkeit litt man Qualen. Die einzige bedeutungsvolle Bindung bestand zwischen dem Macher und seiner Schöpfung, dem Jungvampir; platonisch oder erotisch. Meistens war sie erotisch, wie bei Angus und ihr.

Für ein Eingreifen war es nun zu spät. Ginevras Herzschläge verlangsamten und verringerten sich – der Vampir trank bereits.

Una hatte neben hervorragender Nachtsicht sowie ungewöhnlicher Kraft und Geschwindigkeit natürlich auch ein exzellentes Gehör. Das Herz der jungen Frau hatte aufgehört zu schlagen.

Und Sekunden später tauchte der Vampir vor ihr auf.

Sie ging automatisch in Angriffsposition; er tat dasselbe. Sie blitzten sich an und er knurrte leise.

Wegrennen oder kämpfen?, fragte sich Una.

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als herannahende Passanten im Sichtfeld der beiden Vampire auftauchten.

Sie ergriff die Gelegenheit und schoss wie der Blitz davon.

 

Das Zeitreisen-Imperium

Kapitel 1

Ich bin Carine, Zeitreise-Agentin außer Dienst, da es keine geheime Organisation zur Kontrolle von Zeitreisen und zur Auffindung flüchtiger krimineller Zeitreisender mehr gibt. Natürlich weiß ich demzufolge nicht, ob momentan irgendwelche Gauner durch die Zeiten reisen, die ich jagen und schnappen könnte.

Aber das ist gut so. Denn eigentlich wollte ich mit diesem Thema nie mehr belästigt werden und hatte schon längst gekündigt. Erst innerlich, wie man das von unliebsamen Arbeitsverhältnissen her kennt. Und später „äußerlich“, als ich bei einer passenden Gelegenheit Count Charles Wiltshire an den Kopf warf, was ich von ihm und dieser Organisation hielt.

Charles war einmal mein Freund gewesen, der mich jedoch schändlich verraten hatte. Ich war auf ihn angesetzt, um ihn in flagranti bei seiner Flucht in die Zukunft zu überführen. Der arme Kerl war wegen einer Familientragödie schuldlos in den Bankrott geraten und wollte sich mit mir ein neues Leben in einer anderen Zeit aufbauen. So dachte ich jedenfalls … und verliebte mich in ihn. Blöder Fehler!

Der liebe Charles war nämlich von meiner damaligen direkten Vorgesetzten Azur mit dem Job betraut worden, meine Loyalität zur Organisation zu testen. Langer Rede kurzer Sinn: In dem ganzen Hin und Her lernte ich Tom Stephens kennen, einst Chef der Organisation. Wir wurden ein Liebespaar und erlebten ein unglaubliches Abenteuer bei unserer Flucht vor Azur, die uns neben faszinierenden Orten auch zu meinem Halbbruder führte, von dessen Existenz ich bis dahin nicht den blassesten Schimmer hatte. Und dann bekamen Tom und ich ein Kind: Julie, inzwischen vierzehn Monate alt.

Mit meiner kleinen Familie zog ich von Schottland, wo wir uns für einige Zeit niedergelassen hatten, nach New Orleans. Kenny Lefevre, mein jüngerer Halbbruder, und sein Kumpel Dean McGregor mussten mit. Denn in Edinburgh entdeckte ich, zusätzlich zu meinen ohnehin interessanten Fähigkeiten, eine neue Gabe an mir: Ich fühlte Schallwellen, die mich darüber informierten, wenn Gäste im Anmarsch waren. Darunter kündigte sich auch unwillkommener Besuch an – Charles. Er sollte keinen von uns in die Finger bekommen, da wir die Erfahrung gemacht hatten, dass er uns für die Erreichung seiner Ziele gerne der Gefahr aussetzte.

In New Orleans eröffneten Kenny und Dean einen Esoterikladen, dem sie sich mit Hingabe widmeten. Ich war mit der Einrichtung unseres Hauses beschäftigt, und Tom suchte Räumlichkeiten für ein Lokal, denn Wirt zu sein hatte ihm in Edinburgh sehr gut gefallen.

Bis ein weiteres Abenteuer uns durch Raum und Zeit führte. Diesmal ausgelöst durch James, einem, wie ich anfänglich fand, sehr attraktiven Typen, der sich allerdings als Azurs Zwillingsbruder entpuppte und auf Rache für den Tod seiner Schwester aus war. Azur kam ums Leben, als sich während eines Zweikampfs zwischen uns ein Schuss löste und die Kugel sie mitten ins eiskalte Herz traf.

Charles, der mich in Edinburgh tatsächlich aufsuchen wollte, war ausnahmsweise mal nicht der Bösewicht gewesen. Er war im Punjab auf einen ultrastarken Kraftort gestoßen, auf dem er eine neue Organisation zu gründen gedachte. Ich sollte ihm dabei helfen, diesen Kraftort zu intensivieren und gleichzeitig verträglicher für Menschen zu gestalten, weil seine extreme Energie ohne eine „Spezialbehandlung“ gesundheitliche Schäden verursachte.

Diese gegensätzlichen Anforderungen zu vereinen, gelang. Doch zum Schluss flog uns der Kraftort samt Gebäude praktisch um die Ohren; Charles verschwand dabei spurlos. Und ich hatte eine Ahnung, wohin. In einem besonders lebhaften Traum sah ich ihn in einem Urwald und über ihm das Maul irgendeines Dinosauriers.

Eddie Miller, Charles´ guter Freund, war der Meinung, dass das Herumhantieren mit gefährlichen Waffen und Zeitreisen-Detektoren an so einem großen und unberechenbaren Kraftort der Auslöser für die Katastrophe gewesen war.

James hatte den ersten Detektor erfunden und gebaut, um Zeitreisende und Zeitreise-Aktivitäten schneller als vorher aufzuspüren. Hauptsächlich jedoch, um mich zu finden. Eddie Miller hatte das Gerät nachgebaut und weiterentwickelt. Hauptsächlich, um Charles´ Machtposition zu kräftigen.

Mein Leben war ziemlich bewegt gewesen, um es mal bescheiden auszudrücken. Aber seit dem großen Kraftort-Desaster im Punjab verlief es in ruhigeren Bahnen. Tom und ich konnten endlich heiraten und ich fand großen Gefallen an den banalen Dingen des Lebens. Auch Kenny und Dean liefen unwesentlich später in den Hafen der Ehe ein. Darüber hinaus erwarben sie witzigerweise zwei nebeneinanderstehende Häuser.

Ihre Frauen lernten Kenny und sein Freund im Esoterikladen kennen; Schwestern, die nach Tarotkarten fragten. Kenny beriet Shirley Bentheim und Dean Maggie Bentheim … und es kam, wie es kommen musste: Sie waren sofort Feuer und Flamme füreinander. Tom, der Kennys Angebot angenommen hatte, in einem abgetrennten Teil des Shops ein Bistro zu betreiben, hatte dieses erste Anbandeln amüsiert verfolgt und mir alles brühwarm berichtet. Ich war glücklich, dass beide Jungs ihre Traumfrauen und ihre Traumhäuser gefunden hatten.

Ich konnte zufrieden sein – harmonisches Familienleben, ein mich liebender Ehemann, eine süße Tochter. Gut … meine ungewöhnlichen Fähigkeiten waren größtenteils wieder verschwunden. Dabei handelte es sich um das Sehen von Auren, um mentale Fühler, denen ich befehlen konnte, die schrägsten Dinge für mich auszuführen, und um mein Schallwellen-Frühwarnsystem. Visionen hatte ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt.

Nur die Gabe durch die Zeit zu reisen, war mir geblieben. Doch Zeitreisen durchführen konnten viele Menschen, das war nichts Weltbewegendes. Tom und Julie waren immerhin in der Lage, Gedanken zu lesen. Und Kenny war so was von übersinnlich hochbegabt – er konnte Gedanken als Bilder sehen und so manches andere mehr.

Da saß ich also in meiner Küche und überlegte, nachdem ich gedanklich meine Vergangenheit im Schnelldurchlauf gescannt hatte, ob nun weiterhin ein völlig normales Leben vor mir lag. Ich wünschte es mir so sehr. Ich dachte daran, den Garten neu zu gestalten und vielleicht einen Pavillon zu bauen. Das würde auch Julie Spaß machen, die gern dabei zusah, wenn ich im Haus unterschiedliche Dekorationen ausprobierte.

Die Erfahrung hatte mich jedoch gelehrt, dass der große Paukenschlag immer dann kommt, wenn man ihn am wenigsten erwartet. War das jetzt der Fall? Oder hatte ich einfach nur einen Anfall von Verfolgungswahn? Wie gesagt – nicht eine böse Schallwelle hatte angeklopft, und auch keine Vision. Noch nicht einmal ein klitzekleiner Albtraum hatte meine Nachtruhe gestört.

Ich beschloss, mir einen Tee einzugießen. Mit einer dampfenden Tasse Earl Grey und einem spannenden Buch hatte ich vor, mich abzulenken. Tom würde in etwa drei Stunden zu Hause sein. Julie verbrachte den Tag bei Kenny und Shirley; sie wollten schon mal testen, wie sie mit einem Kleinkind zurechtkamen, das Gedanken lesen konnte.

Natürlich hatte Kenny seine Frau eingeweiht. Er hatte sogar Zeitreisen mit ihr unternommen – sie war dafür recht tauglich. Dazu waren ein paar Voraussetzungen nötig: erhöhte Sensibilität, großes Visualisierungs-Talent und ein Kraftort. Eine feinfühlige Person, die sich die Ziel-Zeit und den Ziel-Ort präzise vorstellen konnte und sich an einem Kraftort befand, war in der Lage, durch Raum und Zeit zu reisen. Ein Kraftort kann ein Tierbau, ein Tunnel, ein Keller, eine Ausbuchtung, eine Nische, ein Tal oder eine Senke sein – kurz alles, was im weitesten Sinne Höhlencharakter hat.

Doch es gibt eine Eigenheit: Ist man von einem Kraftort zu einem bestimmten Ziel gereist, ermöglicht einem dieses Ziel, also der Eintrittsort, von dort aus wieder zurückzukehren oder ein ganz neues Ziel zu wählen. Eintrittsort gleich Ausreiseort ist die Formel, die Zeitreisenden das Leben erleichtert. Eddie hatte Kenny einmal besucht und war in dessen Garage gelandet, um niemanden im Haus durch sein plötzliches Auftauchen zu erschrecken. So hatte er für Kenny einen Ausreiseort geschaffen, den sein Freund und Nachbar Dean ebenso nutzen konnte.

Neben der Geografie muss allerdings auch die Magie stimmen; dieses gewisse Etwas, dieses Unerklärliche, das einen Ort mit mysteriöser Energie füllt und das Phänomen einer Zeitreise zulässt.

Der Körper löst sich dabei auf rätselhafte Weise auf und setzt sich am Ziel wieder zusammen. Medizinisch kann dieses Wunder nicht erklärt werden. Aber die Nachwirkungen, die ein Anfänger verspürt, sind gängige medizinische Begriffe: Gedächtnisverlust, Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Unter Umständen, in besonders schweren Fällen, auch Blindheit, Taubheit und Lähmung. Kennys Frau zum Beispiel hatte stark mit Migräne und Schwindel zu kämpfen. Mich allerdings hatte es, selbst in meiner Anfangszeit, nie schwer erwischt.

Mit Tee und Thriller setzte ich mich aufs Sofa und blätterte zum Anfang. Aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich stand auf und lief ans Fenster; die Straße war menschenleer. Ich ging in die Küche zurück und warf einen Blick in die Vorratskammer, denn sie war ein Kraftort und einer der Gründe, warum Tom dieses Haus gekauft hatte. Leer – bis auf die Energie, die permanent und kaum merklich darin floss.

Ich wunderte mich selber über meine Unruhe. Und dann klingelte das Telefon.

Mit leicht zittrigen Händen hob ich ab. „Ja … bitte?“

Ein Mann mit sonorer Stimme meldete sich: „Mrs. Stephens, mein Name ist Iain Barrister und ich möchte Sie gern sprechen. Und bei dieser Gelegenheit gratuliere ich Ihnen zur Vermählung …“

Was war das denn?

„Wie? Wer sind Sie … was wollen Sie … woher haben Sie unsere Nummer?“

„Das werde ich Ihnen erklären, sobald wir uns sehen.“

„Warum sollte ich Sie treffen wollen?“

„Weil es sehr wichtig für Ihre Zukunft ist. Sie können gern Ihren Gatten mitbringen, wenn Sie sich alleine nicht trauen.“

„Blödsinn! Ich habe keine Angst. Nur keine Lust, mich mit irgendeinem Irren zu unterhalten.“

Mr. Barrister ignorierte die Beleidigung. „Sagt Ihnen der Name Count Charles Wiltshire etwas?“

Mein Atem stockte.

„Das habe ich mir doch fast gedacht“, fuhr er fort. „Was halten Sie von morgen Abend? Ich kenne ein nettes Lokal im French Quarter, es hat kürzlich aufgemacht. Sie und Ihr Mann sind selbstverständlich meine Gäste. Ich werde Sie kurz vor acht Uhr abholen lassen.“

„In Ordnung, aber wehe, Sie haben keinen triftigen Grund, uns zu belästigen …“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen schon auf Ihre Kosten!“, sagte er lachend und legte auf.

War ich denn völlig übergeschnappt? So schnell zuzusagen war nicht meine Art, aber die Erwähnung von Charles´ Namen hatte mich umgehauen. War er wieder in der Gegenwart und plante Unheilvolles?

Mr. Barrister musste ein Zeitreise-Agent sein oder sich zumindest mit der ehemaligen Organisation auskennen. Auch diese Möglichkeit war ein Anlass, sich den Herrn genauer anzusehen. Es würde noch einige Zeit vergehen, bis Tom nach Hause kam, und weil ich nicht so lange warten wollte, beschloss ich, ihn im Bistro anzusprechen.

Da das Bistro sehr beliebt war und außerordentlich gut lief, hatte Tom zwei Autos von den Einnahmen gekauft. Für sich einen Geländewagen, mit dem er auch Waren transportieren konnte, und für mich einen Mini Cooper. Damit war ich nicht mehr abhängig von Taxis, wenn ich mit Julie irgendwo hin wollte. Aber selbst ohne Julie kam mir der dunkelgrüne Mini sehr gelegen. Ich tauschte Jogginghose und Schlabber-T-Shirt gegen Jeans, Bluse und Blazer und fuhr in die Stadt.

Kapitel 2

„Oh nein! Nicht schon wieder!“, rief Dean aus und zupfte dabei nervös an seinem hellbraunen Zopf.

Solange ich ihn kannte, hatte er sein Haar nicht schneiden lassen, und dieser Zopf wurde immer länger. Meine Neuigkeiten bewirkten zusätzlich, dass sein Gesicht ziemlich an Farbe verlor. Zum Glück war es ruhig im Laden und er konnte ungestört erbleichen.

„Ich fürchte, uns erwartet etwas sehr Unschönes“, bemerkte Tom und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn, die aber ihren Weg wieder zurückfand.

Auch Tom kannte ich so … eine Strähne landete regelmäßig auf seiner Nase. Nun verdüsterten sich seine ohnehin sehr dunkelblauen Augen. Denn eins war klar: Meine Nachrichten waren belastend für alle Beteiligten.

Tom hatte Kenny zu Hause angerufen, um ihn sanft vorzubereiten. Aber Kenny reagierte trotzdem panisch. Gerade jetzt, wo sich jeder sein Nest gebaut hatte, konnte keiner ein weiteres gefährliches Abenteuer gebrauchen. Und was erschwerend hinzukam: Ein Umzug könnte anstehen – in ein anderes Land, in eine andere Zeit. Eine Flucht war nicht auszuschließen.

„Mir gefällt das genauso wenig, aber vielleicht möchte dieser Mr. Barrister uns nur warnen. Es geht schließlich um Charles und seine abstrusen Ideen. Möglicherweise sollen wir uns vorsehen und Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Das könnte ich mir vorstellen, wenn er meint, dass seine Informationen wichtig für meine beziehungsweise für unsere Zukunft sind“, versuchte ich die beiden zu beschwichtigen. Mir war bewusst, dass sich das ziemlich naiv anhörte.

„Wenn Charles dem Urzeit-Monster entkommen ist … schön für ihn. Wenn er was von uns will, weiß er, wo er uns findet. Aber er ist nicht hier. Selbst falls er hier aufschlagen sollte … wir kommen schon mit ihm klar. Aber dieser Barrister …“, entgegnete mir Dean.

„Wieso kommt ausgerechnet er uns mit Charles? Nicht einmal seine engsten Verbündeten haben mit uns Kontakt aufgenommen“, warf Tom ein.

Wir hatten seit dem Zusammenbruch des Punjab-Kraftortes weder von Eddie Miller noch von Mona, alias Adhira Bachhan, etwas gehört. Mona war Charles´ Freundin gewesen, bis er von der tobenden Energie des Kraftortes in eine andere Zeit befördert wurde.

War Charles zurück und eventuell bei Eddie oder Mona untergetaucht? Trauten sie sich nicht, etwas zu verraten? Hatte Barrister vor, uns unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auszuhorchen, weil er Charles in England vermutete? Und – die Frage aller Fragen: Wie hatte sich Charles aus der misslichen Lage im Dino-Zeitalter befreien können?

„Ich finde, Kenny und ich sollten morgen dabei sein! Der Mann ist mir sehr suspekt, vor allem, da er weiß, dass du verheiratet bist …“

„Dean, das geht nicht! Barrister wollte hauptsächlich mich sprechen. Es schien, als dulde er Tom als Begleitung, weil er mich für feige hält. Aber Kenny und du … nein, das wird er nicht akzeptieren … Außerdem ist Kenny meine Trumpfkarte, jetzt, wo ich über keine nennenswerten Gaben verfüge. Ich will ihn nicht zu früh einsetzen. Warum sollte ich die Karten offen auf den Tisch legen? Gerade da dieser Typ einiges von mir zu wissen scheint!“

„Gut, dann eben ohne mich – aber mit Kenny! Barrister darf natürlich nicht erfahren, wer er ist. Sagt ihm, dass Kenny ein aufdringlicher Verwandter sei, der euch unbedingt sehen wollte und sich nicht abwimmeln ließ. Das würde seine Anwesenheit rechtfertigen. Gerade wegen seiner einen bestimmten Gabe sollte er mitgehen. Dann kann er sehen, was im Kopf dieses Mannes los ist.“

„Da ist was dran“, meinte Tom. „Das ist eine gute Ausrede … und wir hätten ein As im Ärmel!“

„Das ist wirklich eine sehr schwache Ausrede. Barrister wird denken, dass ich mehr Begleitung brauche, weil ich mir vor Angst in die Hosen mache …“

„Ach, darum geht es dir? Dein Stolz könnte Schaden nehmen?“, fragte Dean und blickte mich mit zu Schlitzen verengten, blauen Augen durchdringend an.

„Nein, nicht nur. Na ja … es ist ein bisschen was von allem. Darüber hinaus versuche ich, Kenny da rauszuhalten. Vielleicht sollte ich allein mit Barrister sprechen, sogar ohne dich, Tom.“

„Auf gar keinen Fall. Schlag dir das gleich aus dem Kopf!“, protestierte Tom.

Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, hatte Dean auch schon den Hörer in der Hand und rief Kenny an. Nach zehn Minuten war Kenny auf dem neuesten Stand und einverstanden, Mr. Barrister auf den Zahn zu fühlen.

Kurze Zeit später machte ich mich auf den Heimweg. So entging ich einer weiteren Diskussion über das Für und Wider eines Alleingangs. Tom wollte noch bei Kenny vorbeifahren, um Julie abzuholen.

Zuhause angekommen entkorkte ich eine Flasche Rotwein und goss mir ein Glas ein. Ich saß in der Küche und genoss den Burgunder, der mich sofort entspannte. In diesem leicht benebelten Zustand muss ich eingenickt sein.

Ich träumte von einem Nachthimmel mit unzähligen Sternen, die wie Diamanten funkelten. Kometen zischten durchs Firmament und drei golden schimmernde Planeten in unterschiedlichen Größen erschienen nacheinander. Es war ein erhabener Anblick, aber ich spürte Kälte um mich herum, die immer klirrender wurde und mich erstarren ließ. Erfreulicherweise wurde ich durch ein Geräusch aus diesem Traum herausgerissen. Tom, mit Julie auf dem Arm, und Kenny standen in der Küche.

„Hast du mit einem Glas in der Hand im Sitzen geschlafen?“, fragte Tom verdutzt.

Ich blickte auf das halb volle Glas. Wie durch ein Wunder hatte ich nicht einen Tropfen verschüttet.

„Sieht ganz so aus …“, murmelte ich.

„Wie viel hast du denn getrunken?“, erkundigte sich Tom und schaute sich die Flasche genauer an.

Er war erstaunt, dass sie noch ziemlich voll war. Was dachte er sich bloß?

„Nicht viel, wie du siehst. Ich weiß nicht, warum mich ein paar Schlückchen gleich so umnieten. Ich habe vom Universum geträumt: schwarzer Himmel, Tausende von Sternen, Kometen, goldene Planeten. War toll, aber andererseits etwas unheimlich … Mir wurde eiskalt dabei … und dann habt ihr mich geweckt. Kenny, warst du beim Friseur?“

Ich betrachtete meinen Halbbruder. Seine ehemals schulterlangen, blonden Haare waren raspelkurz, was ihm sehr gut stand und den Blick auf seine hübschen, grünen Augen lenkte; vor allem nun, da er keine Hornbrille mehr aufsetzte, sondern Kontaktlinsen trug.

„Ja, vorhin. Ich hatte das dringende Bedürfnis nach einer Veränderung … nach diesen Meldungen. Tom und Julie haben mich begleitet.“

„Sieht klasse aus!“, lobte ich ihn und mir fiel auf, dass nicht nur Frauen in bestimmten Situationen den Friseur aufsuchten.

„Julie muss ins Bett“, sagte Tom und wollte in Richtung Kinderzimmer.

„Lass mich das machen, ihr könnt euch ja etwas eingießen, ich komm gleich.“

Julie, die vom Spielen mit Shirley und Kenny völlig ausgepowert war, ließ sich ohne Murren schlafen legen. Sie kuschelte sich an ihren Stoffhasen und sah aus wie ein kleiner Engel mit ihren hellroten Locken und hellbraunen Augen. Dieses Kolorit war ungewöhnlich für den Spross eines Elternpaares, das einerseits blond und blauäugig wie Tom und andererseits braunhaarig und braunäugig wie ich war. Wir schätzten, dass Julies Farben von meinen französischen Vorfahren herstammten; in Toms Familie waren alle blond, wie er mir versichert hatte.

Ich ging danach ins Bad, um mir Wasser ins Gesicht zu spritzen. Der Traum hatte mich auf eine seltsame Weise mitgenommen. Als ich mich abtrocknete, fiel mein Blick auf die Uhr – es waren fast zwei Stunden von meiner Ankunft zuhause bis eben vergangen. Das war nicht möglich! Ich war doch nur ein paar Minuten weggetreten … Kein Wunder, dass es zeitlich passte, dass Kenny sich noch die Haare schneiden ließ, bevor er mit Tom herkam.

„Shirley ist übrigens sehr beunruhigt! Sie kennt unsere Storys und ist nicht erpicht darauf, so ein Abenteuer hautnah zu erleben“, erklärte Kenny, als ich in die Küche trat.

„Das glaube ich gern. Und … ich muss euch was sagen: Als ich nach Hause kam, habe ich mich gleich mit diesem Glas Rotwein hingesetzt und bin kurz darauf eingeschlafen. Im Bad stellte ich fest, dass beinahe zwei Stunden vergingen, bis ihr mich geweckt habt. Mir kam dieser Traumzustand aber wie ein paar Augenblicke vor. Ist es sonst nicht umgekehrt? Man träumt ellenlange Wahnsinnsgeschichten und denkt dabei, dass unendlich viel Zeit vergangen sein muss, und dann wacht man auf und es waren nur zwei oder drei Minuten? Ist das nicht merkwürdig?“

„Das war kein Traum!“, verkündete Kenny plötzlich. „Ich hab´s gerade in deinem Kopf gesehen. Du warst da.“

„Was? Aber ich befand mich doch nicht auf einer Zeitreise! Ich war weder an einem Kraftort noch habe ich visualisiert! Das wäre was ganz Neues.“

„Als du von Charles in diesem Urwald geträumt hast, war es bestimmt keine Zeitreise, sondern ein visionärer Traum. Ich hätte erkannt, wenn es etwas anderes als ein solcher Traum gewesen wäre. Das vorhin … das war eine Zeitreise!“, behauptete Kenny.

„Dann hast du wohl eine höhere Stufe des Zeitreisens erreicht – ohne Kraftort, ohne Vorstellung von Ziel und Zeit. Eine Zeitreise der ganz neuen Art. Und da sie unkontrolliert geschehen ist, bist du in irgendeiner Galaxie gelandet“, bemerkte Tom.

Wenn es tatsächlich so war, handelte es sich um eine Sensation. Ich hatte noch nie von dieser Art des Zeitreisens gehört. War dies nun eine neue Gabe oder einfach die Weiterentwicklung einer vorhandenen Fähigkeit?

„Ich würde sagen, eine Mischung davon. Das ist wirklich eine Sensation!“, antwortete Tom.

Wunderbar! Der eine sah und der andere las den „Inhalt“ meines Kopfes. Wenigstens konnte ich nun etwas, zu dem andere nicht in der Lage waren. Das hob meine Stimmung für eine Weile … bis die Vernunft einsetzte.

„Wie kann ich denn solche Zeitreisen kontrollieren?“

„Bei dieser Reise muss dich dein Unterbewusstsein geleitet haben. Ich denke, dass du es dir bewusst wünschen kannst“, meinte Kenny.

„Aber dann ist doch wieder eine Visualisierung nötig!“

„Nicht unbedingt. Du sagst dir zum Beispiel ‚Venedig, Markusplatz, im Jahr 1544 um 13:45 Uhr‘ und es müsste klappen. Total einfach!“

„Es ist zwar reizvoll, das gleich auszuprobieren, aber ich will mir erst überlegen, wohin die Reise gehen soll. Nicht, dass gerade zu der Zeit etwas Schlimmes am Ziel-Ort passiert. Aber was anderes: Ich frage mich, wie ich im Universum atmen konnte.“

„Das kann ich mir nicht erklären … es sei denn …“, sagte Kenny.

„Es sei denn, du kannst in einem Vakuum oder sogar unter Wasser atmen! Wieder eine neue Gabe!“, unterbrach ihn Tom.

„Meint ihr?“

„Wieso nicht? Das könnten wir gleich testen!“ Tom grinste.

Da wir alle neugierig waren, begaben wir uns ins Bad und Tom ließ Wasser in die Wanne laufen. Ich bestand auf eine gewisse Wärme, schließlich wollte ich mich nicht erkälten. Als der Pegel hoch genug war, tauchte ich meinen Kopf unter. Meine langen Haare schwebten neben meinem Gesicht und berührten sanft meine Wangen, was sich angenehm anfühlte.

Instinktiv hielt ich die Luft an – aber nach ein paar Minuten konnte ich nicht mehr; ich sog unwillkürlich das Wasser ein. Ich erwartete, mich fürchterlich zu verschlucken, doch nichts dergleichen geschah. Ich atmete ein und aus, ein und aus – solange, bis ich den Kopf herauszog und in die erfreuten Gesichter der beiden Männer blickte.

„Du bist eine Amphibie!“

„Na super, Tom! Was für ein Bild! Hoffentlich wächst mir nicht noch ein Meerjungfrauen-Schwanz!“

Kenny klopfte mir anerkennend auf die Schulter. „Du hast uns alle ganz schön an der Nase herumgeführt … natürlich ohne es zu wissen! Da, wo wir dachten, es sei vorbei mit all den schönen Gaben, kommst du gleich mit Hammer-Fähigkeiten! Ich kann´s nicht glauben!“

„Wie konnte das so plötzlich geschehen? Ich habe überhaupt keine körperliche oder geistige Veränderung an mir bemerkt“, warf ich in die Runde ein.

„Ist dir schon mal aufgefallen, dass genau dann ein neues Talent auftaucht, wenn du es brauchst?“, erwähnte Tom.

Wenn ich es mir recht überlegte, konnte dies stimmen. Meine Sensibilität hatte mir Zeitreisen ermöglicht, damit sich mein Schicksal erfüllte. Das Sehen von Auren zeigte mir an, mit welchen Menschen ich es zu tun bekam. Die Antennen oder Fühler hatten mich unter anderem schwierige Aufgaben meistern lassen, als es darum ging, Mitarbeiter aus der ehemaligen Organisation zu evakuieren, bevor wir deren Kraftort vernichteten. Die Schallwellen hatten mir das Kommen von Freund oder Feind angekündigt, um rechtzeitig die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Und mithilfe der Visionen hatte ich Kontakt zum Abt von Shangri-La aufgenommen. Wenn ich also ganz ohne Kraftort überall hinreisen konnte, allein mit einem schnellen Wunsch, und wenn ich überall atmen konnte, was stand mir dann bevor? Außerdem könnte ich diese alten Fähigkeiten jederzeit gut gebrauchen – warum waren sie verschwunden? Tom und Kenny schauten mich bedrückt an.

„Das kann ja heiter werden!“, entgegnete Kenny.

„Besonders in Anbetracht unseres morgigen Treffens. Das wirft ein ganz neues Licht auf diese Sache“, stimmte Tom zu.

Beförderte uns Mr. Barrister in ein hochgefährliches Abenteuer?

 

Der Zeitreisen-Detektor

Kapitel 1

Mein Tag begann mit der Erinnerung an eine Reise durch Raum und Zeit. Schweißgebadet, schwer atmend und mit pochenden Schläfen schreckte ich von meinem Kissen hoch. Der Traum war so real, dass ich das Gefühl hatte, tatsächlich auf einer Zeitreise gewesen zu sein. Und das war definitiv etwas, was ich so schnell nicht wieder unternehmen wollte. Genug war genug. Ich wollte sogar diesen Traum vergessen. Ich mochte es grundsätzlich nicht, dass mir die Fantasien der Nacht den ganzen Tag nachhingen, egal, ob sie gut oder böse waren.

Die Gewissheit, dass mein Ex-Freund und Jetzt-Feind Count Charles Wiltshire und seine neuen „Geschäftspartner“ uns aufsuchen und sich vielleicht an uns rächen würden, hatte meinen Lebenspartner Tom Stephens und mich veranlasst, mit unserer Tochter Julie Schottland zu verlassen, und zwar auf normalem Weg per Flugzeug und nicht als Zeitreisende.

Meinen Halbbruder Kenny Lefevre und seinen Kumpel Dean McGregor hatten wir nach einigem Hin und Her überzeugen können, uns zu begleiten. Überzeugen ist vielleicht das falsche Wort. Wir mussten Druck ausüben, denn keiner von beiden wollte aus seinem etablierten Leben herausgerissen werden. Aber Charles würde Kenny und Dean gefangen nehmen, um von ihnen unseren neuen Aufenthaltsort zu erpressen, wie es schon einmal passiert ist. Und einen weiteren Fehler dieser Art konnte sich keiner von uns leisten.

Es fing damit an, dass ich als ehemalige Zeitreise-Agentin den Auftrag erhalten hatte, den flüchtigen Zeitreisenden Charles festzunageln. Ich arbeitete damals für eine Organisation, die Kriminelle daran hindern wollte, in andere Zeiten zu flüchten. Meine Aufgabe bestand darin, sie aufzuspüren, zu stellen und zur Organisation zu bringen, wo sie je nach Schweregrad ihres Vergehens bestraft wurden; ohne die Einschaltung der üblichen Behörden. Denn die Organisation war geheim und so sollte es bleiben.

Dummerweise hatte ich mich in mein Ziel-Objekt Charles verliebt und war bereit gewesen, ihm aus seinen Schwierigkeiten herauszuhelfen. Charles war jedoch bei eben dieser Organisation als Lockvogel tätig, um wiederum mich als Verräterin zu überführen. Die ich natürlich nicht war.

Warum Charles mich auch heute verfolgte, war mir nicht klar. Ich merkte, dass mich die Vergangenheit immer noch nicht losließ und versuchte, mich intensiv auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Ich sah mich im hellblau gestrichenen Schlafzimmer um und betrachtete die weißen Gardinen, die vor den geöffneten Fenstern sanft hin und her schwangen. Eine milde Brise wehte durch den Raum. Irgendwo spielte jemand Saxofon. Wir waren in New Orleans, und vielleicht konnten wir hier auf ein glückliches und sicheres Leben hoffen.

Unser Schlafzimmer mochte ich besonders. Kleiderschrank, Kommode, Nachttischchen, Lampen und das große Bett mit schmiedeeisernem Kopfteil fanden wir auf dem Flohmarkt. Das Kinderbett unserer fünf Monate alten Tochter und die Matratzen hatten wir neu gekauft. Im Moment stand es noch bei uns im Schlafzimmer, aber bald sollte sie ihr eigenes Refugium bekommen. Auf Julies Kissen thronte ein großer, weißer Stoffhase, den sie abgöttisch liebte und der mich immer zum Schmunzeln brachte.

Julie war mit Tom unten in der Küche. Ich hörte, wie sie etwas Unverständliches plapperte und wie Tom ihr vollkommen ernsthaft antwortete. Ich nannte das unseren Familien-Dadaismus.

Es wurde langsam Zeit, aufzustehen. Ich ging ins Bad und stellte mich unter die Dusche. Das warme Wasser lockerte meine vom Albtraum verspannten Muskeln. Ich gab mir besonders viel Mühe mit meinem Make-up, steckte meine langen, braunen Haare zu einem Dutt ähnlichen Gebilde hoch und zog ein weißes Baumwollkleid an, das mir besonders gut stand. Aber als ich etwas später in die Küche ging, merkte ich, dass dieser Aufwand nichts genutzt hatte. Tom begrüßte mich nicht gerade schmeichelhaft:

„Mein armer Schatz, du siehst ja schrecklich aus!“

Normalerweise war er sehr charmant, aber ich hatte zugegebenermaßen nicht meinen besten Tag. Er dagegen sah umwerfend aus. Hinter einer blonden Strähne leuchteten seine stahlblauen Augen. Irgendwie hingen ihm seine Haare immer ins Gesicht, was ihm einen verwegenen Touch verlieh. Und wenn er lächelte, auch wenn etwas Mitleidiges mitschwang, wirkten seine Lippen noch viel verführerischer.

„Ja, ich weiß, dass ich schlimm aussehe, obwohl ich mir heute mehr Farbe ins Gesicht gemalt habe, als sonst. Aber ich hatte einen furchtbaren Traum. Wir waren als Zeitreisende in deinem Haus in New York, im Jahr 1930, und wurden von Charles und zwei Fremden überrascht. Wir flohen in eine andere Zeit, aber ich weiß nicht mehr wohin, weil ich dann aufgewacht bin. Du kannst dir sicher meine Panik vorstellen, oder? Da helfen Rouge und Lippenstift auch nicht mehr!“

„Entspann dich! Charles wird uns so schnell nicht finden.“

„Du hast recht, aber der Traum hatte bestimmt etwas zu bedeuten!“

Tom wollte sich nicht von meiner Stimmung beeinflussen lassen. Nichts konnte für ihn so abgrundtief schrecklich sein, dass er keine Chance mehr sah, einem Jammertal zu entfliehen. Gut, es hatte Momente gegeben, die ziemlich hoffnungslos schienen. Aber wir waren da wieder rausgekommen, stärker als zuvor. Wenn nur nicht ständig diese Erinnerungsfetzen und Panikattacken in mir hochkommen würden.

Tom briet Eier mit Speck für mich, meine Lieblingsspeise zum Frühstück, und kochte noch einen starken Tee. Nach den ersten Bissen fühlte ich mich wohler. Ich verdrängte das mulmige Gefühl und schaute auf Julie, die in ihrem Laufstall krabbelte.

Die Kleine guckte zu mir hoch und lächelte. Interessanterweise hatte sie hellrote Haare und hellbraune Augen, und wir konnten uns nicht erklären, woher diese Farbexplosion stammte. Meine Theorie war, dass jemand von meinen französischen Ahnen die Gene dafür geliefert haben musste, denn in Toms Familie war seit Urzeiten kein rothaariger Vorfahre bekannt.

Für Julie war die Welt in Ordnung, für mich nicht. Zuviel war geschehen, was sich nicht so ohne Weiteres auslöschen ließ. Ich wollte mich endlich absolut sicher fühlen können. Hoffentlich war es nicht unser Schicksal, für alle Zeiten gejagt zu werden.

Zu meinen außergewöhnlichen Fähigkeiten gehörte es, Zeitreisen zu unternehmen, die Auren der Menschen zu sehen und künftige Ereignisse als sehr schwache bis sehr starke Schallwellen körperlich zu spüren, je nachdem, wie entfernt oder nah diese Ereignisse waren. Vor allem konnte ich in feinen Abstufungen unterscheiden, ob sich etwas Gutes oder etwas Schlechtes näherte.

Dies hatte uns als Frühwarnsystem gedient und zum Umzug nach New Orleans bewogen. Bisher hatte sich mein Alarmsystem nicht gemeldet – somit hätte ich beruhigt sein können. Leider unterlagen meine Fähigkeiten ständigen Veränderungen. Zeitreisen und Auren sehen hatten sich als stabile Gaben erwiesen. Die Sache mit den Schallwellen war recht neu und es war nicht abzusehen, ob sie bleiben würde.

Meine andere Begabung, durch spezielle Antennen, oder „Fühler“, zum Beispiel Feinde aufzuspüren und bewegungsunfähig zu machen, war wieder verschwunden. Mein Halbbruder Kenny hatte mir mal gezeigt, wie ich diese Fühler einsetzen konnte, und das hatte auch dazu beigetragen, die Organisation zu vernichten. Was bei meiner damaligen Vorgesetzten Azur Black – sie ruhe in Frieden – gar nicht gut angekommen war.

Tom umarmte mich liebevoll, gab mir einen dicken Kuss und ging. Er wollte sich im French Quarter Räume für ein Lokal ansehen. Der Erfolg unseres Pubs „The Flying Dove“ in Edinburgh hatte ihn motiviert, etwas Ähnliches in New Orleans aufzuziehen. Ich fragte mich, wie unser altes Pub ohne uns lief, seitdem wir es einem Freund von Dean verkaufen mussten, um uns absetzen zu können. Obwohl es ein beliebter Szene-Treff gewesen ist, hatte es fast drei Monate gedauert, ehe wir einen Käufer fanden.

Zum Glück hatten mir meine Schallwellen die Ankunft von Charles mit reichlich Zeitabstand vorausgesagt, und so hatten wir es nicht eilig mit dem Verkauf. Wahrscheinlich lag es aber auch an Toms und Deans hohen Ansprüchen, dass es so lange dauerte. Dean war Mitinhaber, und das Pub hatte beiden Männern sehr am Herzen gelegen. Schließlich sollte es nicht dem Erstbesten überlassen werden. Vor allem Tom war mit Leib und Seele Wirt gewesen.

Meine Aufgabe in New Orleans bestand darin, unser neu erworbenes Haus einzurichten. Der Begriff „neu“ war allerdings stark übertrieben. Wirklich neu daran war nur die frische Farbe, mit der die Außen- und Innenwände gestrichen worden waren, als wir im Hotel wohnten. Die sanitären Anlagen samt Rohrsystem sowie die Elektrik waren eher als „antik“ zu bezeichnen – freundlich formuliert. Eine Sanierung wäre von Vorteil gewesen, doch solange alles gefahrlos funktionierte, wollten wir es so lassen. Ein paar hübsche Möbel waren uns wichtiger.

Das Haus hatte eine Ausstrahlung, die uns sofort in ihren Bann zog, als der Makler es uns vorstellte. Der Mann war überrascht gewesen, als wir eintraten und recht schnell Ja sagten. Das sei noch nie vorgekommen, meinte er.

Aber wir hatten das Geheimnis des Hauses schnell erspürt: Es beherbergte einen Kraftort. Ja, auch hier gab es sie, die mysteriösen Orte, die Zeitreisen ermöglichen. Die Voraussetzung klingt recht simpel: eine Räumlichkeit, die Höhlencharakter hat. Dies kann zum Beispiel eine von der Natur geschaffene Ausbuchtung, ein vom Tier gegrabener Bau, ein Tunnel, ein Keller oder eine Nische in einem Haus sein.

In unserem Fall war es die Vorratskammer, die an die Küche grenzte. Die Energie pulsierte schwach, doch Tom blieb das nicht verborgen. Er konnte noch den geringsten Energiefluss eines Kraftortes aufspüren und verstärken. Diese Gabe hatte uns einmal die Flucht aus einer gefährlichen Situation ermöglicht und mir das Leben gerettet.

Natürlich ist nicht jeder Ort, der den Vorgaben entspricht, automatisch ein Kraftort. Zu der fassbaren Gegebenheit muss sich der unfassbare Faktor dazugesellen: der Faktor Magie.

Wenn die Energie stark und das Visualisieren des Ziel-Ortes sowie der Ziel-Zeit gelungen ist, löst man sich auf in Raum und Zeit und „reist“. Talent in Form von hoher Sensibilität braucht man allerdings auch. Trotzdem können den Zeitreisen-Anfänger einige Nebenwirkungen peinigen: Gedächtnisverlust, Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit sind noch das Geringste. Wenn es ganz schlimm kommt, arten die Leiden in Blindheit, Taubheit und Lähmung der Gliedmaßen aus.

Als Anfängerin hatte ich Glück gehabt; so richtig dramatisch war es bei mir nie geworden. Es dauerte rund ein Jahr, bis ich wenige oder gar keine Nachwirkungen spürte. Das war ziemlich erstaunlich. Azur hatte viele Jahre gebraucht, um dieses Niveau zu erreichen. Aber ich wäre ein besonderer Mensch, hatte sie mir bei unserem ersten Treffen mitgeteilt, bei dem sie als Scout ein Talent wie mich anwerben wollte. Damals, als wir uns noch gut verstanden, bevor sie Tom und mich auf dem Kieker hatte. Und bevor sie im Kampf um ihre Pistole versehentlich von mir getötet wurde. Dieses Bild gehörte ebenfalls zu den Schrecken, die ich nicht aus meinem Gedächtnis verbannen konnte.

Das Schlafzimmer unseres Hauses war als Erstes fertig, da schlafen, neben essen, zu unseren Lieblingsbeschäftigungen zählte. Na ja, und so manches andere auch … Dann kamen für die Küche der große Esstisch und sechs Stühle dazu. Die Ausstattung der zwei Badezimmer war leicht: ein paar Handtücher und Accessoires. Aber Wohn-, Kinder- und Gästezimmer warteten noch auf ihre Ausstaffierung.

Wir hatten in drei großen Koffern und zwei Reisetaschen nur unsere Kleidung, etwas Spielzeug, einen Laptop und persönliche Dinge aus Edinburgh mitgenommen, denn die Wohnung dort war möbliert. Unser Heim in New Orleans wollten wir als dauerhaften Wohnsitz individueller gestalten. Wären nur nicht dieser Traum und das besorgniserregende Gefühl gewesen.

Downtown wollte ich mir ein paar schicke Geschäfte ansehen, und natürlich auch auf den anderen Flohmärkten von New Orleans herumstöbern. Letztlich brachte erst ein Mix aus alt und neu das perfekte Flair. Ich war glücklich, dass meine Gedanken zur Abwechslung mal um solch banale Dinge kreisten. Sie verhinderten, dass ich vor lauter Vorahnungen verrückt wurde.

Ich setzte Julie in den Kinderwagen und lief zur Hauptstraße, um dort ein Taxi heranzuwinken. Es dauerte nicht lange, bis ein geräumiges Exemplar anhielt und uns beide samt Kinderwagen verstaute. Ich gab dem Fahrer die erste Adresse an. Es handelte sich um einen Laden, dessen Webseite mich begeistert hatte. Von da aus hatte ich vor, weitere Geschäfte zu Fuß abzuklappern.

Nach rund zwanzig Minuten hielten wir vor „Time love“. Ich zahlte, und mithilfe des Fahrers setzte ich Julie in ihren Wagen und schob sie in den Laden. Meine Überraschung hätte nicht größer sein können.

Kapitel 2

„Time love“. Eigentlich ein charmant-harmloser Geschäftsname. Die Ausstellungsstücke umfassten Stilrichtungen von antik bis futuristisch und waren liebevoll ausgesucht und arrangiert worden. Somit passte der Name perfekt.

Mich schockierte aber, dass mir dabei das Thema Zeitreisen sofort in den Sinn kam. Ob Schränke oder Sofas: Sie schrien förmlich „Zeitreise“. Bei den antiken Stücken handelte es sich nicht nur offensichtlich um Originale – es kam mir vor, als hätte der Inhaber sie direkt aus ihrer jeweiligen Epoche mitgebracht.

Und gerade als ich das dachte, spürte ich die Energie, die immer stärker wurde, je weiter ich in den Laden lief: Ich befand mich an einem Kraftort. Innerhalb kürzester Zeit kannte ich nun immerhin zwei in New Orleans.

Ich stellte den Kinderwagen an einer Seitenwand ab und nahm Julie auf den Arm, um nicht eines der kostbaren Teile anzufahren und zu beschädigen. Einen Verkäufer konnte ich auf den ersten Blick nicht erspähen. Mich faszinierte und verwirrte das Ganze so sehr, dass mir der Mann, der an der Tür zu einem Hinterzimmer stand, nicht auffiel. Aber er hatte mich registriert, trat hervor und sprach mich an:

„Guten Tag! Sie möchten sich umsehen?“

Er war nicht besonders groß, hatte pechschwarzes, kurzes Haar und blaue Augen, die mich durchdringend musterten. Sein Gesicht wies markante, aber gleichmäßige Züge auf, sein Körper war schmal und feingliedrig.

Ich sah seine Aura, die in einem strahlenden Gelb leuchtete. Obwohl er nicht übermäßig freundlich wirkte, zeigte mir diese Farbe, dass ich nichts zu befürchten hatte, denn klare Gelbtöne zeugten von Weisheit und Intuition. Da Toms Aura meistens rosarot – Zärtlichkeit und Liebe – und Julies orangerot – Vitalität – schimmerten und ich so daran gewöhnt war, ihre Auren zu sehen, achtete ich nicht weiter darauf. Diese Farben gehörten zu meinen liebsten Menschen dazu wie ihre Augen oder Nasen. Natürlich änderten sie sich hin und wieder, und dann fiel mir der Unterschied auf. Doch das Gelb hier stach ins Auge. Ich sammelte mich und antwortete ihm:

„Ja. Ich suche ein Sofa und Sessel, auch Lampen. Sie haben wirklich sehr schöne Möbel!“

„Vielen Dank. Sehen Sie sich alles in Ruhe an und fragen Sie mich, wenn Sie Informationen benötigen“, sagte er höflich und kam auf mich zu.

Von Nahem betrachtet sah er noch attraktiver aus. Er hatte sogar Sommersprossen! Als ich sie bemerkte, musste ich lächeln. Er lächelte schüchtern zurück und zeigte dabei seine makellosen, weißen Zähne.

Für einen Moment war ich so von ihm fasziniert, dass mir die Luft wegblieb. Aber ich riss mich schnell zusammen. Ich war mit Tom liiert. Ich liebte Tom. Er war der Vater meiner Tochter, und so etwas wollte ich ihm nicht antun. Noch nicht einmal in Gedanken.

Ich beschloss, den Laden im Schnelldurchgang abzuchecken und dann das Weite zu suchen. Auch wenn meine Neugier durch die Präsenz der Zeiten und der Energie geweckt war und mir die Frage nach dem Wie und Warum auf den Lippen brannte – es war zu gefährlich.

Nicht nur, weil ich diesen Typen so ungeheuer anziehend fand, sondern auch, weil er in irgendeiner Form mit der ehemaligen Organisation zu tun haben könnte. Es reichte schon, dass Charles uns sehen wollte. Oder bestand gar eine Verbindung zwischen Charles und diesem Mann? Hatte Charles womöglich überall auf der Welt Zeitreise-Agenten postiert, die uns auffinden sollten?

Bevor er womöglich meine innere Anspannung bemerkte, setzte ich Julie in den Kinderwagen und fuhr in Richtung Ausgang. Der Rundgang war somit ziemlich kurz ausgefallen.

„Ich habe schon mal einen Eindruck gewonnen und komme ein anderes Mal wieder. Bis bald!“, log ich.

Plötzlich eilte er zur Tür.

„Gehen Sie nicht! Wir müssen uns unbedingt unterhalten, hinten in meinem Büro! Ich heiße James. James Frank. Bitte!“

Ich sah ihn nur irritiert an und verließ fluchtartig das „Time love“. Ich schob den Kinderwagen so rasch ich konnte über den Bürgersteig und bog um die nächste Ecke. Erst dann legte ich eine Pause ein und schnappte nach Luft.

Julie jubelte; die schnelle Fahrt hatte sie begeistert. Nach ein paar Minuten überquerte ich die Kreuzung und lief links in eine Seitenstraße zum nächsten Möbelladen, hoffentlich ohne Kraftort. Der Tag hatte schlecht begonnen und nun schien er so weitermachen zu wollen. Mein Herz pochte immer noch wild, und ich überlegte ernsthaft, ob ich wirklich da hineingehen sollte. Ich tat es und hatte Glück.

Das „Pretty“ präsentierte sehr hübsche Sachen und war ganz normal. Ich fand ein bequemes Sofa, zwei Sessel, einen Wohnzimmertisch, zwei Beistelltische und eine Stehlampe, zahlte mit Karte, und es wurde abgemacht, mir die Sachen am späten Nachmittag nach Hause zu liefern, da sie auf Lager waren. Die Grundausstattung fürs Wohnzimmer war gefunden. Ich machte mich auf, um noch Möbel für das Kinderzimmer zu kaufen.

Das „Pretty“ hatte mir letztendlich gutgetan. Ich war so beschäftigt mit Aussuchen gewesen, dass ich die Begegnung mit James Frank verdrängt hatte.

Nun, auf dem Weg zu einem nahegelegenen Flohmarkt, flackerte die Erinnerung an diesen mysteriösen Mann wieder auf. Er wollte mich unbedingt sprechen, es schien dringend zu sein. Warum? Ich machte mir Vorwürfe, den Laden nicht gleich nach Betreten verlassen zu haben. Die Energie hatte ich doch gespürt, das hätte mir eine Warnung sein sollen! Aber nein, ich musste ja mit dem Feuer spielen.

Obwohl … was hatte ich tatsächlich zu befürchten? James Frank kannte weder meinen Namen noch meine Adresse und ich war nicht gezwungen, seinen Laden erneut aufzusuchen. Ich würde einfach einen Riesenbogen um diese Gegend machen. Problem gelöst.

Das hob meine Stimmung, und ehe ich mich versah, standen Julie und ich schon am Eingang des Flohmarkts. Die Auswahl war riesig. Beeindruckt flanierte ich, den Kinderwagen vor mir her rollend, von einem Stand zum andern. An einem fand ich eine wunderschöne Kommode. Ich handelte einen guten Preis aus, und auch dieses Möbelstück sollte mir am Nachmittag geliefert werden. An einem anderen Stand wurde ich ebenfalls fündig: Ein Schaukelpferd, ein Mobile mit Sternen und eine Stehlampe würden am gleichen Tag Julies Zimmer zieren.

Etwas erschöpft, aber zufrieden mit meiner Ausbeute, schob ich Julie zum nächsten Taxistand und fuhr nach Hause. Ich nahm an, dass Tom bald da sein würde, und überlegte mir, was ich kochen könnte.

Die Küchenschränke, samt Inhalt wie Geschirr, Besteck und Vasen, sowie alle elektrischen Geräte hatten wir dem Vorbesitzer abgekauft. Der Kühlschrank war ein Traum: doppeltürig und mit Eiswürfelmaschine.

Trotz der alten Stromleitungen waren die technischen Geräte vom Feinsten. Ich öffnete die große Kühlschranktür, um mich von unseren Lebensmitteln zu einem leckeren Mittagessen inspirieren zu lassen. Während ich gebeugt den Inhalt inspizierte, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Tom wollte sich wohl wieder an mich heranschleichen!

„Schatz, das ist jetzt wirklich nicht mehr neu! Also denke dir mal was anderes aus, um mich zu überraschen!“, sagte ich, immer noch mit dem Rücken zur Geräuschquelle.

„Sind Sie sicher, dass ich Sie nicht überraschen kann?“, fragte eine Stimme.

Ich drehte mich wie von der Tarantel gestochen um und blickte in die blauen Augen von James Frank, der vor der Tür der Vorratskammer stand. Mein Herz raste. Ich wollte nach dem Küchenmesser greifen, das auf dem Tisch lag, aber ich war wie gelähmt.

„Wie kommen Sie denn hierher?“

Gleichzeitig fiel mir auf, dass das eine ziemlich dämliche Frage war. Wer einen Kraftort in seinem Laden hatte, konnte auch Zeitreisen unternehmen.

„Woher wussten Sie, wo wir wohnen?“, setzte ich schnell nach.

Diese Frage machte mehr Sinn.

„Durch den Detektor“, antwortete James Frank.

„Den was?“

„Den Detektor für Zeitreisen. Ganz neu. Es ist ein Gerät, das alle Zeitreise-Aktivitäten angibt. Wie ein Spurensuchgerät. Außerdem kann man damit Kraftorte und – als Clou – auch Menschen finden. Das Gerät sendet ein Signal aus, das Personen scannt. Sind die Daten desjenigen „eingefangen“, kann man sie dazu benutzen, um ihn zu orten, wie GPS.

Natürlich ermittelt das Gerät nicht den Namen, sondern nur die individuellen Schwingungen. Wenn man die Schwingungsdaten als Code in die Suchvorrichtung eingibt, zeigt sie den Aufenthaltsort an. Und wenn noch ein Kraftort praktisch nebenan ist, wird der ebenfalls angegeben, mit Koordinaten, die sich auf einen virtuellen Stadtplan eines Ortes und einer Zeit legen. Damit kann man ganz bequem zu dieser Person reisen. Und hier bin ich!“

Ich konnte es nicht fassen. Ein solches Gerät hatte uns gerade noch gefehlt. Sicher steckte Charles dahinter, und ich hatte auf einmal Angst, dass Mr. Frank von ihm geschickt worden war.

„Was wollen Sie von mir?“

„Ich habe dieses Gerät von einem Zeitreise-Agenten erworben, der damit Schwarzhandel betreibt. Dieser Typ kannte Ihre Geschichte, Carine Lefevre. Sie haben immerhin den Kraftort der ehemaligen Organisation vernichtet, Sie sind berühmt-berüchtigt. Ehrlich gesagt war er ziemlich geschwätzig für einen Agenten. Von ihm erfuhr ich auch, dass ein gewisser Charles Wiltshire Sie sucht. Warum, weiß ich nicht.

Die Zeitreise-Agenten haben ihre Heimat verloren, und dieser Charles will, zusammen mit ein paar anderen, eine neue Organisation gründen und alle wieder vereinigen. Dazu muss er aber die verstreuten Mitarbeiter aufspüren. Ein Freund von ihm, Eddie Miller, hat in seinem Auftrag diesen Detektor entwickelt. Natürlich ist der Hintergedanke auch, dass Zeitreisende, die aus kriminellen Gründen in andere Zeiten flüchten, schneller aufgestöbert werden. Das war ja der Sinn der Organisation.“

„Woher wussten Sie, dass ich die gesuchte Carine Lefevre bin, als ich in Ihr Geschäft kam?“

„Dieser Händler hat mir Ihren Steckbrief gezeigt. Charles Wiltshire lässt diese Dinger weltweit verteilen. Auf Ihren Kopf ist eine Belohnung von einer Million Pfund ausgesetzt. Aber nur lebendig, nicht tot! Zum einen kannte ich Ihre Beschreibung, zum anderen hat der Detektor, der in meinem Büro deponiert ist, Ihre Schwingungen eingescannt.“

„Seit wann sucht mich Charles? Wie lange ist dieser Steckbrief schon im Umlauf?“

„Na, seit ungefähr drei Wochen.“

Unglaublich … wir waren Charles knapp entkommen. Er muss praktisch nur wenige Tage nach unserem Abflug aus Edinburgh in unserem ehemaligen Pub eingetroffen sein. Hoffentlich hatte er nicht dem neuen Inhaber etwas angetan, dem wir, wohlweislich, unseren zukünftigen Wohnort nicht verraten hatten.

Erfreulicherweise hatte Kenny die Zeit bis zum Verkauf unseres Pubs dazu genutzt, seinen esoterischen Buchladen in Dublin zu veräußern. Tom, Julie, Kenny, Dean und ich waren keine Sekunde zu früh geflohen. Da hatten wir wirklich mehr Glück als Verstand gehabt.

Aber warum pressierte es Charles auf einmal so sehr? Was war geschehen? Neben meiner Verwirrung stieg noch eine ungeheure Wut in mir hoch, denn Charles hatte mich ein weiteres Mal verraten.

Ich erinnerte mich daran, dass er niemanden erzählen wollte, wer für die Vernichtung der Organisation samt Kraftort verantwortlich war. Seine Beteiligung daran hatte er bestimmt nicht erwähnt. Nun war ich „berühmt-berüchtigt“ und wurde steckbrieflich gesucht. Was für eine Katastrophe!

Und noch eine Frage drängte sich mir in den Sinn: Warum hatten mich keine Schallwellen vorgewarnt? Vor allem vor James Franks Auftauchen. Gehörten sie zu meinen „vergänglichen“ Fähigkeiten? Oder gab es nur eine vorübergehende Störung? Doch etwas hatte mich alarmiert: der Traum von letzter Nacht, der nun einen Sinn ergab.

Ich musste eine Weile so weggetreten vor James Frank gestanden habe, dass dieser auf mich zukam.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Ich wollte Ihnen keine Angst einjagen.“

„Aber Sie möchten mich an Charles ausliefern und die Belohnung kassieren.“

„Nein, bestimmt nicht. Ich wollte wirklich nur mit Ihnen sprechen.“

„Das verstehe ich nicht! Wenn Sie nicht das Geld wollen, was wollen Sie dann?“

„Ja genau, was wollen Sie?“, fragte Tom, der in diesem Moment in die Küche getreten war.

Ich hatte ihn nicht kommen hören, so sehr nahm mich die Geschichte mit. Tom schaute uns an. Ich erzählte ihm, was ich gerade gehört hatte. Tom war genauso entsetzt wie ich. Man konnte ihm ansehen, wie es in seinem Hirn arbeitete. Nur beim Punkt „Verkäufer“ korrigierte mich James Frank. Er sei der Inhaber von „Time love“, sagte er stolz. Aber ansonsten machte er in Anwesenheit von Tom einen unsicheren Eindruck, als ob ihm klar geworden war, was er soeben losgetreten hatte.

Tom schien die veränderte Sachlage mit Charles erstmal beiseiteschieben zu wollen und konzentrierte sich auf den Eindringling.

„Sie haben unsere Frage immer noch nicht beantwortet: Was wollen Sie von Carine?“, wiederholte Tom.

„Ich wollte sie kennenlernen und sie warnen, dass sie gesucht wird.“

Weder Tom noch ich glaubten, dass das die wahren Gründe waren. Misstrauisch sahen wir ihn an.

„Mehr kann ich nicht sagen. Ich bin nicht am Geld interessiert. Und ich bin kein Verräter. Als dieser Händler von Ihnen erzählte, Carine, war ich einfach nur wahnsinnig neugierig. Ich bin bestimmt kein Zeitreise-Agent. Aber ich habe Zeitreisen unternommen. Ich liebe Möbel, und aus jedem Jahrzehnt habe ich etwas mitgebracht. Ich verdiene sehr viel mit diesen Möbeln. Sie sind praktisch ‚frisch‘ aus ihrer jeweiligen Zeitepoche importiert. Das scheinen die Kunden zu spüren, das fasziniert sie, ohne dass sie wissen, warum.

Im Haus meiner Eltern in New York entdeckte ich im Keller etwas Außergewöhnliches. Sie können es sich schon denken! Neben einem Regal befand sich eine Falltür, die mir früher nie aufgefallen war. Ich öffnete sie und stolperte blindlings in diese Grube und in ein Zeitreise-Abenteuer. Die Dunkelheit und die Kälte jagten mir Angst ein. Um sie zu verjagen, dachte ich an einen schönen Ort, an dem ich dann, ich weiß nicht wie viel später, benommen und mit starken Kopfschmerzen aufwachte, ohne zu wissen, wer und wo ich war. Durch Zufall fand ich den Weg zurück. Mir wurde klar, was ich entdeckt hatte: eine Zeitmaschine!

Diese Entdeckung nutzte ich und brachte meinen Eltern interessante Stücke mit; sie haben in Manhattan ein Antiquitätengeschäft. Sie schöpften keinen Verdacht, weil ich ihnen sagte, dass ich die Raritäten auf Reisen erworben hatte. Dafür verschwand ich immer für längere Zeiträume. Ich war allerdings auch in eigener Sache unterwegs, und nachdem ich genügend Möbel zusammengetragen hatte, bin ich hergezogen und habe diesen Laden eröffnet. Meine Reisen waren rein beruflich.“

„Ja, vielleicht. Aber ich fürchte, Ihr Motiv herzukommen, ist nicht ganz so rein“, knurrte Tom. „Mr. Frank, es ist Ihnen wohl klar, dass wir Sie jetzt nicht gehen lassen können, bevor wir nicht mehr über Sie wissen. Ehrlich gesagt, ich traue Ihnen nicht! Das alles erscheint mir äußerst suspekt.“

„So kommen wir nicht weiter, Tom. Wir können ihn doch nicht hier einquartieren bis zum Jüngsten Tag! Außerdem ist das Gästezimmer nicht eingerichtet.“

„Das ist kein Problem. Ich bringe ein paar Möbel aus meinem Laden mit, die Sie behalten können. Das kostet Sie keinen Cent … Service des Hauses. Ich erkläre mich bereit, bei Ihnen zu bleiben, um zu beweisen, dass Sie mir vollkommen vertrauen können. Und ich möchte Ihnen helfen, wenn Gefahr naht, Sie wissen schon“, sagte James Frank.

Die Situation war zwar etwas eigenartig, aber es war zumindest ein erster Schritt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Der Mann hatte nicht nur den Hausarrest akzeptiert, er hatte im Gegenteil sehr bereitwillig zugestimmt. Schon seltsam.

Tom begleitete ihn in den Laden, und sie luden ein Bett samt Matratze, Kissen und Bettwäsche, einen Kleiderschrank, einen Sekretär, einen Stuhl, eine Kommode, zwei Stehlampen und einen Ohrensessel auf einen Transporter. Zwei Stunden später schleppten sie alles ins Gästezimmer, das durch die antike Pracht in neuem Glanz erstrahlte.

Den Transporter fuhren sie wieder zurück und parkten ihn in der Garage neben dem Geschäft. James Frank hängte noch ein Schild mit dem Hinweis „Wegen Urlaub geschlossen“ an die Eingangstür, und zusammen mit Tom „reisten“ sie in unsere Küche.

Den Detektor, der wie ein harmloser, kleiner Laptop aussah, hatte unser Mr. Frank natürlich mitgebracht. Tom wollte sich das Ding bei Gelegenheit genauer ansehen; in der Hektik des Tages war keine Zeit.

Nach James Franks Einzug kamen die bestellten Möbel aus dem „Pretty“ sowie vom Flohmarkt und wollten platziert werden. Innerhalb weniger Stunden war unser Haus komplett eingerichtet – Hausgast inklusive. Und der Detektor war fürs Erste vergessen.